Bachelor Nietlispach verliert letzten Kampf

KICKBOXEN ⋅ Janosch Nietlispach verliert vor 2000 Zuschauern in der Bossard-Arena in Zug seinen letzten Kampf. Der routinierte Gegner Petar Majstorovic hat seine Taktik nach dem Leitmotiv ausgerichtet: Geduld bringt Rosen.
Aktualisiert: 
12.06.2017, 10:00
11. Juni 2017, 18:10

«Du schaffsch das, Janosch! Du schaffsch das!» Ramon Nietlis­pach eilt um den Ring herum und reisst schreiend die Arme hoch. Sein Bruder ist zu Boden gegangen. Nach dem x-ten Tritt gegen sein rechtes Bein haben Janosch Nietlispach die Kräfte verlassen. Er, der personifizierte Durchhaltewille, der Streetfighter – er ist am Ende. Er schafft es zwar, sich noch einmal aufzurappeln, aber er wird es nicht mehr schaffen durchzuhalten, wie sein Bruder hofft. Denn es sind noch zwei Minuten zu absolvieren. Zwei Minuten im Ring sind in dieser Verfassung, wie vor einem Berg zu stehen. Ein Berg, der nicht überwunden werden kann, weil der Gipfel unerreichbar ist. Ein Berg, vor dem nicht nur der Menschenverstand, sondern auch das Kämpferherz kapituliert.

Sekunden später fällt Nietlis­pach nach einem weiteren Treffer ans rechte Knie mit schmerzverzerrtem Gesicht. Der Ringrichter bricht den Kampf ab und bewahrt ihn möglicherweise vor dem ersten Knockout seiner Karriere. Aussenstehende werten dies als Erlösung. Janosch Nietlis­pach als Enttäuschung.

Die Routine setzt sich durch

Der 28-jährige Chamer hat seine Sportlerkarriere mit einer Niederlage beendet, am «Andy Hug Memorial» in der Zuger Bossard-Arena. Nach Veranstalterangaben haben über 2000 Zuschauer gesehen, wie er dem 14 Jahre älteren Petar Majstorovic im Kampf um den prestigeträchtigen K1-Weltmeistertitel im Halbschwergewicht (geschätzte 30000 Franken Gage) unterlag. Der Altersunterschied zwischen den beiden mehrfachen Weltmeistern verschiedener Verbände war ein Thema im Vorfeld in den sozialen Medien – häufig nicht zum Vorteil des scheinbar abgetakelten Berners. Doch letztlich sollte sich die damit einhergehende Routine als entscheidend erweisen. Majstorovic liess Nietlispach sich austoben, hielt trotz geringerer Körperlänge geschickt die Distanz und suchte bei Bedarf zusätzlichen Ausweichraum in den elastischen Seilen. Und er setzte immer wieder Wirkungstreffer, vor allem Kicks gegen das rechte Bein.

Die im Kampf gegen den TV-«Bachelor» gewählte Taktik «Geduld bringt Rosen» ging auf. Nach drei Runden entschieden die Ringrichter überraschend auf Unentschieden. Nietlispach hatte zwar in seiner typischen Art eine fulminante erste Runde geboten, sich aber verausgabt. In der zweiten Runde war er bereits in der Defensive, in der dritten kassierte er einige schwere Treffer. Hier zeigte er seine viel gerühmten Nehmerqualitäten. Auszuteilen war er aber längst nicht mehr in der Lage. In der Extrarunde war er nur noch eine Hülle auf wackligen Beinen.

Deutliche Worte von Nietlispach

Es gelingt Nietlispach, die Niederlage mit Grösse zu meistern, indem er die Überlegenheit von Majstorovic anerkennt. Man muss kein begabter Lippenleser sein, um den Satz «Du bist unglaublich» zu erkennen, den der Chamer seinem Gegner mehrfach ins Ohr spricht. Der Showman wirkt jetzt sehr bei sich. Im Interview mit dem Ringsprecher findet Nietlispach direkte und damit ehrliche Worte für seinen Zustand: «Scheisse» fühle er sich, sein körperlicher Zustand sei am A..., Majstorovic habe «verdient» gewonnen. Dieser stellt klar, dass der TV-«Bachelor» entgegen anders lautender Kommentare im Vorfeld «ein grosser Kämpfer» sei. Anschliessend lässt sich Majstorovic mit dem Weltmeistergürtel feiern und fotografieren, während Nietlispach in seiner Ecke auf einem Stuhl sitzt und den Zuspruch seines Teams und seiner Mutter Stefanie erhält.

Als Janosch Nietlispach schliesslich den Ring verlässt, stützt er sich auf den Arm seiner Mutter. Es ist ein rührendes Bild, und ein aussagekräftiges für seine Laufbahn: Er hat, während er auf den grösstenteils überaus entbehrlichen und kaum einträglichen Weg als Profikampfsportler setzte, immer um die Unterstützung seiner Familie gewusst. Die Mutter Stefanie fühlt natürlich mit ihrem niedergeschlagenen Sohn mit. Aber sie ist auch sichtlich erleichtert: Es ist das letzte Mal.

Für seinen letzten kampf erhielt Nietlispach besondere Unterstützung: Den Einzug in die Arena bestreitete der Kickboxer mit einem Song vom Chamer DJ Robin Tune.

 

Raphael Biermayr

raphael.biermayr@zugerzeitung.ch

  • Luzerner Zeitung AG
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Der 28-jährige Chamer Janosch Nietlispach hat vor 2'000 Zuschauern in der Bossard Arena seinen letzten Kickbox-Kampf verloren.

Video: Chamer DJ Robin Tune schreibt Song für Ex-Bachelor Janosch Nietlispach

DJ Robin Tune, der in Cham ein Studio hat, hat ein Lied für den letzten Kickbox-Kampf von Janosch Nietlispach produziert. Der Song erscheint erst anfangs Juni. Hier können Sie ihn bereits in voller Länge hören. (Stefanie Nopper, 28.05.2017)




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