Wenn Federers Rivalen erstarren

TENNIS ⋅ Roger Federer startet schwungvoll in die ATP-Finals in London. Der 36-Jährige gewinnt gegen Jack Sock mit 6:4, 7:6 (7:4). Dem amerikanischen Debütanten unterläuft im entscheidenden Moment ein Doppelfehler.
13. November 2017, 07:40

Jörg Allmeroth

sport@luzernerzeitung.ch

Wenn Roger Federer 2017 in ein Turnierabenteuer hereinstartete, dann konnte man als Gegner meist schon vor den ersten Ballwechseln vor Ehrfurcht erstarren. Mit seinen 36 Jahren war der ­Maestro ein nimmermüder Matchplayer, der Rekorde pulverisierte, ständig neue Bestmarken scheinbar für die Ewigkeit markierte und gleichzeitig wieder diese einschüchternde Aura für den Rest der Welt verbreitete. Warum die Vorrede? Weil Federer wohl auch seinen ersten Sieg bei den ATP-Finals gestern seiner nicht real greifbaren, aber doch zweifellos existierenden Wirkkraft auf die Rivalen verdankte – ganz besonders zu erkennen in jenen wenigen Momenten, in denen sich Tennismatches auf diesem Niveau entscheiden.

Erstes Federer-Match also bei dieser WM, zweiter Satz, Tiebreak, 4:4, der Amerikaner Jack Sock kann mit eigenem Aufschlag in Führung gehen, vielleicht sogar einen Entscheidungssatz nach dem 4:6 im ersten Durchgang ­erzwingen. Sock weiss, dass er etwas Besonderes anbieten muss in diesem Moment, einen aussergewöhnlichen Aufschlag, er weiss auch um die Stärke und Qualität Federers bei den Big Points. Es kommt, wie es oft kommt für Federer und den Mann auf der anderen Seite des Netzes. Sock serviert einen Doppelfehler, es steht 4:5. Und zwei Punkte später hat Federer den Tiebreak, den Satz und das Match mit Souveränität und gewohnter Nervenstärke 6:4, 7:6 (7:4) gewonnen.

Ohne grosse Virtuosität und Vielfalt

Ein Auftakt nach Mass, am Ende einer Traumsaison, eines Traumcomebacks nach vorjähriger Verletzungsnot für den alten Meister. «Die Basis für ein gutes Turnier ist geschaffen. Ich bin zufrieden», sagte Federer hinterher, «der zweite Satz war ganz eng. Aber ich bin halt irgendwie durchgekommen.» Federer ist ein grosser Pragmatiker. Und als solcher freut er sich auch über den Arbeitssieg, der glanzlos ausfällt. Aber eine besondere Veredelung erhält, weil es nun der 50. Erfolg in diesem Jahr ist, bei nur ganzen vier Niederlagen.

Federer ist in London 2017, bei seinem 15. WM-Start, der einzige Spieler, der dieses Championat schon mindestens einmal gewonnen hat. Genau genommen: sechsmal, 2003 und 2004, 2006 und 2007, 2010 und 2011. Zehnmal stand er im Final, nur einmal in all den Jahren blieb er in der Gruppenphase stecken, 2008 war das. Dass er am Ende dieser über­raschend grandiosen Saison als Favorit gehandelt wird, versteht sich von selbst. Und Federer gefällt diese Rolle, so wie es ihn schon immer vorangetrieben hat, wenn er als Frontrunner in ein Turnier ging. «Wenn man hoch gehandelt wird, beweist es, dass man vorher Stärke gezeigt hat. Das gibt Selbstbewusstsein, verleiht Zuversicht», so Federer.

Gegen den 25-jährigen Debütanten Jack Sock musste Federer nicht die ganz grosse Virtuosität und spielerische Vielfalt zeigen, um den ersten Gruppensieg zu verbuchen. Er konnte sich vor allem auf einen starken Aufschlag verlassen, der Sock kaum Chancen liess. Im gesamten Match erspielte sich der zuletzt formstarke Amerikaner keinen einzigen Breakball. Sock kämpfte hart, zeigte auch Courage und eine Spur Unverdrossenheit. Speziell, als er im zweiten Satz sechs Breakbälle des nicht entschlossen genug zupackenden Schweizers abwehrte. Aber dann, als es hart auf hart ging, kam der verhängnisvolle Doppelfehler im Tiebreak – und mit ihm schliesslich die Niederlage.

London. ATP World Tour Finals (8 Mio. Dollar/Halle). Einzel. Gruppe Boris Becker: Federer (SUI/2) s. Sock (USA/8) 6:4, 7:6 (7:4). Alexander Zverev (GER/3) – Cilic (CRO/5) nach Redaktionsschluss. – Rangliste: 1. Federer 1 Spiel/1 Sieg. 2. Zverev und Cilic je 0/0. 4. Sock 1/0.

Gruppe Pete Sampras. Heute, 15.00: Thiem (AUT/ATP 4) – Dimitrov (BUL/ATP 6). – 21.00: Nadal (ESP/ATP 1) – Goffin (BEL/ATP 8).

Doppel. Gruppe Eltingh/Haarhuis: Harrison/Venus (USA/NZL/8) s. Kontinen/Peers (FIN/AUS/2) 6:4, 7:6 (10:8). – Rangliste: 1. Harrison/Venus 1/1. 2. Rojer/Tecau (NED/ROU/3) und Herbert/Mahut (FRA/6) je 0/0. 4. Kontinen/Peers 1/0.


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