Hitzetag mit Überraschungen

RAD ⋅ Der Sieg in der 14. Etappe der Tour de France geht an den Australier Michael Matthews. Chris Froome holt sich von Fabio Aru das gelbe Trikot zurück.
16. Juli 2017, 09:32

Tom Mustroph

sport@luzernerzeitung.ch

Fluchtgruppen hatten an diesem 15. Juli mal wieder keine Chance. Zwar bildete sich schnell eine durchaus starke Gruppe mit dem unverwüstlichen Belgier Thomas De Gendt, mit Frankreichs Alt-Idol Thomas Voeckler und auch mit dem Frauenfelder Reto Hollenstein, aber das Feld liess die Fünfergruppe nie weiter als 3 Minuten weg. «Es war schwer. Die Mannschaften hinten haben uns einfach gut kontrolliert», resümierte Hollenstein im Ziel. Frustriert war er damit nicht. «Man wusste ja vorher, dass die Teams von Matthews und Avermaet das Feld zusammenhalten wollten. Aber wir hatten noch keinen Tagessieg, also habe ich es versucht», meinte er. Der Katjuscha-Profi konnte sogar etwas Freude bei dieser Arbeit empfinden. Gewöhnlich jagt er Fluchtgruppen, um den Sprint seines Captains Alexander Kristoff vorzubereiten. Jetzt war er aber selber vorn. «Tempo machen vor dem Feld ist eine schöne Sache, auch wenn es gut ist, für einen starken Mann wie Kristoff zu arbeiten», meinte er.

Als der Kampf um die Positionen zum Sprint über die 9,6 Prozent steile Rampe in Rodez begann, hielt Hollenstein sich bereits hinter dem Feld auf. Ganz vorn brachten sich Matthews und Van Avermaet, aber auch der Deutsche John Degenkolb gut in Stellung. Degenkolb aber platzte. «Ich hatte nicht die Beine dafür», meinte der Trek-Profi traurig am Teambus. Degenkolb konnte im Zurückfallen ganz gut beobachten, wie sich der weisse Sky- Zug immer weiter nach vorne schob und seinen Captain Chris Froome in eine gute Position brachte. Vor allem Ex-Weltmeister Michal Kwiatkowski zeichnete sich dabei durch eine Kombination von Schlauheit und Stärke aus. «‹Kwia› ist der wohl kompletteste Fahrer im Peloton. Er fährt eine grandiose Tour und hat nun sein Meisterstück abgeliefert», lobte ihn Teamchef David Brailsford im Ziel.

Ungewohnte Jagd nach gelbem Trikot

Kwiatkowski überzeugte dann auch Froome, auf dem Schlussanstieg alles zu geben. «Er schrie ins Mikro: ‹Geh, geh, geh! Du hast Vorsprung, hinten fällt das Peloton auseinander›», erzählte ein dankbarer Chris Froome.

Nicht so gut positioniert war Fabio Aru. Der Sarde verlor 25 Sekunden auf den Tagessieger und 24 Sekunden auf Froome. Er liegt jetzt 18 Sekunden hinter Froome auf Platz 2. Der neue alte Leader Froome schien selbst ein bisschen überrascht über den Ausgang des Rennens. «Ich habe nicht damit gerechnet, so schnell wieder ins Maillot jaune zu schlüpfen», sagte er. Die Taktikplaner im Begleitwagen hingegen waren eher befriedigt als verblüfft. «Diese Etappe haben wir sehr genau vorbereitet. Wir haben uns angeguckt, wo wir an welcher Position zu sein haben, und das dann auch umgesetzt. Wirklich eine brillante Arbeit vom ganzen Team», sagte Teamchef Brailsford.

Brailsford zeigte sich auch angetan vom Ruck, der durch das Team nach dem Verlust des gelben Trikots gegangen sei: «Wir kennen das ja gar nicht, wie es ist, Gelb zu verlieren. Aber es war gut zu sehen, wie die ganze Mannschaft reagierte – die Fahrer, die sportlichen Leiter, aber auch die Mechaniker und die Masseure.» Brailsford fand sogar Gefallen an einer Aufholjagd. «Es ist einfach etwas anderes, ein gelbes Trikot erobern zu wollen und auf Angriff zu fahren, als es verteidigen zu müssen. Angreifen macht wirklich mehr Spass», meinte der Waliser. Ihm, der Tour und allen, denen an Spannung liegt, ist nur zu wünschen, dass Sky noch mehrfach in die Situation kommt, das Maillot jaune wiedererobern zu müssen. Dazu müssen sich die Gegner aber schlauer anstellen als an diesem Samstag. Auch der Gesamtdritte Romain Bardet verlor etwas Zeit auf Froome: 4 Sekunden.

Tour de France

14. Etappe, Blagnac–Rodez (181,5 km): 1. Matthews (AUS) 4:21:56. 2. Van Avermaet (BEL), gleiche Zeit. 3. Boasson Hagen (NOR) 0:01 zurück. 4. Gilbert (BEL). 5. McCarthy (AUS). 6. Colbrelli (ITA). 7. Froome (GBR). 8. Martin (IRL). 9. Uran (COL), alle gleiche Zeit. 10. Benoot (BEL) 0:05. 11. Bardet (FRA). Ferner: 13. Yates (GBR), beide gleiche Zeit. 20. Landa (ESP) 0:15. 23. Quintana (COL) 0:22. 24. Contador (ESP), gleiche Zeit. 28. Meintjes (RSA) 0:25. 30. Aru (ITA), gleiche Zeit. 57. Frank (SUI) 0:59. 83. Albasini (SUI) 1:45. 87. Schär (SUI) 2:03. 94. Küng (SUI) 2:27. 102. Hollenstein (SUI) 6:04. 104. Danilo Wyss (SUI) 6:28. – 177 Fahrer gestartet, 176 klassiert. – Aufgegeben: Fabio Felline (ITA).

Gesamtklassement: 1. Froome 59:52:09. 2. Aru 0:18. 3. Bardet 0:23. 4. Uran 0:29. 5. Landa 1:17. 6. Martin 1:26. 7. Yates 2:02. 8. Quintana 2:22. 9. Meintjes 5:09. 10. Contador 5:37. Ferner: 38. Frank 1:06:46. 78. Wyss 1:38:10. 79. Küng 1:38:36. 85. Schär 1:41:11. 102. Albasini 1:52:28. 150. Hollenstein 2:24:08.


Leserkommentare

Anzeige: