So offen wie seit Jahren nicht mehr

RAD ⋅ Die Tour de France ist so offen wie seit Jahren nicht mehr. Chancen auf den Toursieg haben noch einige Topfahrer. Für den Entscheid könnten am Schluss die Teams sorgen.
18. Juli 2017, 07:16

Tom Mustroph, Le Puy-en-Velay

sport@luzernerzeitung.ch

Entschieden ist noch gar nichts. Zu Beginn der dritten Woche der Tour de France sind die ersten vier Fahrer nur durch weniger als eine halbe Minute getrennt, die besten sechs durch etwas mehr als eine Minute. Als eine «Fahrt in unbekannte Territorien» bezeichnete daher Jim Ochowicz, Manager des ausgeschiedenen Mitfavoriten Richie Porte, diese Frankreich-Rundfahrt.

An eine Vorausschau wagen sich nicht einmal mehr die wahren Experten. «Alles, was man am Vormittag sagt, kann am Abend völlig überholt sein. Diese Tour ist total verrückt», wehrte etwa Rolf Aldag, Ex-Profi und aktuell Performance Manager beim Rennstall Dimension Data, Prognosen jeder Art ab. Chancen immerhin kann man ausloten. Wer hat welche Aussichten auf den Tourgewinn?

Die schwerste Tour für Chris Froome

Chris Froome muss in diesem Jahr mächtig kämpfen. «Diese Tour ist meine schwerste», gab der Brite zu. Er sprach sogar von «Angst», als ihm Ag2R auf der 15. Etappe davonfuhr. Ganz aus dem Rennen ist Froome trotz seiner Schwächen nicht. Für das Zeitfahren in Marseille gilt er als Favorit. Eine Minute etwa kann er da auf seine Rivalen gutmachen. Es muss nicht einmal sein, dass er diese Minute in den Alpen verliert. Denn sein Team Sky ist immer noch das beste im Feld.

Genau das ist das Manko von Fabio Aru, dem Zweitplatzierten. Er hat sich zwar als der beste Kletterer im Peloton erwiesen, verlor aber Zeit bei der Klassikerankunft in Rodez, weil ihn sein Rumpfteam Astana schlecht positionierte. Fürs Hochgebirge ist er gegenüber Froome favorisiert, und er kündigte «pausenlose Attacken» an. Gut möglich, dass er Landsmann Nibali auf den Tourthron folgt.

Romain Bardet, derzeit Platz 3, deutete schon bei der letzten Tour seine Qualitäten an, als er auf der vorletzten Bergetappe auf der Abfahrt angriff und sich so auf Platz 2 schob. In diesem Jahr hat Bardet auch den schwierigen ersten Teil der Tour gut gemeistert. «Seine grösste Stärke ist die dritte Woche. Er wird einfach nicht müde», sagt Teamchef Vincent Lavenu über seinen Schützling. Hinzu kommt: Bardet hat in diesem Jahr eine tolle Truppe an seiner Seite. Ag2Rs kollektive Attacken sprengten mehrfach Team Sky. «Guerilla gegen klassische Armee» nannte «l’Equipe» dieses Szenario. Guerilla-Commandante Bardet versprach: «Wir werden es immer wieder probieren.» Mit mehr als einer Minute Vorsprung nach den Alpen hat er die Tour de France gewonnen.

Uran ist der «am meisten unterschätzte Rivale»

Chancen auf einen Podiumsplatz, allerdings nicht auf die allerhöchste Stufe, hat Rigoberto Uran. Der Kolumbianer kann seine Rivalen nicht abhängen. Er hat auch ein schwaches Team. Aber er ist ein guter Zeitfahrer, der zweitbeste aus dem Sextett, hinter Froome. Der Brite nannte ihn am Montag «meinen am meisten unterschätzten Rivalen».

Für den Iren Dan Martin beginnt am Mittwoch der Ernst des Lebens. Auf den kurzen, knackigen Etappen bisher sah er gut aus. Nun kommen die langen Anstiege. Selbst sein sportlicher Leiter Brian Holm ist sich unsicher, was Martin dort leisten kann: «Ehrlich gesagt, wir wissen es nicht. Wir gehen mit bescheidenen Erwartungen in die letzte Woche und hoffen auf einen Platz in den Top 5.» Martin muss sich die Beinkraft im Team zudem mit Sprintstar Marcel Kittel teilen. Ein Tour-Sieg ist unwahrscheinlich.

Mikel Landa ist der Stärkste bei Team Sky. Das zeigte er mehrfach bei dieser Tour. Sein Nachteil ist, dass er Kräfte für seinen Leader Froome einsetzen muss. Sollte Froome in den Bergen ausfallen, kommt zwar Landas Chance. Er hat aber den Giro in den Beinen und auch die ganze bisherige Arbeit für Froome. Sein Sieg käme trotz seiner Stärke daher einem Wunder gleich.


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