Der Lebenstraum soll in Erfüllung gehen

LEICHTATHLETIK-WM ⋅ Zweimal verpasste Selina Büchel den Final an einem Grossanlass. In London will die St. Gallerin dieses Ziel nun endlich erreichen. Dafür braucht die 800-m-Läuferin jedoch auch Glück.
09. August 2017, 04:39

Raya Badraun, London

Hunderte von Touristen schlendern an diesem Morgen über die Tower Bridge. Immer wieder halten sie an, um ein Bild zu machen. Und dazwischen, da posiert gar ein Brautpaar mit einem gelben Plastikblumenstrauss. In Schlangenlinien rennen ein paar Athleten an ihnen vorbei und versuchen, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen. Die Tower Bridge ist während der Leichtathletik-WM ein beliebter Ort für die Trainingsrunde. Gleich in der Nähe, da befindet sich eines der Athletenhotels. Die Jamaikaner sind dort untergebracht – und das Schweizer Team.

Auch Selina Büchel hat ihre erste Joggingrunde auf den Londoner Strassen bereits hinter sich. 25 Minuten sei sie locker unterwegs gewesen, sagt sie. «Das ist zwischen all den Touristen gerade noch möglich.» Viel mehr ist in diesen Tagen jedoch auch nicht geplant. Gestern war sie noch im Olympiastadion, um die einzigartige Stimmung zu erleben. Ansonsten macht sie sich ein paar ruhige Tage. Denn die Kraft spart sie sich für morgen Abend auf. Dann tritt die 26-jährige Toggenburgerin zum Vorlauf über 800 m an.

Für Büchel ist es bereits der dritte internationale Grossanlass ihrer Kar­riere. Mittlerweile zählt sie sich zum erweiterten Kreis der Athletinnen, die um einen Finalplatz kämpfen. «Am Ende gehört jedoch auch immer Glück dazu», sagt sie. An der WM in Peking und an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro hat ihr das am Ende gefehlt. Zweimal verpasste sie einen Platz unter den besten acht ganz knapp. «Ich hoffe, dass es nun endlich klappt», sagt die zweifache Hallen-Europameisterin. «Das Niveau ist seither jedoch noch besser geworden.» Doch auch Büchel hat in dieser Zeit einen grossen Schritt nach vorne gemacht. Ihre Schwäche war lange die Schnelligkeit. Deshalb legte sie den Fokus unter anderem auch auf die 400 m. Über die Jahre hat sie ihre Bestzeit in dieser Disziplin immer wieder verbessert. Doch es waren nur ganz kleine Schritte. «Ich habe stets auf einen grossen Sprung gehofft», sagt Büchel. «Doch irgendwann habe ich nicht mehr daran geglaubt.»

Eine Sekunde schneller als vor einem Jahr

In diesem Sommer nun hat Büchel es endlich geschafft. An der Schweizer Meisterschaft im Zürcher Letzigrund erreichte sie das Ziel nach 52,97 Sekunden. Damit war sie über 400 m eine Sekunde schneller als noch 2016. «Das gab mir Selbstvertrauen», sagt Büchel, die seit einem Jahr ganz auf den Sport setzt und nicht mehr arbeitet. Auch in ihrer Paradedisziplin hofft sie dereinst eine ganz schnelle Zeit aufzustellen. «Das ist mein Lebenstraum», sagte sie am Rande der nationalen Titelkämpfe. Noch liegt ihre Bestleistung bei 1:57,95 Minuten, die sie 2015 beim Diamond-League-Meeting in Paris gelaufen ist.

In dieser Saison fehlt ihr hingegen eine Spitzenzeit. Dafür muss über 800 m jedoch sehr viel zusammenpassen: die Form, das Feld, ein regelmässiges Tempo. Diese Faktoren waren zuletzt nicht immer alle vorhanden. Doch Büchel weiss damit umzugehen. Schon oft hat sie in Wettkämpfen die Führung übernommen und ist mutig vorausgelaufen. Auch an der WM kann sie sich diese Rolle gut vorstellen.


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