Gmelin schreibt mit Gold Geschichte

RUDERN ⋅ Das gab es noch nie: Jeannine Gmelin gewinnt als erste Schweizerin den Weltmeistertitel in einer olympischen Bootsklasse. Die 27-jährige Skifferin spricht danach von einem der herausforderndsten Rennen ihrer Karriere.
Aktualisiert: 
01.10.2017, 21:00
01. Oktober 2017, 17:09

Sascha Fey (SDA)
sport@luzernerzeitung.ch

Welch ein Effort von Jeannine Gmelin: Die 27-jährige Ustermerin hatte an der Ruder-WM in Sarasota (Florida) ein enges Rennen erwartet, doch dem war nicht so: Im Skiff-Final lag sie zwar nach 500 Metern noch auf Platz 4, dann aber übernahm die Olympia-Fünfte des vergangenen Jahres auf dem zweiten Streckenviertel die Führung. Bei Rennhälfte betrug der Vorsprung 53 Hundertstelsekunden, in der Folge zog sie kontinuierlich davon. Das Ziel erreichte sie 1,92 Sekunden vor der zweitklassierten Britin Victoria Thornley. Bronze ging an die Österreicherin Magdalena Lobnig.

Gmelin zog ihren Rennplan auf der Bahn 6 perfekt durch, sie liess sich nicht ablenken, als Lobnig wie die Feuerwehr loslegte. Das war umso wichtiger, als die Bedingungen mit starkem Seitenwind und extrem unruhigem Wasser sehr schwierig waren. Gmelin spricht von einem der «herausforderndsten Rennen» ihrer Karriere. Zum ersten Mal überhaupt stand sie auf einem WM-Podest und dann gleich noch auf dem obersten Treppchen. Damit schreibt sie Schweizer Rudergeschichte, sie ist die erste Schweizerin, die in einer olympischen Bootsklasse Weltmeisterin wird.

Gmelin dreht mit Trainer Dowell jeden Stein um

Die Zürcher Oberländerin, seit dem 1. Februar als Zeitsoldatin bei der Armee angestellt, blickt resultatmässig auf eine perfekte Saison zurück. Sie entschied sämtliche Rennen für sich, gewann zuvor bereits die Weltcup-Regatten in Belgrad und Luzern. Ohne Probleme kam sie jedoch nicht durch das Jahr. Wegen einer Rippenverletzung musste sie auf die EM und die Weltcup-Regatta in Posen verzichten. Gmelin führt ihre starken Leistungen auf «meine ganze Vorbereitung über all die Jahre zurück». Zudem befindet sie sich mit dem neuen englischen Cheftrainer Robin Dowell auf einer Wellenlänge. Die Zusammenarbeit mit ihm bereitet ihr «extrem Freude». Die beiden arbeiteten im technischen Bereich an vielen Details, die einen grossen Einfluss haben. «Wir haben keinen Stein nicht umgedreht», erklärt Gmelin. «Ich war auf jedes Szenario vorbereitet.» Zudem konnte sie auch physisch nochmals zulegen.

Verbandsdirektor Christian Stofer attestiert Gmelin einen «eisernen Willen». Ausserdem habe Dowell an sie geglaubt, das sei ganz zentral. Gmelins Leistung war für Stofer «beeindruckend», auch vom mentalen Aspekt her, ging sie doch als Favoritin in die WM. Noch spezieller macht die Goldmedaille, dass Gmelin von den körperlichen Voraussetzungen her benachteiligt ist. Mit 1,71 Metern ist sie zum Teil deutlich kleiner als ihre Gegnerinnen. «Gmelin wirkt stets ruhig, lässt sich durch nichts aus dem Konzept bringen. Dieser Titel ist für uns unglaublich viel wert, auch von der Symbolik her», sagt Stofer nach der fünften WM-Goldmedaille für die Schweizer in einer olympischen Disziplin und der 15. insgesamt.

Gmelin gönnt sich nun Ferien in Kanada, wo sie reisen und sich im Nirgendwo von den Strapazen erholen will. Danach legt sie ihren Fokus wieder auf ihr grosses Ziel: die Olympischen Spiele 2020 in Tokio.


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