Ausschreitungen gab’s schon im Mittelalter

SCHWINGEN ⋅ Die Universität widmet sich aktuell der Sportgeschichte in der Schweiz. Im Interview erklärt der Historiker Michael Jucker, warum die Sporthistorie für ein Land wichtig ist – und berichtet Überraschendes.
13. Juni 2017, 05:00

Interview: Daniel Wyrsch

daniel.wyrsch@luzernerzeitung.ch

Michael Jucker, obwohl viele internationale Verbände ihren Sitz in der Schweiz haben, ist die Sportgeschichte des Landes untererforscht. Warum?

Die Gründe sind unterschiedlicher Natur. An den Universitäten herrscht leider wenig Interesse. In der Deutschschweiz gibt es keine Lehrstühle oder Institute, die sich dem Thema Sportgeschichte widmen. Erforscht wird es nur durch Einzelpersonen, die dies im Rahmen der allgemeinen Geschichte in Unterricht und Forschung betreiben. Wir arbeiten alle verteilt und sind Einzelkämpfer. Dabei brauchen wir dringend bessere Unterstützung. Zudem gibt es kein Sportarchiv wie beispielsweise in Deutschland. Sportgeschichte ist unterfinanziert, die Vereine haben kein Geld für ihre Geschichte. Dabei wäre das wichtig für das historische Marketing und die Verankerung in der Bevölkerung.

Hat es möglicherweise mit dem Anti-Reflex der Intellektuellen zu tun, dass der Sport seit vielen Jahrzehnten sehr populär ist und in den Massenmedien entsprechend Beachtung gefunden hat?

Ja, teilweise ist das sicher so. Sport galt bei Professoren lange als verpönt oder als Hobbybeschäftigung. Daher gilt das auch für die Sportgeschichte. Es hat aber weniger mit den Massenmedien zu tun als mit der intellektuellen Beschäftigung mit Hochkultur. Sport hat erstaunlicherweise wenig Bedeutung.

Immerhin hat bei den Professoren eine Änderung stattgefunden.

Die Situation hat sich tatsächlich geändert. Mittlerweile hat beispielsweise der Fussball seit den 1990er-Jahren in intellektuellen Kreisen Fuss gefasst, und die Auseinandersetzung mit der Herkunft des Sports ist wichtig geworden. Auch beim Frauensport stellt man einen Aufwind fest. Aber gerade hier ist in der Schweiz noch viel zu tun.

Welches Ereignis im Fussball hat zu diesem Sinneswandel bei den Akademikern geführt?

Die WM 1994 in den USA war ausschlaggebend, die Schweiz nahm erstmals nach einem 28-jährigen Unterbruch wieder an einem grossen Turnier teil. Dazu war das Schweizer Team relativ erfolgreich, erstmals gab es Public Viewings im Land. Das hat zur Wende beigetragen.

Warum wird die Sportgeschichte in der Schweiz überhaupt erforscht?

Weil man daran allgemeine gesellschaftliche Zustände festmachen kann und die Sportgeschichte Teil des kulturellen Erbes ist. Eine wichtige Frage ist zum Beispiel, wer beim Sport mitmachen darf. Frauen waren ja lange ausgeschlossen. Oder auch: Wer bestimmt die Teilnahme an welchen Sportarten? Ausserdem lassen sich Begleiterscheinungen wie Korruption thematisieren.

Was ist der Nutzen dieser Erforschung?

Da sind unterschiedliche Interessen zu nennen: Vereinen und Verbänden würde ihre professionelle Erforschung eine vertiefte Identität liefern. Vergangenheitsmarketing ist ein Verkaufsargument. Der Bevölkerung könnte der Stellenwert des Sports bewusster gemacht werden. Erstaunlich ist übrigens: Der Sport generiert in der Schweiz während der letzten Jahre mehr Umsatz als die weitaus besser subventionierte Landwirtschaft. Wir sind ein Land von Sportlern. Aber die Umstände, die Geschichte und das kulturelle Erbe sind noch weitgehend unbekannt. Nicht zu vergessen ist: In den Medien ist immer wieder davon die Rede, dass Sportgeschichte geschrieben worden sei. Oft wird der Begriff «historischer Erfolg» inflationär verwendet. Sporthistoriker können den Medien zudienen und vertiefte Argumente und Hintergrundwissen liefern.

Sind andere Länder in der Erforschung ihrer Sportgeschichte viel weiter?

Ja, absolut. In England gibt es ganze Institute und zahlreiche Museen, auch in Deutschland gibt es über 70 sporthistorische Museen und einige Institute, die sich mit sporthistorischen Themen befassen. Die Schweiz ist da leider im Hintertreffen. Das einzige gesamtschweizerisch orientierte sporthistorische Museum ist das Sportmuseum in Basel.

Was ist das Ziel der Uni Luzern für diesen Workshop zum Thema Forschungsbefunde, Bestände, Desiderata?

Zusammen mit anderen Historikern habe ich einen Verein zur Förderung der Sportgeschichte gegründet. Wir wollen vernetzen, vermitteln und fördern. Der Workshop ist ein Anfang, um überhaupt interessierte Forschende zusammenzubringen und um private und staatliche Sammler, Museen und Archive aus der ganzen Schweiz zu vernetzen und zu diskutieren, wie es weitergehen soll. Was soll bewahrt und künftig erforscht werden? Wir planen zudem Ausstellungen und Angebote für die Schulen. Wir wollen auch Laien ansprechen, die sporthistorisch interessiert sind und vielleicht selber Objekte oder Fotos sammeln. Vieles geht verloren und vergessen oder wird zerstört. Das kulturelle Erbe des Sports wollen wir bewahren, und zwar auf allen Ebenen.

Müssen Sie auch falsche Geschichtsschreibung im Sport aufdecken?

Historiker können korrigieren, wenn beispielsweise einzelne Vereine ihre Vergangenheit verklären oder die düsteren Kapitel unter den Teppich wischen. Oder zeigen, dass gewisse Phänomene wie Zuschauerausschreitungen gar nicht so neu sind und wenig mit einer verrohten Jugend zu tun haben, sondern bereits im Mittelalter bei Schwingfesten vor über 1000 Zuschauern beispielsweise im Entlebuch vorkamen.

Denken Sie, dass aus der Geschichte heraus auch ein Blick in die Zukunft des Schweizers Sports gemacht werden kann?

Historiker sind nie Propheten, aber man kann Tendenzen feststellen: Es wird immer stärker professionalisiert und vermarktet. Aber auch das ist keine neue Erscheinung, sondern eine Bewegung, die bereits im 19. Jahrhundert ansetzt mit den Medien und einer Kommerzialisierung des Sports. Zuerst mit den Zeitungen. Später kamen das Radio und das Fernsehen dazu. Heutzutage werden die Berichterstattung und die Vermarktung des Sports mit dem Internet nochmals verstärkt.

Zur Person

Dr. Michael Jucker (46) ist Privatdozent und Historiker für Geschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit an der Universität Luzern. Als weiteren Schwerpunkt erforscht er die Sportgeschichte in der Schweiz vom Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert.


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