König Roger wird geadelt

TENNIS ⋅ Mit seinem achten Wimbledon-Sieg katapultiert sich Roger Federer für viele zum grössten Sportler aller Zeiten. Dabei zeigte er sich stets von einer Seite ohne Star-Allüren oder Affären. Das macht ihn auch abseits des Platzes zum Champion.
18. Juli 2017, 07:13

Jörg Allmeroth, London

Man muss es einmal mit eigenen Augen gesehen haben. Wenn Roger Federer an einem der Spieltage von Wimbledon über die Tennisanlage an der Church Road geht, eskortiert von einem Trupp breitschultriger Bodyguards, dann scheint das Leben stillzustehen in diesem Grand-Slam-Paradies. Dann verengt sich die ganze Welt an diesem berühmten Schauplatz nur noch auf ihn, auf King Roger, auf den grössten Champion, den das Tennis je gekannt hat. Aber es ist kein Unnahbarer, der sich durch die Menschenmassen schiebt. Keiner dieser Egoshooter, die es inzwischen im professionellen Sport zur Genüge gibt. Keiner, der die eigene Bedeutung wie eine Monstranz vor sich herträgt. «Ich bin glücklich, wenn meine Fans glücklich sind», ist so ein Satz, den Federer sagt. Nicht, weil es sich gut anhört. Sondern, weil er das ist. Der Mensch Federer. Einer, mit dem man am Abend gerne ein Bier oder ein Gläschen Wein trinken würde.

Federer ist der herausragende Einzelsportler dieser Epoche, er hat gerade zum achten Mal Wimbledon gewonnen, es ist ein nun einsamer Rekord an dem Schauplatz, der im Tennis alles noch ein bisschen grösser macht als anderswo. Er hat seinen Sport weit über dessen Grenzen hinaus transportiert und grösser gemacht. Er, der Tennis-König, wird bewundert von echten Königen und von Staatsoberhäuptern, er tauscht wie selbstverständlich ein Küsschen mit Kate aus, der Gemahlin des Prinzen William, wie nach seinem historischen Sieg. Er wird von der Stargeigerin Anne-Sophie Mutter gerühmt, man müsse seiner ­«poetischen Spielweise verfallen». Es scheint, er ist der Held der ganzen Welt.

Aber es gibt eben mit völliger Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit auch den anderen Federer, überall dort, wo er noch seine Centre-Court-Einsätze hat. In Wimbledon, aber etwa auch bei den Gerry Weber Open – wo er kürzlich den neunten Titel gewonnen hat – kann man Federer beobachten, wie er nach einem Match Hunderte Autogramme schreibt, mit Fans für Selfies posiert, sich mit ihnen austauscht wie ein Nachbar über den Zaun. Ein Superstar zum Anfassen, es klingt wie eine abgedroschene Phrase, aber dieser 35-Jährige ist es. Federer war noch gar nicht so erfahren, so reif, so abgeklärt und lebensweise, als er einmal seine Maxime verkündete: «Es ist nett, wichtig zu sein. Aber noch wichtiger, nett zu sein.» Er hat diese Einstellung auch nie verraten. Es gibt keine Allüren bei ihm, auch keine Affären.

2017 ein Märchen für Federer

In diesem Jahr ist Federer endgültig zum Mythos geworden. Für seine Fans sowieso. Aber auch für Medien, Profikollegen und ehemalige Grössen des Tennis. 2016 hatte er sich in Wimbledon am Knie verletzt, er entschied sich dann zu einer radikalen Lösung. Er beendete die Saison, zog sich zurück, kurierte die Blessur aus. Und dann passierte etwas, was niemand für möglich gehalten hatte. Federer kehrte zu Saisonbeginn zurück, nach sechs Monaten ohne Wettkampftennis, und gewann auf Anhieb bei seinem Comeback den 18. Grand-Slam-Titel in Melbourne. Es war ein Märchen, ein Wunderding. «Eine Story wie aus Hollywood», wie Federer selbst sagt. Er hat selbst noch immer alle Mühe, sich das Unerklärliche zu erklären. Manchmal wacht er auch jetzt noch morgens etwas verwirrt auf, weil er nicht glauben kann, was er da geschafft hat. «Du denkst: Ist das passiert? Oder ist es ein Traum gewesen?», sagt Federer, «und dann, wenn du weisst, es stimmt alles, ist wieder dieses unglaubliche Glücksgefühl da. Und es geht nicht weg.» Niemals seien die Emotionen nach einem Erfolg so stark, so intensiv und so nachhaltig gewesen wie nach jener Australian-Open-Nacht. Noch stärker als jetzt beim Erfolg in Wimbledon.

