Nationaltrainer Didier Ollagnon: «Ich bin pingelig»

FECHTEN ⋅ Heute beginnt für die Degenfechter die EM in Georgien. Der neue Schweizer Nationaltrainer Didier Ollagnon sagt, was er von den Athleten verlangt – und warum er von Max Heinzer begeistert ist.
13. Juni 2017, 07:53

Interview: Sven Aregger

sven.aregger@luzernerzeitung.ch

Seit Januar ist der Franzose Didier Ollagnon (54) Chefnationaltrainer der Schweizer Fechtnationalmannschaft. Er trat die Nachfolge des Italieners Gianni Muzio an. Gemeinsam mit Hervé Fraget ist er sowohl für die Männer wie auch für die Frauen verantwortlich. Ollagnon, der das deutsche Nationalteam an den Olympischen Spielen 2004 zu Bronze geführt hat, war als Nachwuchstrainer bereits von 2005 bis 2007 in der Schweiz aktiv. Damals führte er den Immenseer Max Heinzer an die Junioren-Weltranglistenspitze.

 

Didier Ollagnon, wie haben Sie Ihr erstes halbes Jahr als Nationaltrainer der Schweiz erlebt?

Ich kann nur Positives berichten. Das Team ist sehr motiviert. Und wir haben mit Swiss Fencing einen starken Verband, dessen Vorstand sich im Fechten auskennt. Die Zusammenarbeit im Sinne der Sportpolitik, Pädagogik, Methodik, Struktur und Entwicklung funktioniert sehr gut. Gemeinsam suchen wir konstruktive Lösungen. Ich kann mich dabei ganz auf meine drei Trainerkollegen Hervé Faget, Franco Cerutti und Flavio da Silva Souza verlassen. Die Ressourcen sind da, die Rahmenbedingungen stimmen, die Klubs unterstützen unsere Arbeit. Aber die Konkurrenz schläft nicht. Wir müssen hart arbeiten.

Stichwort harte Arbeit: Die Athleten sagen, unter Ihnen seien die Trainings intensiver geworden. Worauf legen Sie Wert?

Der Verband erwartet Erfolg, aber auch Entwicklung. Meine Trainings sind sehr zielstrebig. Ziel ist es, dass die Athleten ihre Schwächen reduzieren, ohne ihre Stärken zu verlieren. Ein Beispiel: Wenn ein Fechter defensiv stark ist, soll das so bleiben. Gleichzeitig muss er sich offensiv verbessern, um taktisch variabel zu sein. Vor, während und nach den Trainings ziehen wir Bilanz, damit die Athleten wissen, was sie warum trainieren. Ich bin pingelig und fordere ein professionelles Training auf internationalem Level. In den Lektionen gestalte ich eine Wettkampfatmosphäre, um eine Stresssituation wie an den Turnieren zu erzeugen.

Teamleader Max Heinzer kennen Sie seit Juniorenzeiten. Wie sehen Sie seine Entwicklung?

Sehr positiv. Er hat so viele Qualitäten, wo soll ich nur anfangen? Er ist klug, schnell, kräftig, konzentriert und tüchtig. Ausserdem verfügt er über eine grosse Professionalität. Max wusste immer, was er will und wohin er will. Ich war übrigens sofort begeistert von ihm, als ich ihn ab 2005 trainieren durfte.

Inwiefern?

Er kam zur Lektion nach Zürich und fragte mich nach dem Training, wo ich am nächsten Tag unterrichte. Wenn ich in Lausanne oder in Basel war, reiste er also mit dem Zug nach Lausanne oder Basel. Er ist bereit, das Beste aus sich herauszuholen und dafür Überstunden zu machen. Zudem organisiert er sich so, dass er die Strapazen durchhält. Max ist nicht nur ein professioneller Kämpfer, sondern auch ein richtiger Manager. Hinzu kommt seine Bescheidenheit: Er findet in jeder Aufgabe einen Sinn und zeigt Respekt gegenüber allen Gegnern, egal, ob es ein Hobbyfechter oder ein Profi ist.

Was ist den Schweizer Männern an der EM zuzutrauen?

Max traue ich einen Podestplatz zu. Benjamin Steffen hat eine schwierige Saison hinter sich, aber er übt fleissig. Beim Weltcup im Mai in Paris zeigte er mit der Mannschaft eine starke Leistung (6. Rang, Anm. d. Red.), er hat das Fechten nicht verlernt. Mit ihm ist zu rechnen. Bei Georg Kuhn und Michele Niggeler wäre eine Topklassierung eine angenehme Überraschung, sie müssen noch viel lernen.

Niggeler und Kuhn sind noch jung. Wo besteht Potenzial in der Mannschaft?

Einen Teil der Antwort finden Sie im Resultat des Weltcups kürzlich in Bogata, wo sich neun Schweizer in den besten 64 klassierten. Die Jungen sind im Kommen. Das stimmt mich zuversichtlich für die nächsten Saisons. An gewissen Turnieren habe ich sie bewusst forciert, damit sie Verantwortung übernehmen. Grundsätzlich wollen wir es an der EM in die Top 8 schaffen, vielleicht ist auch mehr möglich. Doch die Konkurrenz ist stark. Italien und Frankreich sind sehr stabile Fechtnationen, aber auch Polen und Estland leisten gute Arbeit.

Weit weniger erfolgreich sind die Schweizer Frauen.

Sie haben gelernt zu leben mit dem Gefühl, dass sie nicht viel bringen. Ich habe aber schnell gemerkt, dass bei den Frauen mehr drinliegt. Hervé Fraget und ich versuchen, sie im Glauben zu bestärken, dass sie ihre Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft haben. Wir zeigen ihnen, dass sie mehr können, als sie sich selber zutrauen. Wir wollen das Damenteam wieder dorthin bringen, wo es mal war. 2005 waren die Frauen Junioren-Weltmeisterinnen.


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