Historischer Schweizer Doppelsieg: Dominique Aegerter vor Tom Lüthi

MOTORRAD ⋅ Dominique Aegerter und Tom Lüthi sorgen beim GP von San Marino für einen Schweizer Doppelsieg in der Motorrad-WM. Ein historischer Moment – dank garstigen Verhältnissen.
Aktualisiert: 
10.09.2017, 23:00
10. September 2017, 13:19

Klaus Zaugg

sport@luzernerzeitung.ch

Dominique Aegerter (26) gewinnt den GP von San Marino vor Tom Lüthi (30). Ein historischer Triumph. Seit Gründung der Motorrad-WM (1949) haben die Schweizer noch nie in einer Soloklasse einen Doppelsieg gefeiert. Ein Blick in die Geschichte bestätigt also, dass die eidgenössischen «Asphaltcowboys» in ihrer ruhmreichen Geschichte noch nie so über die Piste gerockt sind wie an diesem Regensonntag in Misano an der Adria. Sie waren unter schwierigsten Bedingungen kaltblütiger, schlauer und besser als die ganze Konkurrenz.

Zwei Jahre – 2015 und 2016 – fuhren Lüthi und Aegerter im gleichen Team und erreichten nie auch nur ein annährend so gutes Resultat. Zwei Alphatiere werden im Rennsport unter dem gleichen Dach nie glücklich. Erst recht nicht, wenn eines so sensibel ist wie Dominique Aegerter. Er konnte sich mit der Präsenz seines Idols und Vorbildes Lüthi im eigenen Team nicht abfinden und verlor sein Selbstvertrauen. Das Schweizer «Töff-Dreamteam» löste sich letzten Herbst mit Karacho auf: Dominique Aegerter wurde auf die Strasse gesetzt und durfte die letzten vier Rennen nicht mehr fahren.

Nun hat er Unterschlupf im Team von Stefan und Jochen Kiefer gefunden. Es ist eine Neuaufführung des Klassikers «Geld und Geist». Geldsorgen plagen die beiden Deutschen seit Jahren. Die Mittel für die technische Weiterentwicklung und Perfektionierung der Höllenmaschinen fehlen. Aber Dominique Aegerter ist die unumstrittene Nummer eins und er bekommt in diesem Team die Streicheleinheiten, die der sensible Rock’n’Roller für sein Ego braucht. Über einen 5. Platz ist er in dieser Saison zuvor nicht hinausgekommen. Technische Unzulänglichkeiten haben ihn immer wieder zurückgeworfen. Aber nicht entmutigt. Er hat in diesem familiären Umfeld zu seinen fahrerischen Wurzeln zurückgefunden.

Die edle, ursprüngliche Form des Rennsports

Bei normalen Verhältnissen wäre der Doppelsieg nicht möglich gewesen. Dominique Aegerter startete zwar aus der ersten Reihe – aber auf trockener Piste hätte er gegen Titanen wie Franco Morbidelli, Mattia Pasini oder Tom Lüthi nicht um den Sieg fahren können – zu viele technische Unzulänglichkeiten. Es ist, als habe der Himmel ob der Chancenlosigkeit von Dominique Aegerter geweint. Das garstige Regenwetter hat den Vorteil der Technik eli­miniert und uns wieder einmal die edle, ursprüngliche Form des Rennsportes beschert: der archaische Zweikampf Mann gegen Mann. Auf der nassen Piste spielten technische Faktoren keine Rolle mehr – nun ging es um das Gefühl fürs dosierte Gasgeben, um den Mut zum späten Bremsen und um das Talent, eine rutschende und immer wieder ausbrechende Maschine auf der Spur zu halten. Um Rennsport pur. Dominique Aegerter besiegt alle, weil er als wilder, im Motocross gross gewordener Haudegen ein unnachahmliches Gespür für fahrerische Extremsituationen hat. Tom Lüthi konnte ihm folgen und alle anderen distanzieren, weil er als sensibler Stilist virtuos jenen weichen, runden Fahrstil beherrscht, der das Risiko eines Sturzes bei solchen ex­tremen Verhältnissen minimiert. Er hat den Rückstand auf WM-Leader Franco Morbidelli von 29 auf 9 Punkte reduziert – und wenn ihn Dominique Aegerter vorbeigelassen hätte, wären es gar nur noch 4 Punkte. Aber Geschenke gibt es nicht – und werden auch nicht erwartet. Tom Lüthi sagt denn auch, dass er mit diesem zweiten Platz zufrieden sei. Er wusste, dass Franco Morbidelli gestürzt war und riskierte nicht mehr Tod und Teufel. Dominique Aegerter hingegen fuhr, als gäbe es kein nächstes Rennen mehr.

