Aufgepasst Federer und Nadal: Die nächste Generation ist in Lauerstellung

TENNIS ⋅ Roger Federer und Rafael Nadal dominierten die Grand-Slam-Turniere im letzten Jahr. Auch bei den am Montag beginnenden Australian Open ist der Durchbruch der jungen Spieler noch nicht zu erwarten.
14. Januar 2018, 09:13

Jörg Allmeroth

Alexander Zverev (20) weiss genau, was ihn bei einem Grand-Slam-Turnier inzwischen mit grosser Selbstverständlichkeit erwartet: natürlich die heftige Gegenwehr seiner Konkurrenten. Zverev ist längst nicht mehr der Jäger in der grossen Karawane der Tennisprofis, sondern der Gehetzte, der Getriebene, der Mann auf Platz 4 der Weltrangliste, gegen den es sich zu siegen lohnt.

Aber da sind eben auch die hohen, höchsten Ansprüche, die sich mit seinem Namen verbinden, die keineswegs mehr diskreten Spekulationen, er sei in näherer oder mittlerer Zukunft die Nummer 1 dieses globalen Sports. «Ich höre nicht darauf, es hat keine Bedeutung für mich», sagt Zverev, wenn er mit diesen Prognosen und Prophezeiungen konfrontiert wird, «es hat schon so viele Wunderkinder gegeben, potenzielle Nummer-1-Spieler, aus denen nichts geworden ist.» Also sei es am besten, so gibt Zverev scheinbar pragmatisch zu Protokoll, «man macht seine Arbeit, tut jeden Tag das Bestmögliche, um einmal ganz vorne zu stehen. Im Alltag kann ich mich nicht um diese Dinge kümmern.»

WM für die Stars von morgen

Zverev ist der Stärkste und Beste aus einer Altersgruppe von jungen Spielern, die von der Profi­gewerkschaft ATP gern als so­genannte Next-Gen-Truppe bezeichnet wird. Im letzten Jahr veranstaltete die ATP sogar eine eigene Weltmeisterschaft für die Stars von morgen, in Mailand war das, und bei diesem Schaulaufen konnte man dann auch einige neue Regelideen bestaunen, die vielleicht später einmal auch auf der Erwachsenentour eingeführt werden. Zverev allerdings, der Vorzeigespieler der Next Gen, war gar nicht in Mailand dabei, er hatte es schon zum regulären ATP-Final nach London geschafft. Dort gewann der Bulgare Grigor Dimitrov (26), dessen Karriere dadurch geprägt war, dass man ihn schon seit vielen Jahren als nächsten Topmann bezeichnet, und der die versammelte Expertenschaft dann ebenso regelmässig schiefliegen liess und enttäuschte.

Das Kuriose am Beispiel Dimitrov ist womöglich, dass man in ihm trotzdem noch einen Vertreter der «nächsten Generation» vor sich haben könnte – in einer Tennis-Ära, in der es mittlerweile als normal gilt, dass beinahe alle Spieler aus der engeren Weltspitze über 30 sind. Federer, der Mann des Jahres 2017, ist sogar schon 36, und nichts deutet auf einen schnellen Abgang des geschätzten Maestros hin. «Im Tennis verschiebt sich gerade alles in der Altersfrage», sagt der Schwede Mats Wilander, einst selbst die Nummer 1, «Spieler, die Anfang 20 schon so weit vorne stehen wie Zverev, sind eher atypisch.» Spieler brauchen nach Wilanders Eindruck im modernen Tennis mehrere Jahre, um sich vollständig in der rauen Arbeitswelt der Tingeltour zu akklimatisieren. «Der Jugendwahn liegt hinter uns, diese Teenagersensationen gibt es einfach nicht mehr», sagt der Schwede. «Um wirklich zum Gipfel zu gelangen, braucht man Erfahrung, psychische und physische Robustheit. Aktuell mehr denn je, denn der Konkurrenzkampf wird immer härter.» Schaut man etwas genauer auf das vergangene Jahr zurück, dann war die sogenannte nächste Generation zwar in aller Munde – wieder und wieder brandete das Thema auf, speziell in Gestalt von Zverev, aber auch umgekehrt in der Person des am frühen Erwartungsdruck scheiternden Nick Kyrgios (22).

Youngsters mit körperlichen Problemen

Es gab sie, die blitzlichtartigen Momentaufnahmen, in denen junge Spieler zu grosser Hoffnung Anlass gaben, aber eigentlich dominierten wieder die Alten das Geschehen. Federer, der magische Comebacker. Und der ewige Kämpfer und Dauerrückkehrer Rafael Nadal (31). Alle vier Grand-Slam-Titel nahmen sie in ihren Besitz. Spielern wie Zverev blieb gerade auf den allergrössten Bühnen noch das Nachsehen, im Herbst hatten viele der Youngsters auch offensichtlich körper­liche Probleme. Er sei zwischenzeitlich in ein Tief gefallen, bekannte auch Österreichs Star Dominic Thiem (24): «Was du auf der Tour leisten musst, ist schon brutal.» Zverev, sein Freund, assistierte mit dem Fazit: «Es ist alles noch ein grosser Lernprozess für mich. Auch das Umgehen mit den Hochs und Tiefs. Das Leben auf öffentlicher Bühne ist oftmals schmerzlich.»

Das, was gemeinhin als Durchbruch der neuen Generation bezeichnet wird, ist auch 2018 nicht zu erwarten, nämlich ein flächendeckender Erfolg bei den Grand Slams oder die Besetzung vieler absoluter Spitzenpositionen. Die Beharrungskräfte an der Spitze, bei den alterprobten Cracks um Federer und Nadal, sind im Wortsinne stark. Auf ATP-Weltmeister Dimitrov konzentriert sich personell die Frage, ob die Mittzwanziger in der Führungselite für mehr als erwartungsvolle Schlagzeilen gut sind, auch jetzt in Melbourne bei den Australian Open. Andere neben Dimitrov zählen dazu: der Belgier David Goffin, der Amerikaner Jack Sock, der Spanier Pablo Carrena-Busta, der Kanadier Milos Raonic.

Australian Open

Melbourne. Grand-Slam-Turnier (42,3 Mio. Franken/Hart). Quali. Frauen. 2. Runde: Vögele (SUI) s. Lapko (BLR/22) 6:3, 7:5. Golubic (SUI) s. Soler-Espinosa (ESP) 6:1, 6:1.

1. Runde, Männer: Federer (SUI/2) – Bedene (SLO/ATP 51). Wawrinka (SUI/9) – Berankis (LTU/ATP 138). Nadal (ESP/1) – Estrella Burgos (DOM). Djokovic (SRB/14) – Young (USA). Dimitrov (BUL/3) – Qualifikant. Alexander Zverev (GER/4) – Fabbiano (ITA). Thiem (AUT/5) – Pella (ARG). Cilic (CRO/6) – Lu (TPE). Goffin (BEL/7) – Qualifikant. Sock (USA/8) – Sugita (JPN). – Federer und Wawrinka spielen am Dienstag.


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