Das unglaubliche Comeback aus der Verletzungspause

TENNIS ⋅ Sloane Stephens gewinnt das US Open. Noch vor ein paar Wochen war sie nach langer Verletzungspause in den Niederungen der Weltrangliste abgetaucht.
11. September 2017, 08:09

Jörg Allmeroth, New York

sport@luzernerzeitung.ch

Es ist der 18. April, an dem Sloane Stephens (24) auf Twitter ein kleines Video veröffentlicht. Es zeigt, wie sie in einer Arztpraxis ganz behutsam die ersten Schritte ohne ihre Schiene macht, knapp drei Monate nach einer Operation am linken Fuss. Stephens lächelt, sie titelt «Aufgeregt» zu dem kleinen Filmchen, es ist das Ende einer monatelangen Leidenszeit, schon seit den Olympischen Spielen in Rio 2016 hat sie wegen einer Stressfraktur pausieren müssen. Neue Komplikationen erzwangen die Operation.

Noch ein paar Tage später folgt ein weiteres Video, nun sitzt Stephens auf einem Stuhl daheim in Florida auf einem Tennisplatz. Ein Coach wirft ihr Bälle zu, sie schlägt die Bälle im Sitzen ins Feld zurück. Die Szene erinnert an einen anderen, denkwürdigen und ehrgeizigen Comeback-Anlauf: Thomas Muster, der Österreicher, war 1989 in Key Biscayne von einem betrunkenen Autofahrer schwer am Knie verletzt worden. Kaum hatte er sich halbwegs von dem traumatischen Crash erholt, liess er sich einen Spezialstuhl bauen und trommelte noch mit eingegipstem Fuss die Bälle über den Trainingsplatz.

«Am besten höre ich jetzt gleich auf»

Muster brauchte ein paar Jahre, bis er sich zu Grand-Slam-Ruhm in Paris aufschwang, als dann beherrschender Sandplatzspieler seiner Epoche. Und Sloane Stephens? Gut vier Monate nach ihren ersten Übungseinheiten im Sitzen stand sie am Samstag im Arthur-Ashe-Stadion zu New York und reckte den Siegerpokal der US Open in die Höhe. Noch Anfang August war sie auf Platz 957 der Weltrangliste eingestuft gewesen. «Es war unmöglich für mich, hier zu gewinnen. Aber ich habe es geschafft», sagte Stephens schliesslich nach der unfassbaren Grand-Slam-Mission, nach dem finalen Happy End mit dem makellosen 6:3, 6:0-Sieg über ihre Freundin Madison Keys, «am besten höre ich jetzt gleich auf. Was kann dieses Turnier, diesen Erfolg noch toppen.»

Das Frauentennis hat in den letzten Jahren viele Comebacks erlebt, eindrucksvolle Geschichten von Spielerinnen, die nach Verletzungen stark und imponierend in den Wanderzirkus zurückkehrten. Auch die Geschichten von Kim Clijsters und Serena Williams gehörten dazu: Clijsters gewann die US Open auf Anhieb mit einer Wildcard, als sie 2009 nach einer Babypause den Wiedereinstieg wagte, sie hatte nicht einmal eine Weltranglistenplatzierung damals. Serena Williams schwebte 2011 nach einer Lungenembolie in Lebensgefahr, rund ein Jahr lang war sie nur frustrierte Zuschauerin des Tennisgeschehens, ehe sie ab 2012 wieder Major-Titel gewann. Aber Clijsters und Williams waren schon vor diesen beeindruckenden Rückkehrmissionen Grand-Slam-Champions gewesen, absolute Topstars.

Und Stephens? Sie war schon einmal für einige Zeit das nächste grosse Versprechen im amerikanischen Frauentennis. 2013 erreichte sie das Halbfinal der Australian Open, sie schien auf einem guten Weg – aber dann kam nichts mehr. Jedenfalls nicht auf dem Platz. Stephens hatte in der Szene den Ruf als Laut-Sprecherin weg: Immer etwas zu grossspurig, zu angeberisch, zu blasiert und protzig. Dem Hochmut folgte der Fall, sie verschwand aus der öffentlichen Wahrnehmung. Andere US-Spielerinnen rückten als potenzielle Erbinnen der Williams-Schwestern an ihre Stelle. So auch ihre Freundin Madison Keys.

Während der ersten Turnierwoche erzählte Stephens einmal, wie sehr sich alles für sie in den Monaten der Verletzungspause geändert habe, im letzten Spätsommer und Herbst. Der Blick aufs Tennis, der Blick auf ihre Karriere, das Erkennen, was gut und was schief gelaufen sei. «Ich merkte, wie schön es ist, mit Tennis mein Leben zu bestreiten. Ich wurde wirklich demütiger und bescheidener», sagte Stephens. Genau genommen hatte sie erst sich selbst besiegt, die alte Sloane Stephens, bevor sie wieder mit dem Tennisspielen anfing und dann bei den US Open zu diesem magischen Lauf ansetzte. Zu einem Titelgewinn, bei dem sie unter anderem die formstarke Julia Görges und im Halbfinal Venus Williams schlug. Es war ein unmöglich scheinender Erfolg nach dem anderen, eine Serie von Sensationen – bei dieser Mutter aller Comebacks im Frauentennis.

«Hollywood meets Centre Court», sagte Tennislegende Chris Evert am Samstagabend über diese letzte Grand-Slam-Episode des Jahres 2017 made in USA. Und tatsächlich: Nichts liebt die Traumfabrik und ihre Kundschaft mehr als dieses immer wieder greifende Drehbuch: Eine potenzielle Heldin muss erst tief fallen, muss sich läutern und bereuen, bevor sie – charakterlich verwandelt – wieder aufsteigt. Bis zum grossen Glück. Zum US-Open-Sieg in diesem Fall.

Finals. Frauen: Stephens s. Keys 6:3, 6:0.– Doppel: Hingis/Chan s. Hradecka/Siniakova. 6:3, 6:2. – Junioren: Yibing (CHN/2) s. Geller (ARG/1) 6:4, 6:4. – Juniorinnen: Anisimova (USA/4) s. Gauff (USA) 6:0, 6:2. – Männer: Nadal – Anderson nach Redaktionsschluss.


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