Die Renaissance der Rivalen

TENNIS ⋅ Rafael Nadal triumphiert nach 2010 und 2013 zum dritten Mal an den US Open. Den Final gegen den südafrikanischen Aussenseiter Kevin Anderson (ATP 32) gewinnt Nadal 6:3, 6:3, 6:4.
12. September 2017, 07:57

Jörg Allmeroth, New York

sport@luzernerzeitung.ch

Als Roger Federer im letzten Oktober die grosse Eröffnungsparty von Rafael Nadals Tennisakademie besuchte, da hatte das Wiedersehen der Tennis-Titanen auf Mallorca leicht sentimentale Züge. Federer war mittendrin in einer längeren Verletzungspause, auch Nadal plagten Probleme, er beendete dann bald die Saison 2016. Andere Stars hatten die Regie im Wanderzirkus an sich gerissen, die Rivalität zwischen Andy Murray und Novak Djokovic bestimmte die Schlagzeilen. Selbst Federers Kollege Stan Wawrinka gewann auf einmal Grand-Slam-Titel, zuletzt bei den US Open 2016.

Die Festivitäten in Nadals ultramodernem Trainingszentrum erinnerten an einen dieser Familiengeburtstage, an denen die schönsten Erinnerungen von Gestern und Vorgestern ausgetauscht werden, die Weisst-du noch-Geschichten. Federer scherzte damals noch, wenn seine Kinder jemals mit dem Tennisspielen beginnen würden, «dann schicke ich sie in dieses Zentrum hier, zu Rafa».

«Unglaubliche Momente voller Emotionen»

Was in den nächsten zehn Monaten passierte, können beide nicht erwartet haben. Nicht Federer, der das Jahr 2017 mit dem Paukenschlag-Triumph in Australien begann, im Final gegen Mitstreiter Nadal – und der dann auch noch in Wimbledon die siegreiche Hauptrolle spielte. Aber auch nicht Nadal, der energiegeladene, bullige Fighter, der in seiner Karriere schon zusammengerechnet drei Jahre lang wegen immer neuer Verletzungen pausieren musste. Er gewann nicht nur La Decima, den zehnten Titel in seinem roten Pariser Sand-Refugium. Er hatte schliesslich auch das machtvolle letzte Wort in dieser ausserordentlichen Tennis-Saison, in diesem Jahr der brillanten Renaissance der befreundeten Rivalen: «Es waren unglaubliche Monate, voller grosser Emotionen», sagte der 31-jährige Spanier nach seinem souveränen 6:3, 6:3, 6:4-Endspielsieg über den Südafrikaner Kevin ­Anderson in New York.

Es war in jeder Hinsicht eine Zeitreise, auf die Nadal und Federer die Tenniswelt in den vergangenen acht Monaten mitnahmen, bei dieser monumentalen Comeback-Tour. Wie in ihren Glanzzeiten prägte der Zweikampf des Matadors und des ­Maestro den professionellen Tourbetrieb. Federer und Nadal gewannen nicht nur zum vierten Mal alle Titel einer Saison (so wie 2006, 2007 und 2010), sie bewiesen auch wie früher ihre wechselseitigen Bessermacher-Qualitäten. «Das Duell mit Roger hat immer das Beste aus mir herausgebracht», sagte Nadal noch einmal nach dem New Yorker Triumph. Lebenslanges Lernen und Reformieren seines Spiels gehört bei Nadal genau so zu den verpflichtenden Prinzipien wie bei Federer: Längst spielt der Tennis-Stierkämpfer ideenreicher, kreativer als in seinen Anfangsjahren, auch bei seinem ungefährdeten Siegeszug im Big Apple demonstrierte er diesen Sturm und Drang wieder und wieder, auch noch einmal im ­Final gegen Anderson.

Federer rückt von Rang 3 auf Rang 2 vor

Noch immer ringen Nadal und Federer, nun auch wieder die Nummer 1 und 2 in der offiziellen Hackordnung, um ihren Platz in den Geschichtsbüchern, die Frage ist, wer seine Karriere mit mehr Grand-Slam-Titeln abschliesst. Beide haben im Jahr 2017 ihre Trophäensammlung um zwei Pokale aufgestockt, Federer hat nun 19 Majorsiege auf dem Konto, Nadal 16. «Ich schaue nur auf mich, auf meinen Weg», hat Nadal nach dem Ende der US-Open-Show gesagt. Aber glauben muss man ihm das nicht, schliesslich war es immer der Ehrgeiz, in dieser Rivalität die Nase vorn zu haben, der ihn angetrieben hat. Und der auch Federer zu Grosstaten motivierte.

Nadal ist, wie immer in all den Jahren, der gefühlte Jäger, der Mann, der Federer einholen muss. Aber er hat potenziell noch ein paar Jahre mehr Spielzeit vor sich. Federer ist 36, Nadal 31. «Im Moment kann ich mir vorstellen, noch ein paar Jahre weiterzuspielen», sagte Nadal, «das war nicht immer so. Aber hier und jetzt fühle ich mich grossartig, fit und gesund. Und voller Tatendrang.»

Aber da wäre ja auch noch das Rätselspiel, wie es im nächsten Tennisjahr weitergeht. Mit Nadal und Federer. Und eben auch mit all den Maladen, Müden und Verletzten aus der Spitze. Murray, Djokovic, Wawrinka, Nishikori oder Raonic, allesamt nicht in New York am Start – wie werden sie in den Wanderzirkus zurückkehren? «Die Konkurrenz wird wieder härter werden», prophezeit Nadal.


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