Noch besser als in Melbourne

TENNIS ⋅ Nach dem deutlichen Sieg gegen Nadal steht Roger Federer gegen Nick Kyrgios im Viertelfinal. Die Chancen stehen gut, dass der Maestro das zweite Gipfeltreffen der Saison als Sieger beendet.
17. März 2017, 07:50

Jörg Allmeroth

sport@luzernerzeitung.ch

Als Roger Federer kürzlich auf den Final von Melbourne zurückblickte, auf den vielleicht denkwürdigsten Coup seines Tennislebens, da sagte er, es sei «auch eine Menge Glück im Spiel» gewesen. Das Glück, in «zwei, drei Momenten die richtige Entscheidung» getroffen zu haben. Auch das Glück, dass einige Bälle «knapp drin und nicht knapp draussen» gewesen seien.

Am Mittwochabend sah er den Mann wieder, gegen den er in der Rod-Laver-Arena die verrückte Aufholjagd des fünften Satzes mit dem 18. Grand-Slam-Titel gekrönt hatte, wieder stand Roger Federer seinem alten Freund und Weggefährten Rafael Nadal gegenüber – doch schärfer als zwischen dem Fünf-Satz-Marathon von Melbourne und diesem Duell beim Masters von Indian Wells hätte der Kontrast gar nicht ausfallen können.

Dritter Sieg in Folge gegen Nadal

Glück war dieses Mal ganz und gar nicht im Spiel, nicht in den flüchtigsten Spuren, es war eine einzige Machtdemonstration des 35-jährigen Superstars. Und jener 6:2, 6:3-Sieg gegen Nadal, er war auch ein neuer Höhepunkt auf Federers Comeback-Tour, bei seiner Rückkehrmission ins professionelle Tennis nach der Seuchensaison 2016. «Ein wunderbares Spiel, ein wunderbarer ­Moment», sagte Federer später zu diesem bestaunenswerten ­Erfolg gegen Nadal. Denn, das darf nicht vergessen werden: ­Nadal ist der Spieler, gegen den Federer über lange Jahre die schlechteste Bilanz überhaupt hatte, der sogar so etwas wie der Angstgegner des souveränen Eidgenossen war. Doch nun hat Federer die letzten drei Spiele gegen Nadal gewonnen, auch dies eine Premiere, ­einen solchen Hattrick hatte er bisher nie im Kampf der Giganten geschafft.

Federer bleibt das Phänomen dieser verblüffenden Tennisspielzeit. Denn als er zuletzt in Dubai auftrat, in seiner zweiten Heimat, seinem Trainings- und Familien-Refugium, da klagte er durchaus vernehmlich über die «müden Knochen» nach der Australian-Open-Gipfelbesteigung. Er war ausserordentlich gut gelaunt, aber ebenso schwer geschafft – auch wenn Melbourne, der Sieg gegen Nadal, schon drei Wochen zurücklag. Federer verlor dann auch in seinem zweiten Spiel gegen den 116. der Weltrangliste, den Russen Donskoy, und er sagte, er wisse nicht genau, wie die Eingewöhnung an den ganz normalen Turnierrhythmus in den nächsten Wochen verlaufen werde, in Indian Wells und in Miami. «Ich stehe gerade erst am Anfang dieses Comebacks», sagte Federer.

Und nun das, der nächste Auf­reger für die Tennisfans: die Deklassierung Nadals in 68 Minuten, die Abfuhr des viele Jahre härtesten Rivalen. Durch einen Federer mit meisterlicher Aggression und Entschlossenheit. Der mit direkten Siegschlägen immer und immer wieder ein Stoppschild aufstellte, wenn längere, zermürbende Grundlinienduelle mit dem spanischen Matador drohten. Federer sagte dann auch kurzumwunden, was er gar nicht mit Understatement belegen konnte: «Mir ist alles gelungen. Ich habe den absoluten Druck ausgeübt.»

Kyrgios fiel zuletzt nur mit Siegen auf

Nur einen Schönheitsfehler hatte das Ganze. Wenn sich Federer und Nadal sonst trafen auf dem Centre Court, dann war es fast immer ein Final – und nicht die Runde der letzten sechzehn, wie nun in Indian Wells. «Eigentlich hatte man nach diesem Match immer frei – nun geht es mit Volldampf weiter», sagte Federer.

Im Viertelfinal wartet nun der australische Exzentriker Nick Kyrgios auf Federer. Kyr­gios, grosser Entertainer, Riesentalent und Rüpel in einem, geht mit der frischen Empfehlung eines Sieges über Novak Djokovic in den Wüsten-Fight. Dass der Australier zuletzt nur verhaltensauffällig mit bemerkenswerten Siegen gewesen war, blieb Federer nicht verborgen: «Er hat eine grosse Karriere vor sich, wenn er sich auf das Wichtige und Richtige fokussiert.» So wie Federer das vor vielen, vielen Jahren auch gelungen war, in der heiklen Transformation vom Juniorenspieler zum Jungprofi. Er wisse, wie «schwer das alles ist», so Federer: «Du wirst erwachsen vor aller Welt. Das ist eine Herausforderung.»

Indian Wells, Kalifornien. ATP-Masters-1000- und WTA-Premium-Turnier (15,61 Mio. Dollar/Hart). Männer-Einzel. Achtelfinals: Wawrinka (SUI/3) s. Nishioka (JPN) 3:6, 6:3, 7:6 (7:4). Federer (SUI/9) s. Nadal (ESP/5) 6:2, 6:3. Kyrgios (AUS/15) s. Djokovic (SRB/2) 6:4, 7:6 (7:3). Nishikori (JPN/4) s. Young (USA) 6:2, 6:4. Thiem (AUT/8) s. Monfils (FRA/10) 6:3, 6:2. Cuevas (URU/27) s. Goffin (BEL/11) 6:3, 3:6, 6:3. Sock (USA/17) s. Jaziri (TUN) 4:6, 7:6 (7:1), 7:5. Carreño Busta (ESP/21) s. Lajovic (SRB) 6:4, 7:6 (7:5).

Viertelfinal-Tableau: Carreño Busta (21) – Cuevas (27), Wawrinka (3) – Thiem (8); Sock (17) – Nishikori (4), Federer (9) – Kyrgios (15).

Frauen-Einzel. Viertelfinals: Pliskova (CZE/3) s. Muguruza (ESP/7) 7:6 (7:2), 7:6 (7:5). Kusnezowa (RUS/8) s. Pawljutschenkowa (RUS/19) 6:3, 6:2

Halbfinal-Tableau: Pliskova (3) – Kusnezowa (8), Wozniacki (13)/Mladenovic (28) – Venus Williams (12)/Wesnina (14).


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