Vlastimil Hort: «Die Jugend besiegt die Erfahrung»

SCHACH ⋅ In New York neigt sich der WM-Final zwischen Titelverteidiger Magnus Carlsen und Herausforderer Sergej Karjakin dem Ende zu. Scharfer Beobachter des Duells: Vlastimil Hort (72), einst die Nummer 6 der Welt.

25. November 2016, 00:00

Interview: Turi Bucher

Vlastimil Hort, wie verfolgen Sie den WM-Final in New York?

Ziemlich intensiv via Internet. Es handelt sich um eine Weltmeisterschaft, wo beide Kontrahenten fast gleich alt sind und sich auf der Höhe ihrer Schaffenskraft befinden.

Wie beurteilen Sie das Niveau der bisher gespielten Partien?

Die letzten Partien waren wirklich sehr gut. Am Anfang haben die beiden sozusagen aus langer Distanz geboxt, es war sogar ein wenig langweilig.

Was sagen Sie zum bisherigen Verlauf des WM-Finals?

Der Russe Sergej Karjakin steigerte sich bisher von Partie zu Partie. Die neunte Partie in der Nacht auf Donnerstag hätte er, so meine Analyse, sicher auch gewinnen können.

Nochmals zurück zum Niveau. Könnten Sie heute mit diesen beiden Spielern noch mithalten?

Nein, auch grosse Erfahrung hat im Schach gegen Jugend und Energie keine Chance. Die Jugend besiegt die Erfahrung.

Wie würden Sie denn die Spielstärke an diesem WM-Kampf im Vergleich mit der Zeit, als Sie selber die Nummer 6 der Welt waren, einordnen?

Im Gegensatz zu früher ist Schach heute digitalisiert. Informationen über Partien, Stellungen oder theoretische Neuigkeiten sind viel schneller als damals zu bekommen. Die Weltspitze hat auch mehr Sekundanten und viele kleine Helfer. Und wir? Wir haben früher nur unseren eigenen Kopf gebraucht. Die heutige Schachszene erinnert mich stark an die Formel 1 im Automobilrennsport.

Spielen Sie im Alter von 72 Jahren eigentlich selber noch Turniere, oder geben Sie noch Simultanvorstellungen?

Klar. Ich spiele in der Schweizer Nationalliga A für Réti Zürich und in Deutschland in der dritten Liga für Oberhausen. Ab und zu spiele ich auch noch simultan. Grundsätzlich kann ich sagen: Immer noch spiele ich Schach sehr gerne.

Sie haben den Vorteil der Jugend im Schach erwähnt. Immer wieder wird im Schach die Wichtigkeit der konditionellen, körperlichen Verfassung betont. Wie wichtig ist sie wirklich?

Es stimmt. Die physische Kondition ist wirklich wichtig. In Tschechien gibt es zum Beispiel einen sehr begabten Schachspieler, David Navara. Er ist 31-jährig. Zum Ende eines Turniers lässt er immer stark nach. Ihm würde ich dringend raten, seine körperliche Kondition zu verbessern.

Was sagen Sie zu Weltmeister Magnus Carlsen?

Nun, er hat immer noch Chancen, und er ist für jede Überraschung gut. Ausserdem spielt er noch zweimal mit Weiss. Er muss allerdings seine Spielqualität verbessern und cool bleiben.

Wie schätzen Sie Herausforderer Sergej Karjakin ein?

Ich darf sagen: Ich habe ihm schon vor Wettkampfbeginn gute Chancen vorausgesagt. Und ich habe sogar eine kleine Sport­wette auf ihn abgeschlossen. Karjakin ist unglaublich gut vorbereitet. Offensichtlich hat es sich gelohnt, dass er vorher nicht auf zu vielen Hochzeiten getanzt hat. Manchmal ist ein kleines, stilles Zimmerlein viel effektiver als eine Teilnahme an hoch dotierten Turnieren.

Ihre Sympathien scheinen auf der Seite von Karjakin deponiert.

Richtig beobachtet. Er ist im Sternzeichen ein Steinbock wie ich, ausserdem am selben Tag, nämlich am 12. Januar, geboren. Allerdings mit 46 Jahren Unterschied, zu seinen Gunsten ...

