Klettern – ein Akt der Kreativität

SPORTKLETTERN ⋅ Julien Clémence ist 16 Jahre jung, rockt aber bereits die steilsten Wände. Am Wochenende gab er im französischen Voiron bei Grenoble eine Kostprobe seiner grossen Talente.
10. April 2018, 08:58

Roland Bucher

regionalsport@luzernerzeitung.ch

Das Gespräch mit Julien Clémence beschränkt sich im klettertechnischen Fachbereich auf das Wesentliche; der junge, ehrgeizige Mann aus Gisikon wählt schon bald die für den Laien verständlichere und spannendere Route: jene der Gefühle, der Motivation, die anstacheln, zwar am Seil oder Haken gesichert, aber nicht minder anstrengende Steilwände, kantige Felsen, heimtückische Kletterwände hochzuhangeln. «Wissen Sie», sagt er, der sich früher auch beim Fussball oder Unihockey und auch im Karate übte, «wenn man einmal vom Klettervirus erfasst ist, dann wird vieles andere nebensächlich.»

Klettern wird zum Lebensinhalt. Julien Clémence schwärmt von der Kreativität, die er bei der Suche nach neudefinierten Wegen ans Kletterziel erlebe, spricht von der Herausforderung, spontane Probleme bei der optimalen Griffwahl elegant zu lösen, von der spielerischen Leichtigkeit, die ihn beseele, wenn er im Kampf gegen und mit dem Fels den richtigen Ausgang findet. «Klettern macht mich glücklich. Wenn ich klettere, ist es mir nie, aber auch wirklich nie nur eine einzige Sekunde langweilig.»

Der Traum vom Profi ist kaum zu erfüllen

Dem jungen Luzerner, der in seiner Freizeit gerne mal auch selber ein spannendes Video dreht, wurde die Kletterei zwar nicht gerade in die Wiege gelegt, aber dass Papa Jean-François, Mama Corinne und seine Schwester Zoé ihre Wochenendaktivität vorwiegend und offensichtlich mit höchster Begeisterung auf den Fels oder in die Kletterwand konzentrierten, blieb Klein-Julien nicht verborgen. Mit sechs Jahren hing Julien bereits am Seil seines Vaters, 2013 erlebte das heute 1,66 Meter grosse und 50 Kilogramm schwere Leichtgewicht in Grindelwald erstmals Weltcup-Atmosphäre: «Spätestens da wusste ich: Das ist mein Sport, das wird mein Lebensinhalt.»

Inzwischen hat Julien Clémence seine ausserordentliche Begabung mehrfach bestätigt, heftete sich 2018 bei den Boulder-Schweizer-Meisterschaften U18-Gold an die Brust, spürt, dass «ich es packen kann, ganz in die Elite vorzustossen». Am Wochenende im französischen Voiron legte er beim ersten Europacup-Event dieser Saison in der Königsdisziplin des Sportkletterns Ehre für die Schweizer Nationalmannschaft ein. Im Lead-Wettkampf, der bekanntesten Disziplin, die Kraft, Ausdauer und ausgeprägte taktische und technische Finesse erfordert, deutete Clémence mit Rang 17 unter 42 Teilnehmern an, dass der Traum, dereinst auch international Podeste zu ersteigen, kein utopischer ist.

Eher ins Reich der Fabel gehöre, erklärt der Luzerner, der in seiner Altersklasse bald in die Top 10 vorzudringen gedenkt, dass man sich als Athlet in der Kletterei als Profi verdingen könne. Das sei «höllenschwer», erklärt er ohne Umschweife. Wer sich Illusionen mache, den bestrafe die Tatsache, dass der grosse Reibach nur für Abenteurer und Expeditionsspezialisten, wie das zum Beispiel der vor einem Jahr im Nepal abgestürzte Extrembergsteiger Ueli Steck war, möglich sei.

Der Traum von einer Symbiose

Doch den Traum, von seiner Leidenschaft, der Kletterei, «die mir so viel bedeutet», das Leben neben dem Sport bestreiten zu können, gibt er natürlich nicht auf. «Später, nach meiner Aktivkarriere, mit Kameraden ein eigenes Kletterzentrum zu eröffnen: Das ist für mich eine Vorgabe, die ich schon jetzt intensiv verfolge», erklärt der junge strebsame Luzerner.

Dass Julien Clémence an der Frei’s Talents School eine Grundausbildung als Handelsschüler absolviert, die er 2021 abschliessen wird, zeugt keineswegs davon, dass er später in einer trockenen beruflichen Materie verharren möchte. «Es war meine und auch die absolute Absicht meiner Eltern», betont er, «dass ich beruflich ein gutes Sprungbrett haben werde. Hier in dieser Sporthandelsschule kann ich meine Bedürfnisse optimal unter einen Hut bringen.» Das werde ihn dereinst aber erst recht motivieren, die Berufsmatura anzuhängen und sich noch bessere Voraussetzungen für einen spannenden Lebensweg nach – oder, idealerweise, zusammen mit dem Sport zu ermöglichen: «Mein grosses Ziel ist es», sagt er, der Kreativkünstler am Fels und Ästhet beim Bewältigen desselben, «später Architektur zu studieren.» Womit sich der Kreis seiner Talente und Passionen perfekt schliessen würde.

Doch diese Aussichten streben vorderhand in die Ferne, höchste Priorität hat der Wettkampf am und mit dem Fels, an und mit der Wand. An den Olympischen Sommerspielen 2020 in Tokio wird die Sportkletterei als weitere spektakuläre Disziplin in den Reigen aufgenommen: «Das kommt für mich zu früh», spürt Julien Clémence. «Aber 2024 will ich dabei sein. An Olympischen Spielen mitwirken zu dürfen, das ist eines der höchsten Gefühle in einem Sportlerleben.» Dass sie, die Games, dann ausgerechnet in Paris, der Hauptstadt jenes Landes, in dem der Luzerner ganz besonders passioniert den Fels hockkraxelt, stattfinden – das sei vorderhand nur am Rande erwähnt.

Julien Clémence

Geboren: 11. November 2001
Geburtsort: Wolhusen
Wohnort: Gisikon
Ausbildung: Sporthandelsschule bei Frei’s Talent School
Trainer: Sebastian Stuppan
Kader: Zentralschweizer Kader; Nationalkader
Erfolge: 2018: Schweizer Meister U18. – 2017: Jugend-WM 18. Rang Lead. – 2016: Schweizer Meister U16
Schwierigkeitsgrade: Lead: 8a+ Boulder: 7b+
Fernziele: Jugend-WM; Teilnahme Olympia; Profi im Sportklettern
Hobbys: Filmen, Longboarden, Snowboarden, Fussball


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