Happy Birthday, Donghua Li

KUNSTTURNEN ⋅ Er ist einer der bekanntesten und erfolgreichsten Schweizer Sportler. Heute wird Olympiasieger Donghua Li 50 Jahre alt, bestreitet nach wie vor Showauftritte – auch mit dem jüngsten Familienmitglied.
10. Dezember 2017, 04:38

Theres Bühlmann

theres.buehlmann@luzernerzeitung.ch

Lebenskrise mit 50? Nein, nicht bei Donghua Li. Der Mann, der in Adligenswil wohnt und heute Geburtstag feiert, ist fit. Ein paar Falten im Gesicht, aber rank und schlank. Dies kommt nicht von ungefähr, denn er trainiert täglich, rund zwei bis drei Stunden. Auf der 140 Quadratmeter grossen Terrasse seiner Wohnung stehen ein Reck, Ringe und mehrere Pauschenpferde, sein bevorzugtes Gerät. An diesem holte er 1996 in Atlanta den Olympiasieg, nachdem er im gleichen Jahr Europameister und 1995 Weltmeister wurde. «Ich habe seit Atlanta mein Gewicht fast gehalten, und mein Dress, das ich damals trug, passt immer noch.»

Dies bewies er vor drei Wochen, als er beim 150-Jahr-Jubiläum des Turnvereins Montreux einen Showauftritt bestritt. Zusammen mit seinem fünfeinhalb Jahre alten Sohn Janis, der bei ihm wohnt und in der Kunstturnerriege des BTV Luzern turnt. Ein sehr schöner Moment sei dies gewesen, sagt Donghua Li mit einem Strahlen. Neben Showauftritten ist der Terminkalender mit seiner Firma Qi Li International Group gefüllt. Er steht Unternehmen als Botschafter und Berater bei, die ihren Markt auf China ausweiten möchten; im kulturellen, wirtschaftlichen, sportlichen und politischen Bereich. «Ich sehe mich als Brückenbauer zwischen der Schweiz und China und umgekehrt», sagt er. Er bietet aber auch Turnstunden und Vorträge für Vereine und Firmen an.

Als grosses Projekt soll in China ein Kinofilm über ihn entstehen, bei dem er als Drehbuchautor involviert ist. Zudem wird sein Buch «Die Grenzen durchbrechen», das 1999 in China erschien, neu aufgelegt und digitalisiert, damit es auch als E-Book gelesen werden kann. An den Olympischen Spielen 2020 in Tokio ist eine Mitarbeit beim chinesischen Fernsehen und weiteren Medien geplant. «Meine Medaillen an den internationalen Meisterschaften haben mir die Türen geöffnet», sagt er.

Vom Ungeliebten zum umjubelten Helden

Neben dem Turnen ist Golf seine grosse Leidenschaft. Vor sechs Jahren begann er damit und weist heute das Handicap 22 auf. Auch hier überlässt er wenig dem Zufall, und so wundert es nicht, dass auf seiner Terrasse auch noch eine kleinere Golfanlage Platz findet. Dieses Hobby kommt ihm auch beruflich entgegen, er begleitet Golfreisen nach China.

Zurück zum Olympiasieg 1996. Damals lag ihm die (Turn-)Schweiz zu Füssen. Dabei war der Start in unserem Land alles andere als einfach. 1988 lernte er seine spätere Ehefrau Esperanza Friedli in Peking kennen, die beiden heirateten, zogen im März 1989 nach Emmenbrücke, und Li trat der Kunstturnerriege des BTV Luzern bei. In der Folge siegte er mehrmals an Schweizer Meisterschaften, doch die Titel wurden im nicht zuerkannt. Der Turnverband änderte das Reglement, sodass nur Schweizer Meister werden konnte, wer im Besitze des Schweizer Passes war.

Die Gegner sahen ihn als grosse und unliebsame Konkurrenz, die Kampfrichter drückten die Noten nach unten, dazu kamen sprachliche Probleme. Zudem durfte er während fünf Jahren keine internationalen Wettkämpfe bestreiten und erhielt keine finanzielle Unterstützung. «All dies war noch härter als meine Zeit in China», blickt er zurück. Dies will etwas heissen, denn Donghua Li begann im Alter von sieben Jahren mit einem geregelten Kunstturntraining; in einem Internat, von den Eltern getrennt. Bei Turnunfällen verlor er die Milz und die linke Niere, riss beide Achillessehnen und zog sich eine Stauchung des 3. und 4. Halswirbels zu. Doch aufgeben kam nie in Frage, er wollte seinen Traum verwirklichen, jenen vom Olympiasieg.

Nach seiner Einbürgerung 1994 wurde er in der Schweiz akzeptiert, «und ein Turner hat sich für sein früheres Verhalten, auch für jenes weiterer Kollegen, mit einem Brief bei mir entschuldigt», sagt Li. 1996 trat er nach seinem Olympiasieg zurück. Im gleichen Jahr – am 10. Dezember – kam Tochter Jasmin auf die Welt. Sie studiert an der Uni Zürich Philosophie und Kulturwissenschaft der Antike. 2005 liessen sich Esperanza und Donghua Li scheiden, «aber wir verstehen uns nach wie vor gut».

Der Auftritt auf der Waschmaschine

Donghua Li wird heute noch von vielen Leuten erkannt. In Erinnerung bleibt auch sein legendärer Werbeauftritt auf einer Waschmaschine. «Ich treffe immer wieder Menschen, die mir erzählen, wie sie nachts aufstanden, um meine Auftritte an der WM in Japan und an den Olympischen Spielen in Atlanta am Bildschirm zu verfolgen.» Sie sahen bei der Siegerehrung in Atlanta, wie Li seine Tränen nicht zurückhalten konnte – manch einem vor dem Fernseher ist es wohl ähnlich ergangen.

«Erstaunlich, wie schnell die Zeit vergeht», sagt der Schweizer Sportler der Jahre 1995 und 1996. Und die Wünsche für die Zukunft? «Einfach viel Gesundheit.» Gefeiert wird heute im kleinen Kreis, im familiären Rahmen. «Bei meinem 30. und 40. Geburtstag gab es jeweils eine grosse Party. Jetzt darf es aber auch einmal gemütlich zu- und hergehen», sagt Donghua Li.

Zur Person

Donghua Li wurde am 10. Dezember 1967 in Chengdu (China) geboren. 1994 erhielt er die schweizerische Staatsangehörigkeit. Er hat eine 21-jährige Tochter aus erster Ehe und einen fünfjährigen Sohn aus einer weiteren Beziehung. Seine grössten Erfolge (Pauschenpferd): chinesischer Meister (1987), Schweizer Meister (1994), Weltmeister (1995), Europameister (1996), Olympiasieger (1996).


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