Jörg Hafner: «Es fehlen Spitzenläufer»

WAFFENLAUF ⋅ Jörg Hafner ist sechsfacher Schweizer Meister und der erfolgreichste Waffenläufer des neuen Jahrtausends. Der Entlebucher erinnert sich an grosse Momente und erklärt, weshalb seine Sportart wohl keine Zukunft hat – trotz wieder steigender Teilnehmerzahlen.
03. Dezember 2017, 08:10

Stephan Santschi

stephan.santschi@luzernerzeitung.ch

«Physische Robustheit, Ausdauer, Zähheit.» Diese Attribute nennt Jörg Hafner, wenn man ihn danach fragt, was ihn als Waffenläufer ausgezeichnet habe. Als seine Karriere im Jahr 2008 definitiv zu Ende ging, reihte er sich als einer der erfolgreichsten Athleten in die Geschichte seiner Sportart ein. Sechsmal gewann er zwischen 1999 und 2005 den Schweizer-Meister-Titel, 51 Mal feierte er einen Tagessieg – in beiden Wertungen wird er nur vom Berner Albrecht Moser übertroffen (8/56). «Ich war selten krank und nie gröber verletzt. Ich profitierte auch davon, dass ich mit Turnen, Fussball, Skifahren, Langlauf und Laufsport vielseitig aktiv war. Ich bin sowohl auf flachen wie auch auf steilen Passagen schnell gewesen.»

Heute läuft der 52-jährige Entlebucher nur noch hobbymässig, «50 bis 70 Kilometer pro Woche, um fit zu bleiben und weil ich damit meinen Kopf vom Alltag leeren kann». Wettkämpfe bestreitet er keine mehr. Die Waffenlaufszene beobachtet er aus der Distanz. Sein Fazit: «Es fehlt an Spitzenläufern. Wenn ich die Zeiten am Frauenfelder betrachte, stelle ich fest: Wir liefen früher eine Viertelstunde schneller – das ist ein Klassenunterschied. Waffenlauf ist nicht mehr Spitzen-, sondern Breitensport.» 2006 löste sich der Dachverband IGWS (Interessengemeinschaft der Waffenläufe der Schweiz) auf und quittierte so die negative Entwicklung, die Mitte der Neunzigerjahre eingesetzt hatte. Seit 2008 organisiert der Waffenlauf-Verein Schweiz die nationale Meisterschaft, die immerhin wieder neun Waffenläufe zählt. Der Überalterung des Teilnehmerfelds kann aber auch die neue Institution nichts entgegensetzen. «Der Waffenlauf hat keine Aushängeschilder mehr. Früher machten bekannte Gesichter aus anderen Sportarten mit. Würde heute eine Triathletin wie Nicola Spirig oder ein ehemaliger Fahrradprofi einen Waffenlauf bestreiten, hätte dies wieder eine grosse Aufmerksamkeit der Medien zur Folge.»

Popularität war vergleichbar mit dem heutigen Schwingen

Jörg Hafner war eines dieser Aushängeschilder, die immer wieder für Schlagzeilen sorgten. Der aus Hasle stammende Luzerner war zwar nicht wie Albrecht Moser im «Sportpanorama» zu Gast, aber auch über ihn wurden zwei längere TV-Beiträge gedreht. Der militäraffine Martin Furgler, einer der Pioniere des Schweizer Sportjournalismus und Moderator des ersten «Sportpanoramas», war gewiss kein Hemmschuh, wenn es darum ging, jener Sportart Sendezeit einzuräumen, die der Armee entwachsen war. Von Mitte der Siebziger- bis Ende der Achtzigerjahre stand der Waffenlauf in seiner Blütezeit. Bis zu 9000 Läufer waren aktiv, und die Menschenmassen am Streckenrand zeugten von der tiefen Verankerung in der Gesellschaft, vergleichbar vielleicht mit der heutigen Popularität einer anderen Schweizer Sportart – dem Schwingen. «Wir durften uns nicht beklagen, auch in den wichtigsten Tageszeitungen waren wir präsent», erinnert sich Hafner. Als Heimrennen neben dem Krienser Waffenlauf bezeichnet er den Wiedlisbacher im Kanton Bern, «das waren richtige Volksfeste». Und dann war da noch eine besondere Rivalität, die für zusätzliches Salz in der Suppe sorgte. «Martin von Känel und ich haben uns manchen Kampf geliefert. Wir befanden uns auf einem ähnlichen Niveau, oft war der Sieg eine Kopfsache.» Hafners Strategie: «Schnell starten und den Gegner düpieren. Danach galt es, den Vorsprung zu verwalten und in keine Krise zu laufen.»

«Ich suchte nach etwas Verrücktem»

Mit dem Waffenlauf begonnen hatte Hafner eher zufällig. Knapp vor dem 30. Geburtstag stehend, empfand er nach vielen Jahren als Langläufer, Dua- und Triathlet Lust auf eine Veränderung. «Die Anmeldung zum Jungfrau-Marathon reichte ich zu spät ein, also suchte ich sonst nach etwas Verrücktem, das ich machen konnte.» Die TV-Bilder des Waffenlaufs kamen ihm in den Sinn, und als er beim Debüt bemerkte, dass er auf Anhieb gut mit der neuen Herausforderung zurechtkam, blieb er ihr treu. «Ich bin kein Militärkopf, ich hätte den Tarnanzug im Rennen nicht gebraucht. Doch die Kameradschaft, die professionelle Organisation und die Tatsache, dass man sich nicht nur in einem Wettkampf, sondern von März bis November beweisen musste, imponierten mir.»

Mittlerweile lebt Jörg Hafner seit über 20 Jahren in Neerach im Zürcher Unterland, gemeinsam mit seiner Partnerin Andrea Fähndrich. Nach der Aktivzeit als Waffenläufer übernahm er bei Swiss Athletics für einige Jahre die Charge als Ressortleiter Berglauf und betreute Berglauf-Spezialistin Martina Strähl. Beruflich ist er als Zollfahnder tätig. «Wenn etwas im grossen Stil unangemeldet oder falsch deklariert über die Grenze kommt, werden wir beigezogen. Wir sind die Kriminalpolizei des Zolls.» Der Kontakt ins Entlebuch ist nicht abgebrochen, drei seiner fünf Geschwister leben noch in der Region. «Ich bin oft da, habe viele Kollegen im Entlebuch. Ich fühle mich noch immer als Luzerner.»

Die Zeit des Waffenlaufs allerdings dürfte bald ablaufen, befürchtet Hafner, die meisten Wettkämpfe seien nur dank der Einbettung in zivile Laufveranstaltung durchführbar. «Noch halten ihn Insider mit Leidenschaft am Leben. Mit der Auflösung des Dachverbands ist jedoch ein Schnitt erfolgt. Der Waffenlauf war eine tolle Tradition, doch man muss sich fragen, ob es heute noch passend ist, mit einer Waffe herumzurennen. Vielleicht ist der Moment gekommen, um zu kapitulieren.»


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