Tokio von perfekten Olympischen Spielen weit entfernt

OLYMPIA ⋅ Tokio sieht drei Jahre vor Beginn der Sommerspiele 2020 nicht wie ein strahlender Sieger aus. Hitze, Kosten, Pannen und Korruption machen den Japanern zu schaffen.
22. Juli 2017, 08:05

Angela Köhler, Tokio

sport@luzernerzeitung.ch

Es sollten die perfekten Spiele werden, umweltfreundlich, hochtechnologisch, sicher, sauber und nach den neuen Idealen der internationalen Sportbewegung schlank und relativ billig. Mit diesen Versprechen erhielt Tokio den Zuschlag für das kommende olympische Sommerspektakel 2020. Nach den Querelen um Rio de Janeiro schien Japans Megacity eine sichere Bank, ein glaubwürdiger Garant für eine reibungslose Vorbereitung und Austragung dieses Sporthöhepunktes. Doch seit sich Premierminister ­Shinzo Abe bei der Abschlusszeremonie in Rio als Super-Mario feiern liess, häufen sich Zweifel, Skandale und Pannen, kursieren Gerüchte über Korruption und Misswirtschaft, wachsen die Kosten sowie die Sorgen über die horrenden Wetterbedingungen im feuchtheissen Tokioter Sommer.

Von dem ursprünglich gepriesenen Konzept, dass 28 von 31 Sportstätten in einem Radius von acht Kilometern liegen, ist längst keine Rede mehr. Für derart kompakte Spiele wollte Tokio meh­rere gigantische Anlagen eigens für 2020 errichten, an denen vor allem die einflussreiche Baulobby Interesse hatte. Diesen Grössenwahnsinn versucht die seit 2016 regierende Gouverneurin von Tokio, Yuriko Koike, zu stoppen. Sie will vorhandene Anlagen – auch weiter entfernte – modernisieren und keine «weissen Elefanten», nach den Spielen verlassene Stadien, zulassen.

Empörung über Fukushima als Austragungsort

Die 64-jährige ehemalige Umwelt- und Verteidigungsministerin klagt laut und offen über ausufernde Kosten (siehe Box). Für Japans Steuerzahler wie auch für die Sparagenda des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) ist das ein teures Desaster. Die Proteste der wenigen «NOlympics» in Japan halten sich allerdings in Grenzen. Grosse Empörung in Netzwerken löste dagegen die in diesem Jahr getroffene Entscheidung aus, einige Base- und Softballspiele in das 300 Kilometer entfernte Fukushima zu vergeben. Tokio will dieser Region, die 2011 von Erdbeben, Tsunami und Reaktorkatastrophe schwer getroffen wurde, Mut machen, den Wiederaufbau und den Tourismus fördern. Erhebliche Zweifel gibt es jedoch an der offiziellen Darstellung, dass die Lage um das havarierte Atomkraftwerk wieder normal und unter Kontrolle sei.

Regelrechtes Chaos herrscht in der Hauptstadt um den berühmten Tsukiji-Fischmarkt. Im Juni wurde nach jahrelangen Querelen verkündet, der legendäre Handelsplatz werde 2018 umziehen. Verdächtig ist vor allem die Aussage von Bürgermeisterin Koike, dass der Tsukiji nach 2020 als «kulinarischer Themenpark» wieder aufgebaut werde. Was aber bis dahin auf dem wertvollen Areal nahe der Glitzermeile Ginza wirklich passiert, ist noch unklar. Anfangs sollte das Medienzentrum dort entstehen, aber diese Idee ist längst vom Tisch. Jetzt kursieren Gerüchte, an dieser Stelle werde ein Highway-Loop und ein Logistikzentrum für die Spiele errichtet.

Zur peinlichsten Panne geriet das Nationalstadion. Die extravaganten Entwürfe der inzwischen verstorbenen irakisch-britischen Star-Architektin Zaha Hadid sprengten mit 2 Milliarden Franken alle Grenzen, finanziell und baulich. Die japanische Architekten-Lobby buhte alle Entwürfe kollektiv aus und verunglimpfte sie wahlweise als Fleischklops, UFO, Fahrradhelm oder missratene Schildkröte.

Frau Hadid wurde schliesslich von Premier Abe persönlich gefeuert. Den anschliessenden Wettbewerb gewann der heimische Stararchitekt Kengo Kuma, dessen konventioneller Entwurf rund 1 Milliarde Franken billiger sein soll. Kuma allerdings hatte die olympische Flamme vergessen, was wiederum viel Häme auslöste und Nachbesserungen erforderte. Zudem erwies sich das mit viel Pomp präsentierte Logo Tokio 2020 als Plagiat.

Viel Sprengkraft besitzt auch der Umstand, dass bei den Ermittlungen gegen den ehemaligen Leichtathletik-Präsidenten Lamine Diack publik wurde, Tokio habe vor der olympischen Wahl 2 Millionen Franken, vermutlich an Schmiergeldern, gezahlt. Das in der Stichwahl unterlegene Istanbul soll einen ähnlichen «Sponsorendeal» abgelehnt haben. Der Fall wurde bislang nicht aufgeklärt.

Marathon bei Temperaturen um 38 Grad

Relativ klar ist die Wettersituation, die derzeit mit fast unerträglicher Hitze zu erleben ist und Sportlern in aller Welt erhebliche Kopfschmerzen bereitet. Die Spiele werden vom 24. Juli bis 9. August stattfinden, also mittendrin im japanischen Hochsommer. Bei diesem Klima, in dem jeder Japaner jede unnötige Aktivität vermeidet, sollen Höchstleistungen erbracht werden?

Beim Marathon der Männer rechnet man mit Temperaturen um 38 Grad, das wären die heissesten Bedingungen in 120 Jahren Sportgeschichte. 1964, als Tokio als erste asiatische Stadt das olympische Sportspektakel ausrichtete, wurden die strapaziösen klimatischen Verhältnisse noch berücksichtigt. Obwohl es vor über fünf Dekaden nicht so heiss wie heute war, fanden die Wettkämpfe im angenehmen Oktober statt.


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