Kommentar

Beliebt bei den Fans, aber nicht bei den Stars

18. Juni 2017, 20:06

Als der ehemalige Radprofi Olivier Senn vor drei Jahren das Amt des Tour-Direktors übernahm, setzte er sich zum Ziel, die Schweizer Landesrundfahrt wieder zu den Leuten zu bringen. Wie früher sollten Menschenmassen die Etappen verfolgen – zu Hause vor dem Fernseher und noch lieber am Strassenrand.

Der eingeschlagene Weg sei der richtige, bilanzierte Senn gestern. Und: Die Tour de Suisse sei wieder «als Volksfest bei der Bevölkerung angekommen». Auch ohne die tendenziell geschönte Sicht der Veranstalter stimmt der Eindruck grundsätzlich: Das Schweizer Etappenrennen vermochte in diesem Jahr zu begeistern. Das Konzept der sogenannten Hubs – mehrere Renntage an einem Ort – bewährte sich erneut, sowohl zum Auftakt in Cham als auch zum Schluss in Schaffhausen. Zudem war die Medienpräsenz ungewöhnlich hoch. Als Beispiel: Das Schweizer Fernsehen entdeckte in einem Sommer ohne Fussball-EM und Olympia den Radsport wieder und begleitete die Etappen täglich mit einer Livesendung.

Trotz steigender Popularität fehlen der Tour de Suisse aber nach wie vor die grossen Stars. Diese bevorzugen es, an der früher stattfindenden Dauphiné in Frankreich den letzten Schliff für die Tour de France zu holen – die Erholungsphase ist länger. Das Ausbleiben der ersten Garde ermöglicht in der Schweiz Gesamtsieger wie Simon Spilak. So eindrucksvoll der Slowene am Tag nach der Königsetappe zum Tiefenbachgletscher hinaufgeflogen ist, so wenig Charisma hat der einsilbige Profi im Ziel versprüht. Der Slowake Peter Sagan, der heuer seine Tagessiege 14 und 15 eingefahren hat, bringt Glamour mit, ist aber keiner fürs Gesamtklassement.

Damit künftig auch Chris Froome und Nairo Quintana über Schweizer Pässe klettern, haben die Veranstalter beim Weltverband UCI ein Gesuch gestellt, um den Start der Tour de Suisse eine Woche vorzuverschieben. Der Entscheid wird bis Donnerstag erwartet. Klar ist: Das «Volksfest» würde durchaus noch einige Attraktionen ertragen.

Claudio Zanini, Sportredaktor

claudio.zanini@ luzernerzeitung.ch


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