Finale einer verrückten Saison

TENNIS ⋅ Am Sonntag(15.00 Uhr, SRF zwei) beginnt in London der ATP-Final mit der Partie Roger Federer gegen Jack Sock – und einer erstaunlichen Teilnehmerliste. Die Hauptdarsteller sind zwei alte Meister und ein junger Himmelsstürmer.
12. November 2017, 09:44

Jörg Allmeroth

Es war eines der bemerkenswertesten Jahre im Männertennis, dieses Jahr 2017. Und man braucht nur einen kurzen Blick auf die Teilnehmerliste der ATP-Weltmeisterschaft vor genau zwölf Monaten zu werfen, um hier und jetzt die umstürzenden Veränderungen vor Augen zu haben. Im November 2016 waren noch einmal die beiden damaligen Topstars am Drücker, die Nummer eins und Nummer zwei der Weltrangliste, Andy Murray und Novak Djokovic. Murray und Djokovic gewannen ihre Vorrundengruppen, sie gewannen dann auch ihre Halbfinals – und im Endspiel triumphierte schliesslich der umjubelte Lokalmatador Murray gegen seinen Altersgenossen Djokovic.

Viel ist auch in den letzten Monaten über Murray und Djokovic gesprochen worden, aber es hatte nichts mehr mit Trophäen und Titeln zu tun, mit berauschenden Auftritten auf den Centre Courts der Tingeltour. Es ging fast immer um Krisen, ums Ausgebrannt-Sein, um kleinere und grössere Verletzungen. Und wenn nun an diesem Sonntag wieder zur Weltmeisterschaft in die 02-Arena in London geladen wird, dann werden die beiden führenden Spieler der Vorsaison und der Vorjahre nicht einmal dabei sein. Beide haben ihre Saison längst beendet, richten schon alle Hoffnungen aufs kommende Jahr, auf ein Comeback in der Weltspitze.

Zwei märchenhafte Comebacks

Übrigens nicht nur sie: Auch vier weitere WM-Teilnehmer aus dem Jahr 2016 sind jetzt in London nicht dabei – Stan Wawrinka, Kei Nishikori, Milos Raonic und Gael Monfils. Allesamt nie in Form gekommen im Jahr 2017, allesamt frühe Saisonaussteiger und nun auf Comeback-Mission. Nur der Österreicher Dominic Thiem und der Kroate Marin Cilic sind von den 2016 ursprünglich qualifizierten Profis auch in den nächsten Tagen dabei, eine unfreiwillige Rochade ohne Beispiel in der WM-Geschichte. Womit man bei den ebenso unvermuteten Hauptdarstellern des Jahres wäre, allen voran zwei alte Meister und ein junger Himmelsstürmer. Rafael Nadal (31), Roger Federer (36) und Alexander Zverev (20): Dieses Trio prägte die Spielzeit 2017 mit einer Wucht, Klasse und Dynamik, die niemand erwarten konnte. «Verrückt ist noch eine Untertreibung für diese Saison», sagt Federer selbst. Genau wie Nadal hatte er 2016 noch verletzt zuschauen müssen, als in London um die Titel gekämpft wurde. Dann folgte erst sein märchenhaftes Comeback, und dann nahm auch Nadals Rückkehr in den Tenniszirkus gewaltig Fahrt auf.

Als nach den US Open die Grand-Slam-Saison abgerechnet wurde, hatten sie, der Maestro und der Matador, wie in einstigen Glanzzeiten friedlich die Major-Titel unter sich aufgeteilt. Federer siegte bei den Australian Open und in Wimbledon, Nadal bei den French Open (ohne Federer) und in New York. «Alles war scheinbar wie immer. Aber alles war auch irgendwie auf den Kopf gestellt», sagt der schwedische Star früherer Tage, Mats Wilander. «Wenn du auf all das getippt hättest, wärst du jetzt Multimillionär.» An den Machtverhältnissen in der Hackordnung wird die WM nichts ändern, ganz egal, was in London passiert: Nadal wird das Jahr als Nummer 1 beenden, Federer als Nummer 2. Beide haben einen massiven Vorsprung auf den Rest.

Zumindest im regulären Tourbetrieb kam ihnen öfter einer in die Quere, der sozusagen die dritte Kraft der Saison 2017 war: Deutschlands neuer Tennisstar Alexander Zverev. Mit seinen 20 Jahren ist er der jüngste Spieler seit dem Argentinier Juan Martin del Potro (2009), der sich für die ATP-WM qualifiziert hat. Zverev verbuchte zwar durchwachsene Resultate bei den Grand-Slam-Wettbewerben, nur in Wimbledon kam er in die zweite Woche eines Majors. Doch ansonsten bewegte er sich – erstaunlich genug – meistens auf Augenhöhe mit den Besten, schlug bei seinen beiden Masters-Siegen Djokovic in Rom und Federer in Montreal. Erst zuletzt ging ihm in der Tretmühle der Tour ein wenig die Puste aus.

Jetzt bleibt nur noch eine Frage übrig, nach zehneinhalb Monaten voller Turbulenzen und verblüffender Drehs: Wer hat das letzte Wort bei der WM? Federer, Nadal, Zverev? Oder einer, den wieder niemand auf der Rechnung hat?

ATP-Final

London. Gruppe Boris Becker:Federer, Alexander Zverev, Cilic, Sock. – Gruppe Pete Sampras: Nadal, Thiem, Dimitrov, Goffin. – Heute: Federer– Sock (15.00 Uhr), Zverev – Cilic (21.00 Uhr). – Montag: Thiem – Dimitrov (15.00 Uhr), Nadal – Goffin (21.00 Uhr). – Weitere Gruppenspiele von Federer am Dienstag und Donnerstag. – Halbfinals: Samstag. – Final: Sonntag. – TV: Alle Spiele auf SRF zwei.

Weltrangliste: 1. Nadal (ESP) 10 645. 2. Federer (SUI) 9005. 3. Alexander Zverev (GER) 4410. 4. Thiem (AUT) 3815. 5. Cilic (CRO) 3805. 6. Dimitrov (BUL) 3650. 7. Wawrinka (SUI) 3150. 8. Goffin (BEL) 2975. 9. Sock (USA) 2765. 10. Carreño Busta (ESP) 2615. 11. del Potro (ARG) 2595. 12. Djokovic (SRB) 2585. – Ferner: 16. Murray (GBR) 2290.

  • Rafael Nadal (© Bild: Lintao Zhang/Getty)
  • Roger Federer. (© Keystone)
  • Alexander Zverev. (© Lintao Zhang/Getty)

Der ATP-Final in London präsentiert eine erstaunliche Teilnehmerliste. Die Hauptdarsteller sind zwei alte Meister und ein junger Himmelsstürmer.


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