Die Sportwelt blickt nach Lausanne

ALLGEMEINES ⋅ Die Sportwelt wartet gespannt auf den Entscheid in der Russland-Affäre. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) zieht am Dienstag in Lausanne die Konsequenzen aus dem russischen Doping-Skandal.
05. Dezember 2017, 06:03

Nach vielen Belegen für ein vom Staat gelenktes Dopingprogramm in Russland befindet die IOC-Führung unter dem deutschen Präsidenten Thomas Bach über Sanktionen, die bis zu einem Ausschluss des Landes von den kommenden Winterspielen in Südkorea reichen könnten. Egal ob ein hartes oder ein mildes Urteil erfolgt, weiterhin wird ein Riss die olympische Familie teilen. Die Frage, was im russischen Dopingskandal die angemessene Strafe ist, entzweit Sportler, Trainer, Medienschaffende oder Funktionäre.

Und auch nach dem Urteil dürfte der Riss bestehen bleiben, die Zerwürfnisse womöglich sogar noch zunehmen. Der Streit mit den Russen wird mit oder ohne Ausschluss einen Schatten auf die Spiele in Pyeongchang werfen und den sportlichen Wert der Wettkämpfe schmälern. Dürfen sie antreten, sind Proteste anderer Sportler gewiss. Dürfen sie nicht antreten, ist das Kräftemessen in vielen Sportarten verzerrt, in denen Russland traditionell stark ist: Langlauf und Biathlon, Eishockey, Eisschnelllauf oder Eiskunstlauf gehören dazu. Der Schweizer René Fasel, der Präsident des Eishockey-Weltverbandes, spricht sich gegen den Olympia-Ausschluss aus: "Das würde viele russische Athleten bestrafen, die nichts mit Doping zu tun hatten."

Moskau macht auf stur

Vom Wort Doping gar nichts hören will Russland. Moskau sieht die Vorwürfe als anti-russische Kampagne westlicher Länder. Er könne vor jedem Gericht bezeugen, dass in Russland nicht gedopt werde, sagte Sport-Multifunktionär Witali Mutko mehrmals. "In Russland ist immer alles schlecht, und im Rest der Welt ist alles gut", schimpfte er. Russland hätte die vertrackte Situation deblockieren können - mit dem Eingeständnis, dass es in den vergangenen Jahren ein organisiertes Dopingsystem betrieben hat. Doch das will die stolze Sportnation nicht zugeben.

Viele Stimmen verlangen ein klares "Ja" auf die Frage, ob Russland ausgeschlossen gehört. Zu ihnen zählt unter anderen die Vereinigung der führenden Nationalen Anti-Doping-Komitees (NADO). Auch Matthias Kamber, der Direktor von Antidoping Schweiz, spricht Klartext. Russland habe gegen die olympische Charta verstossen. "Der Ausschluss wäre nicht eine Kollektivstrafe, sondern ein Ausschluss des russischen Systems", betonte er Anfang November gegenüber der Nachrichtenagentur sda.

Am Montag bekräftigte auch das tschechische Biathlon-Glamourgirl Gabriela Koukalova ihre Forderung nach einem Komplett-Ausschluss der russischen Sportler. Statt sich zu entschuldigen und mit den Ermittlern zusammenzuarbeiten, setze Russland auf eine Politik der Stärke und der Erpressung. "Darum will ich lieber Olympische Spiele ohne Russland", schrieb sie auf Facebook. "Unfaire Ergebnisse und politische Macht dürfen im Sport nicht gewinnen", forderte der Biathlon-Star.

Leichtathleten schlossen Russland aus

Gleichwohl wäre es eine Überraschung, wenn es zu einem Ausschluss kommen sollte. Das IOC hatte schon bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro vor der gleichen Frage gestanden. Es verhängte damals keinen kompletten Bann gegen Russland, sondern überliess es den Weltverbänden, das individuelle Startrecht der Athleten zu prüfen. Die meisten russischen Sportler durften mit Erlaubnis ihrer Weltverbände starten.

Nicht so in der Leichtathletik. Die IAAF hatte nach dem zuerst in der Leichtathletik aufgedeckten systematischen Doping in Russland die osteuropäische Grossnation bis auf eine Ausnahme von den Sommerspielen 2016 in Rio ausgeschlossen. Lediglich eine in den USA lebende Weitspringerin hatte teilnehmen dürfen. Auch das Paralympische Komitee hatte Russland für Rio 2016 gesperrt.

Druck nimmt zu

Das Problem Russland beschäftigt das IOC schon lange. Seit Juli 2016, als vor den Spielen in Rio de Janeiro erstmals über einen Ausschluss Russlands befunden wurde, hat sich das Problem allerdings verschärft.

Der kanadische Rechtsprofessor Richard McLaren trug im Auftrag der Welt-Anti-Doping-Agentur bis Dezember 2016 in einem zweiten Bericht noch mehr Material zusammen, das ungeheuerliche Machenschaften im russischen Sport illustriert: Mehr als 1000 Athleten sollen zwischen 2011 und 2015 von einem staatlich orchestrierten Dopingsystem profitiert haben.

Grigori Rodtschenkow, der einst im Zentrum betrügerischer Machenschaften in Russlands Sport stand, ist nun als Aufklärer unterwegs. Der ehemalige Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors, den die russische Justiz per Haftbefehl sucht, lebt inzwischen an einem unbekannten Ort in den USA unter dem Schutz des FBI. Ende 2015 flüchtete der 59-Jährige. Auf Rodtschenkows Aussagen basieren grosse Teile der beiden McLaren-Berichte. Belastete Proben sollen in Sotschi trickreich ausgetauscht worden sein. Rodtschenkows Notizen belasten die Führung bis hinauf zu Ex-Sportminister Mutko.

Das IOC liess den McLaren-Bericht durch zwei Gremien auswerten. Die Kommission unter Leitung des Neuenburgers Denis Oswald versuchte mit "forensischen und analytischen" Methoden zu klären, auf welche Art und Weise russische Sportler in Sotschi betrogen haben. Alt Bundesrat Samuel Schmid mit seiner Kommission untersuchte, welche Rolle staatliche Stellen beim flächendeckenden Doping-Betrug spielten. Schon jetzt hat eine IOC-Kommission mehr als 20 russische Wintersportler lebenslang für Olympia wegen angeblicher Manipulationen an Dopingproben bei den Heimspielen 2014 in Sotschi gesperrt. (sda/dpa)


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