Königin ohne Saisonkrönung

EIDGENÖSSISCHES ⋅ Manuela Egli triumphiert beim Eidgenössischen Schwingfest der Frauen in Siebnen. Top-Favoritin und Saisondominatorin Sonia Kälin muss sich geschlagen geben – und zeigt sich tief enttäuscht.

25. September 2016, 08:39

 

Das Eidgenössische Schwingfest der Frauen in Siebnen (SZ) ist zwar nicht so gigantisch wie das Pendent bei den Männern, das vor kurzem die Zuschauermassen nach Estavayer trieb, doch in Sachen Charme und Idylle steht das Frauenfest seinem «grossen Bruder» in nichts nach. Rund 2200 Zuschauer verfolgten bei perfekten Bedingungen das Treiben der 103 Teilnehmerinnen, noch nie waren es mehr.

Die grosse Dominatorin der Szene ist momentan Sonia Kälin. Doch anders als bei den meisten Schwingfesten in den letzten Jahren konnte sie dieses Mal nicht reüssieren. Als Kälin bei ihrem letzten Gang gegen Sarah Leuenberger auf dem Rücken im Sägemehl landete und damit eine ihrer seltenen Niederlagen hinnehmen musste, war die 31-Jährige aus Egg im Kanton Schwyz bereits aus dem Rennen um den Tagessieg. In den fünf Gängen zuvor konnte Kälin bloss zwei Gegnerinnen mit einem Plattwurf besiegen, in den anderen drei Kämpfen musste sich die Schwyzerin jeweils mit einem Gestellten begnügen.

Der Frust über die Kampfrichter

Auch wenn es im letzten Kampf gegen Leuenberger nicht mehr um den Tagessieg ging, nagte diese Niederlage an der Schwyzer Sportlerin des Jahres 2015. Sie musste sich zuerst ein paar Mi­nuten sammeln, bis sie schliesslich Auskunft geben konnte: «Die Enttäuschung ist riesig. Heute haben mich die Kampfrichter klar benachteiligt. Es wäre alles angerichtet gewesen, um den FrauenSchwingsport ins beste Licht zu rücken, und dann werde ich grausam verheizt, das ist nicht optimal. Aber so ist der Sport, morgen werde ich das abgehakt haben, aber im Moment ist es schwierig.»

Dabei hätte Kälin ebenso gut im Schlussgang stehen können. Im fünften Gang hatte die Schwingerkönigin ihre Gegnerin Rebekka Wälti bereits auf dem Rücken, aber der Kampfrichter sah die Szene zur grossen Überraschung der Zuschauer als ausserhalb des Ringes stattfindend. Statt eines Sieges und 10 Punkten musste sich Kälin mit einem Gestellten zufrieden geben. «Wenn der Kampfrichter im fünften Gang nicht abgerufen hätte, hätte ich im Schlussgang gestanden, und dann wäre alles möglich gewesen», so Kälin.

Bei den Frauen wird jede Saison die beste Schwingerin der Saison zur Schwingerkönigin gekürt. Aufgrund ihrer tollen Resultate in dieser Saison (vier Siege in fünf Wettkämpfen) stand die Schwyzerin Sonia Kälin bereits vor dem Eidgenössischen in Siebnen als Siegerin fest. «Der Titel bedeutet mir extrem viel. Ich hatte im Frühling Verletzungssorgen, und der Arzt hat mir den Rücktritt empfohlen. Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich die ganze Saison schwingen könnte, und darum bin ich extrem dankbar, dass ich hier vor so einer Kulisse gesund antreten durfte.» Für Kälin ist es bereits der dritte Titel. Schon 2012 und 2015 durfte sie sich als beste Schwingerin auszeichnen lassen.

Egli nutzt die Gunst der Stunde

Gestern war zum Saisonschluss eine andere Athletin die grosse Gewinnerin. Vor den Augen von Bundesrat Ueli Maurer und Schwingergrössen wie Christian Schuler zeigte die 22-jährige Manuela Egli aus Steinhuserberg das beste Fest ihrer Karriere und holte für viele überraschend den Festsieg in Siebnen.

Die Luzer­nerin, die jetzt im Entlebuch in Romoos wohnt, konnte ihr Glück nach dem Schlussgang kaum fassen: «Es ist ein Wahnsinn, einfach unglaublich! Am Morgen ist man mit einem ganz anderen Gefühl aufgestanden, und nun kommt man als Siegerin nach Hause. Ich kann es momentan noch gar nicht glauben, dass ich es geschafft habe.» In ihrem ersten Schlussgang als Aktive überhaupt zeigte die gelernte Landwirtin keine Nerven und bodigte Andrea Deck nach kurzer Zeit. «Ich hatte heute das Gefühl, dass ich mehr erreichen kann als beim letzten Mal und dass es vielleicht für einen Kranz reicht, aber dass ich in den Schlussgang komme und gleich Festsiegerin werde, das hatte ich nicht erwartet.»

Egli feierte mit dem Festsieg am Eidgenössischen in Siebnen den grössten Triumph ihrer Karriere. Und auch wenn das Interesse und die Siegprämie nicht so gross ausfallen dürften wie bei den Männern, so ist die Freude mindestens genauso gross.

Siebnen SZ. Eidgenössisches Frauen- und Meitlischwingfest (41 Schwingerinnen, 2200 Zuschauer). Schlussgang: Manuela Egli (Steinhuserberg) besiegt Andrea Deck (Morschach) nach 3:32 mit Kurz und Überdrücken.

Rangliste: 1. Egli 58,00. 2. Rebekka Wälti (Worb) 57,50. 3. Fränzi Scherer (Escholzmatt) 57,00. 4. Jasmin Gäumann (Häutligen) 56,75. 5. Andrea Deck (Morschach) und Rahel von Känel (Reichenbach) je 56,50. (alle mit Kranz). – Ferner: 7. Sonia Kälin (Egg/Schwingerkönigin 2016) 55,75.

1. und Schwinger­königin Kälin 233,75. 2. Gäumann 227,75. 3. Wälti 226,50. 4. Egli 226,00. 5. Silvia Deck 225,75.

Hinweis

Mehr zum Frauenschwingen und zur Schwingerkönigin Sonia Kälin im Sportjournal vom Dienstag.

Roger Ambergroger.amberg@luzernerzeitung.ch


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