Jetzt liegen sie ihm alle zu Füssen. Auch jene, die ihm auch schon nahegelegt hatten, doch endlich die Freuden des Ruhestands zu geniessen. Der frühere Superflegel und Weltranglisten-Erste John McEnroe erhob Federer in Melbourne und nun auch in Wimbledon zum «Tennisgott», dabei hatte er vorher getönt, er glaube nicht, «dass Federer noch mal einen grossen Titel gewinnen kann».

Was aber treibt ihn noch an? Federer muss nicht lange überlegen, er strahlt übers ganze Gesicht, als er sagt: «Ich hatte immer Freude an dem, was ich gemacht habe. Es gab keinen Tag, an dem ich keine Lust aufs Tennis hatte, an dem ich mich zum Training hätte quälen müssen.» Sein Privileg sei gewesen, «dass ich mein Hobby, meine Leidenschaft zum Beruf machen konnte».

Federer hat alle Rekorde im Tennis pulverisiert. Er ist der Spielverderber für ganze Profigenerationen gewesen, der Allesgewinner aus der Schweiz. Doch über die Jahre hat er sich die Gier der grossen Champions bewahrt, den ewigen Drang nach weiteren Trophäen und Titeln. Der Reiz, der Thrill, die Spannung und Anspannung der grossen Matches – noch braucht er das auch zu seiner inneren Zufriedenheit. Bis heute lässt ihn das Lampenfieber vor dem Bühneneinsatz nicht los. «Das brauchst du einfach, um Grosses zu leisten. Du musst nur lernen, es in positive Energie umzusetzen.»

Federer weiss, wovon er spricht: Als Junior warf er mit Schlägern um sich, zertrümmerte die Rackets, legte sich mit Schiedsrichtern an, fluchte gern mal. «Irgendwann sagte ich mir: Es gibt nur zwei Möglichkeiten. Entweder wirst du jetzt ruhiger. Oder du hörst auf. Denn sonst wird das nichts mit deiner Karriere.» 2003 gewann er den ersten Wimbledon-Titel, es war der Durchbruch, die Befreiung auch von allen Selbstzweifeln.

Zuerst sind Ferien in Korsika angesagt

Federer hat sich nach den Triumphen in dieser Saison in eine eigene Tennis-Dimension katapultiert. Er ist die Legende seiner selbst. Einige gute Jahre gibt er sich noch, der kämpferische Tennis-Ästhet, fast bis an die 40 will er in der Welt herumreisen. Ein Traumszenario für den Abschied hat er nicht: «Ich werde merken, wenn es so weit ist. Ich habe aber keine Furcht davor.»

Was kommt noch in diesem Jahr? Eine beifallsumrauschte Tour gewiss, demnächst in den USA beim Masters in Cincinnati und dann beim New Yorker Grand-Slam-Spektakel. Später Gastspiele in Schanghai und bei europäischen Hallenturnieren wie in Basel. Schliesslich das Saisonfinale in London, das Treffen der acht Saisonbesten. Es kann sein, dass er dann noch einmal als Nummer 1 grüsst, gefühlt ist er das ja schon in diesen Tagen, nach zwei Grand-Slam-Siegen, nach fünf Turniererfolgen 2017. Aber überholen können wird er Murray und Nadal erst im Herbst.

Doch nun ist erst mal Ferienzeit im Hause Federer. Er will sich auf Korsika mit Gattin Mirka und den Zwillingstöchtern Charlene und Myla und den Zwillingssöhnen Leo und Lenny erholen vom ganzen Wettkampfstress.


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