Strassen-WM in Norwegen: Tiefflieger auf dem Velo

RADSPORT ⋅ Am Sonntag steht an der Strassen-WM in Norwegen kollektives Leiden auf dem Programm. Das Mannschaftszeitfahren ist eine spezielle Disziplin, die vielen Radprofis zuwider ist. Favorit ist das Team des Schweizers Stefan Küng.
17. September 2017, 04:38

Daniel Good

Die einen lieben Mannschaftszeitfahren, die anderen hassen die Disziplin. Der Ostschweizer Stefan Küng zählt zur ersten Sorte Radprofis, der Zentralschweizer Gregory Rast hat schon lange eine Abneigung gegen die kollektive Zwangstreterei in grossen Gängen. Der Zeitfahrspezialist Küng war mit dem Team BMC 2015 Weltmeister und im vergangenen Jahr WM-Zweiter. Heute Nachmittag steht ihm der Sinn wieder nach Gold. In Norwegen startet Küng mit fünf Teamkollegen zur WM im Mannschaftszeitfahren. Das Team BMC hat gute Chancen, in Bergen den Erfolg von 2015 zu wiederholen. Sechs starke Roller stehen zur Verfügung. Ende August stand eine Woche Spezialtraining am Gardasee auf dem Programm.

Die teaminterne Selektion war hart. Auch der Luzerner Michael Schär ist ein guter Roller, aber ein Einsatz ist nicht vorgesehen. Einen Saisonsieg in einem Mannschaftszeitfahren hat Schär schon auf dem Konto. An der Valencia-Rundfahrt Anfang Februar gehörte er zum erfolgreichen BMC-Team. Richie Porte ist ebenfalls ein ausgewiesener Zeitfahren-Spezialist. Im Sommer gewann der Australier das Einzelzeitfahren an der Dauphiné-Rundfahrt, dem wichtigsten Rennen im Vorfeld der Tour de France. «Er ist zu leicht», sagt Küng. Porte ist im amerikanisch-schweizerischen Rennstall BMC der Mann für die grossen Rundfahrten und muss auch über die Berge kommen. Er wiegt nur 62 Kilogramm. Die sechs heute im Einsatz befindlichen BMC-Fahrer sind zwischen 73 und 80 Kilogramm schwer, im Durchschnitt 77 Kilogramm. Küng ist der Schwerste. Die sechs Profis sind auch etwa gleich gross. Auch das ist wichtig. Denn bei Tempi von oft über 60 Stundenkilometern spielt der Windschatten eine entscheidende Rolle. Die Mannschaft muss möglichst lange zusammenbleiben. Hat einer in der Anfangsphase einen Defekt, wird in der Regel gewartet. Insbesondere wenn der Pechvogel zu den Lokomotiven des Teams gehört. Je mehr Rennfahrer sich in der Führungsarbeit abwechseln, desto kräfteschonender kommt das Team über die Distanz.

Der Stärkste muss Rücksicht nehmen

Küng ist als ehemalige Lokomotive des erfolgreichen Schweizer Bahnvierers prädestiniert für das Mannschaftszeitfahren. Er hat Spass an der Disziplin, die vielen zuwider ist. «Es ist wie tieffliegen», sagt Küng, «wir sind immer mit einem Tempo zwischen 50 und 60 Stundenkilometern unterwegs, auch wenn es leicht bergauf geht.» Der heutige Parcours führt über 42,5 Kilometer. Die Strecke ist coupiert. Neben Küng startet mit dem Aargauer Silvan Dillier ein zweiter Schweizer für das BMC-Team. Der stärkste Fahrer der Mannschaft ist neben Küng der Australier Rohan Dennis, der Sieger der beiden Zeitfahren an der Tour de Suisse. Matchentscheidend ist aber die Harmonie des Sextetts. Der Stärkste darf den Schwächsten nicht kaputtfahren. Im Ziel zählt die Zeit des Vierten für das Klassement.

Für Küng hat das heutige Rennen deshalb eine grosse Bedeutung, weil er sich im Einzelzeitfahren vom Mittwoch keine grossen Chancen ausrechnet. Erstmals geht es im Final einer Zeitfahren-WM bergauf. 3,4 Kilometer misst der Schlussanstieg am Mittwoch. «Mit meinem Gewicht wird es schwierig. Ich bin in Form und freue mich auf die WM, aber die Schwerkraft setzt mir Grenzen. Im Einzelzeitfahren bin ich zufrieden, wenn ich unter die ersten acht komme.»

Tour-Dominatoren als grösste Konkurrenten

Auf dem Serviertablett kommt das WM-Gold heute freilich nicht zu Küng und Co. Sehr ambitioniert zeigt sich das Team Sky, das die Tour de France und die Spanien-Rundfahrt dominierte. Auch Chris Froome, der Sieger der Tour de France, startet. An der Seite Froomes fährt heute der Brite Geraint Thomas, der vor Küng den Prolog der Tour de France gewonnen hat. BMC dominierte – ohne Küng – an der Vuelta das einzige Teamzeitfahren an einer grossen Rundfahrt in dieser Saison. An der Tour de France stand heuer zum Bedauern Küngs kein Mannschaftszeitfahren auf dem Programm. «Wir hätten sicher gute Chancen gehabt. Ich denke, dass wir mindestens so stark wie Sky sind», sagte Küng im Vorfeld der diesjährigen Tour.


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