Dennoch: Kann es Carlsen noch schaffen?

Wenn ich ehrlich sein soll bei dieser Frage: Es wäre für mich eine Überraschung.

Carlsen ist offenbar ein Spieler, der immer wieder das Risiko sucht. Was für ein Spieler sind Sie eigentlich?

Carlsen ist sehr universal und beherrscht eine hervorragende Endspieltechnik. Ich war auch sehr universal, suchte keinen Vorteil aus der Eröffnung. Das Interessante für mich war immer das Mittelspiel, und das ist bei mir bis heute so geblieben.

Wie hat sich der Schachsport im Verlaufe der Jahrzehnte und im Vergleich zu Ihren besten Zeiten verändert?

Überwiegend durch den Fortschritt der Schachprogramme. Schach ist heute halt anders. Amateure kommen nun auch sehr schnell zu Informationen auf schachlichem Toplevel, und das bedeutet, dass das Schachniveau in der ganzen Welt steigt. Man sieht das am besten bei den offenen Turnieren. Ich beabsichtige übrigens, in diesem Jahr noch am Zürich Open und Basel Open mitzumachen, falls meine Gesundheit es mir erlaubt. Ich spiele gerne mit den jungen Leuten. Zu den Senioren werde ich erst mit 77 Jahren wechseln.

Wer ist für Sie der grösste Schachspieler aller Zeiten?

Bobby Fischer. Ganz eindeutig ist er für mich die Nummer 1. Seine Logik, die Kette und lange Kombination von besten Zügen findet man nur bei ihm.

Vlastimil Hort (72) wurde 1944 in Kladno (damalige Tschechoslowakei) geboren. Er wurde 1962 Internationaler Meister (IM) und ist seit 1965 Grossmeister (GM). Die Landesmeisterschaft der Tschechoslowakei gewann er sechsmal (1970, 1971, 1972, 1975, 1977, 1984). 1970 wurde Hort zudem im legendären Match UdSSR gegen den Rest der Welt auf Brett 4 gesetzt und besiegte den Russen Lew Polugajewski 2,5:1,5. Horts beste Platzierung auf Rang 6 in der Fide-Weltrangliste datiert auf 1977. In diesem Jahr stellte er ausserdem einen Weltrekord im Blindschach auf.

Hort spielte von 2013 bis 2015 für den Schachklub Luzern in der NLA. Horts höchste Elo-Zahl (Schach-Ranking) lautet 2620 (1978), momentan liegt sie bei 2423 (Carlsen 2853/Karjakin 2772).

 

Carlsen rettet sich ins Remis

WM-Final Weltmeister Magnus Carlsen (25) aus Norwegen liegt an der WM in New York gegen den Russen Sergej Karjakin weiter in Rückstand (4:5). In der 9.  von  12 Partien drohte Carlsen sogar eine weitere Niederlage.

Am Ende trennten sich die beiden nach 74 Zügen remis – zum 8. Mal in 9 Partien. Nur die 8. Runde hatte der Herausforderer gewonnen. Zum 5. Mal wählten die Akteure eine spanische Eröffnung. 21 Züge lang folgten beide Strategen einer Grossmeisterpartie aus dem Jahr 2014, ehe Carlsen eine vermeintliche Besserung aufs Brett brachte. Doch Karjakin schien vorbereitet und setzte Carlsens schwarzen Königsflügel unter Druck. Carlsen musste sich umsichtig verteidigen und geriet in Zeitnot. Titelhalter und Favorit Carlsen bleiben bloss noch drei Partien, um den einen Sieg Rückstand wettzumachen. Carlsen führt noch zweimal die weissen Steine. (sda)

New York. WM (klassischer Modus/1,1 Mio. Dollar). Mittwochnacht: Karjakin (RUS/weiss) - Carlsen (NOR/Titelhalter) remis (nach 74 Zügen). – Zwischenstand (9/12): 5:4. – Modus: Gespielt wird auf 6,5 Punkte. Steht es am Ende 6:6, fällt die Entscheidung am 30. November im Tiebreak bei Partien mit verkürzter Bedenkzeit.


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