«Ich war in Topform und wollte es zeigen»

MOUNTAINBIKE ⋅ Trotz einem Massensturz und einem Plattfuss fährt Alessandra Keller auf Platz drei an der U23-WM. Das macht die 21-jährige Nidwaldnerin stolz, lässt sie aber auch darüber sinnieren, was noch alles möglich gewesen wäre.
16. September 2017, 22:35

Stephan Santschi

stephan.santschi@luzernerzeitung.ch

«Unglaublich, dieses Pech.» Das ging Alessandra Keller am letzten Sonntag durch den Kopf, als ihr das Schicksal während des Cross-Country-Rennens an der U23-WM im australischen Cairns gleich zweimal übel mitspielte. Zunächst war sie in einen Massensturz involviert, infolge dessen ihre elektronische Schaltung kaputtging. Keller begab sich in die technische Zone, um das Malheur zu beheben und anschliessend an letzter Stelle den Wettkampf wieder aufzunehmen. Bald schaute sie aber wieder bei den Reparateuren vorbei, der Hinterreifen hatte einen Platten erlitten, wieder kehrte sie als Schlusslicht auf die Strecke zurück. «Es gibt Fahrerinnen, die resignieren, und es gibt solche, die gehen weiterhin motiviert zur Sache», sagt Keller. Die 21-jährige Nidwaldnerin gehört zur zweiten Sorte. «Ich war in Topform und das wollte ich auch zeigen.»

Sie machte daraufhin das Rennen ihres bisherigen Lebens, überholte eine um die andere der 27 Konkurrentinnen und fuhr als Drittklassierte sogar noch aufs Podest – mit 2:18 Minuten Rückstand auf die Zürcherin Sina Frei, welche die Titelkämpfe gewann. Neben den beiden Goldmedaillen an Welt- und Europameisterschaften im Juniorinnenalter ordnet sie diesen Exploit als vorläufig wertvollstes Ergebnis ihrer Karriere ein. Auch abseits der Rennstrecke sei der Aufenthalt ein Erlebnis gewesen. «Krokodile, Schlangen, Kängurus – in Cairns ist Australien so, wie man es sich vorstellt.»

«Viele holen einen Titel und tauchen wieder ab»

Allerdings, so gibt sie zu, fragte sie sich im Nachhinein auch, was unter normalen Umständen möglich gewesen wäre. Vielleicht sogar Rang eins? «Das kann ich nicht sagen. Doch ich hätte sicher vorne mitfahren können.» Ein Titel sei halt ein ­Titel und immer etwas Spezielles. Auch so habe sie für ihre Leistung aber grosse Anerkennung erhalten.

Wichtiger als der einzelne Moment ist Alessandra Keller ohnehin der Blick auf das grosse Ganze. Und der zeigt, dass die gebürtige Stanserin sich in jüngerer Vergangenheit stetig gesteigert hat. Rang eins in den Gesamtwertungen des Swiss Cup bei den U15, U17 und U19. Schweizer Meisterin bei den Juniorinnen. Welt- und Europameisterin bei den Juniorinnen. Vize-Europameisterin in der U23. Und nach dem dritten Platz an der U23-WM im Vorjahr nun noch die Bestätigung dieses Resultats. «Es gibt viele, die tauchen auf, holen einen Titel und tauchen wieder ab. Ich bin aber seit meiner Juniorinnenzeit vorne dabei. Diese Kons­tanz ist mir wichtig. Ich will nicht zu viel auf einmal erreichen.» Die Bronzemedaille in Cairns zum internationalen Saisonabschluss beschert ihr in der Weltrangliste den Vorstoss auf Platz sieben, als drittbeste Schweizerin hinter Jolanda Neff und der Urnerin Linda Indergand. So gut war sie in der Endabrechnung auf höchster ­Stufe noch nie klassiert.

Am Montag zurück an die ETH Zürich

Entsprechend positiv fällt ihre Jahresbilanz aus, «mit meinen Leistungen bin ich zufrieden». In den Weltcup-Einsätzen hat sie die anvisierten Podestplätze noch nicht erreichen können, Rang sechs steht als beste Performance zu Buche. «Auch hier war ich nicht immer mit dem nötigen Glück unterwegs, hatte Defekte oder bin gestürzt.» Parallel dazu absolviert die Ennetbürgerin ein Studium der pharmazeutischen Wissenschaften, zwei Wochen vor der WM hat sie die letzte Prüfung des ersten Studienjahrs erfolgreich abgeschlossen. «Für ein Studienjahr nehme ich mir zwei Jahre Zeit», erklärt die Profi­sportlerin, auf diese Weise sei garantiert, dass das eine das andere nicht beeinträchtige.

Morgen Montag beginnen wieder die Vorlesungen an der ETH Zürich, heute in einer Woche bestreitet sie noch den Swiss Cup in Lugano, dann folgt das Wintertraining. Im nächsten Jahr wird sie nochmals eine U23-Saison anhängen, ehe sie auch an internationalen Titelwettkämpfen zur Elite wechseln wird. Kellers Fernziel ist die Teilnahme an den Olympischen Sommerspielen 2020 in Tokio.


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