Grand Prix San Marino

Misano (ITA). Moto2 (26 Runden/109,876 km): 1. Aegerter (SUI), Suter, 51:39,709 (127,6 km/h). 2. Lüthi (SUI), Kalex, 1,400. 3. Syahrin (MAL), Kalex, 7,875. – Ferner: 10. Raffin (SUI), Kalex, 1:20,192. – WM-Stand (13/18): 1. Morbidelli 223. 2. Lüthi 214. 3. Alex Marquez (ESP), Kalex, 155. 4. Miguel Oliveira (POR), KTM, 141. – Ferner: 8. Aegerter 88. 23. Raffin 11.

MotoGP (28 Runden à 4,226 km/118,328 km): 1. Marquez (ESP), Honda, 50:41,565 (140,0 km/h). 2. Petrucci (ITA), Ducati, 1,192. 3. Dovizioso (ITA), Ducati, 11,706. 4. Viñales (ESP), Yamaha, 16,559. – Nicht am Start: Rossi (ITA), Yamaha (verletzt). – WM-Stand (13/18): 1. Marquez 199. 2. Dovizioso 199. 3. Viñales 183. 4. Rossi 157.

Moto3 (23 Runden/97,198 km): 1. Fenati (ITA), Honda, 46:24,290 (125,6 km/h). 2. Mir (ESP), Honda, 28,594. 3. Di Giannantonio (ITA), Honda, 39,035. – WM-Stand (13/18): 1. Mir 246. 2. Fenati 185. 3. Canet (ESP), Honda, 162.

Nächstes Rennen: Grand Prix von Aragonien in Alcañiz am 24. September.

Resultate

Misano (ITA). Grand Prix von San Marino. MotoGP (28 Runden à 4,226 km/118,328 km): 1. Marc Marquez (ESP), Honda, 50:41,565 (140,0 km/h). 2. Danilo Petrucci (ITA), Ducati, 1,192. 3. Andrea Dovizioso (ITA), Ducati, 11,706. 4. Maverick Viñales (ESP), Yamaha, 16,559. - Schnellste Runde: Marquez (28.) in 1:47,069 (142,0 km/h). - 23 Fahrer gestartet, 17 klassiert. - Nicht am Start: Valentino Rossi (ITA), Yamaha (verletzt).

WM-Stand (13/18): 1. Marquez 199. 2. Dovizioso 199. 3. Viñales 183. 4. Rossi 157.

Moto2 (26 Runden/109,876 km): 1. Dominique Aegerter (SUI), Suter, 51:39,709 (127,6 km/h). 2. Tom Lüthi (SUI), Kalex, 1,400. 3. Hafizh Syahrin (MAL), Kalex, 7,875. Ferner: 10. Jesko Raffin (SUI), Kalex, 1:20,192. - Schnellste Runde: Brad Binder (RSA/25.), KTM, in 1:57,732 (129,2 km/h). - 31 Fahrer gestartet, 16 klassiert.

WM-Stand (13/18): 1. Morbidelli 223. 2. Lüthi 214. 3. Alex Marquez (ESP), Kalex, 155. 4. Miguel Oliveira (POR), KTM, 141. Ferner: 8. Aegerter 88. 23. Raffin 11.

Moto3 (23 Runden/97,198 km): 1. Romano Fenati (ITA), Honda, 46:24,290 (125,6 km/h). 2. Joan Mir (ESP), Honda, 28,594. 3. Fabio Di Giannantonio (ITA), Honda, 39,035. - Schnellste Runde: Fenati (4.) in 1:59,425 (127,3 km/h). - 31 Fahrer gestartet, 15 klassiert.

WM-Stand (13/18): 1. Mir 246. 2. Fenati 185. 3. Aron Canet (ESP), Honda, 162. (sda)

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Perfekter Schweizer Tag beim Regen-GP von San Marino: Dominique Aegerter triumphierte auf dem Circuit im italienischen Misano im Moto2-Rennen mit 1,4 Sekunden Vorsprung vor Tom Lüthi. Das Berner Duo sorgte damit für einen historischen Moment. Noch nie in der 1949 erstmals durchgeführten Strassen-WM gab es einen Schweizer Doppelsieg zu feiern - egal in welcher Klasse.

Video: So jubelt Dominique Aegerter nach seinem Sieg

(Twitter / @MotoGP, 10.09.2017)

Video: Dominique Aegerter im Duell mit Tom Lütih

(Twitter / @MotoGP, 10.09.2017)




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