Steingruber: «Dieser Titel bedeutet mir sehr viel»

TURNEN ⋅ Giulia Steingruber sorgte an den Europameisterschaften in Montpellier für eine weitere Sternstunde für den Schweizerischen Turnverband. Dank einer überragenden Vorstellung gewann die 21-Jährige als erste Schweizerin überhaupt eine Goldmedaille im Mehrkampf.

17. April 2015, 19:45
  • European Artistic Gymnastics Championships
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Giulia Steingruber sichert an den Kunstturn-Europameisterschaften in Montpellier als erste Schweizerin überhaupt den EM-Titel im Mehrkampf. Für die 21-jährige Gossauerin ist das die erste Medaille in dieser Disziplin. Hier die Bilder vom Sieg und von der erfolgreichen EM-Qualifikation.

Viermal nach zwei Goldmedaillen am Sprung (2013/2014) und je einmal Bronze am Sprung (2012) und am Boden (2014) hatte Giulia Steingruber vor den Titelkämpfen in Südfrankreich auf einem EM-Podest gestanden, eine Medaille im Mehrkampf war ihr aber jeweils verwehrt geblieben. 2011 hatte sie in Berlin Platz 9, zwei Jahre später in Moskau Platz 4 belegt. Gestern Nachmittag nun gelang der Gossauerin in der Park&Suites-Arena in Montpellier mit dem überlegenen Sieg im Mehrkampf die vorläufige Krönung ihrer Karriere. «Mir fehlen die Worte, ich schwebe noch in den Wolken», sagte die St. Gallerin nach dem grössten Triumph ihrer Karriere.

Das Aushängeschild des STV war wieder einmal am Tag X bereit und zeigte im Mehrkampffinal eine fantastische Leistung. Am Ende siegte sie mit 57,873 Punkten und einem Vorsprung von mehr als 0,7 Punkten vor der Russin Maria Charenkowa und der Britin Elissa Downie. Steingruber trat damit die Nachfolge von Aliya Mustafina (Russ) an, die in Montpellier ebenso wie die WM-Zweite Larisa Iordache (Rum) wegen gesundheitlichen Problemen fehlte. Jessica Diacci belegte bei ihrer Final-Premiere nach einem durchzogenen Wettkampf mit einem Sturz am Stufenbarren mit 50,889 Punkten Platz 21.

Steingruber avancierte mit ihrem Sieg zur ersten Schweizer Mehrkampf-Europameisterin und erst zur zweiten STV-Turnerin überhaupt, die an internationalen Titelkämpfen eine Medaille im Mehrkampf gewinnen konnte. Ariella Kaeslin hatte 2009 in Mailand mit Bronze für die erste weibliche Medaille der Geschichte im Vierkampf gesorgt. Als «genial und emotional» beschrieb Felix Stingelin die Leistung Steingrubers. «Sie hat nun endgültig den Beweis angetreten, dass sie nicht nur auf den Sprung und den Boden reduziert werden kann», sagte der Chef Spitzensport des STV, der Freudentränen in den Augen hatte.

Dass Gold keine Utopie sondern ein realistisches Szenario ist, unterstrich Steingruber mit ihrem glänzenden Vortrag zum Auftakt des Finals am Schwebebalken, an dem sie den Grundstein zu ihrem Sieg legte. Trainer Zoltan Jordanov hatte im Vorfeld angekündigt, dass der Schwebebalken über die Farbe von Steingrubers Medaille entscheiden würde. Der Ungar mit britischem Pass sollte Recht behalten. An ihrem Zittergerät, an dem Steingruber in der Qualifikation noch gestürzt war, legte sie einen brillanten Vortrag hin. Und da Charenkowa in derselben Rotation am Stufenbarren gleich zwei Patzer unterliefen, lagen die Vorteile fortan in den Händen der Schweizerin.

Auch am Boden wusste sich Steingruber im Vergleich zur Qualifikation zu steigern, ehe sie am Sprung den Tschussowitina wie gewohnt ohne Probleme in den Stand brachte. Bis zum dritten Gerät hatten sich die beiden besten Turnerinnen der Qualifikation ein Kopf-an-Kopf-Rennen geliefert, an ihrem Paradegerät legte Steingruber die entscheidende Differenz zwischen sich und ihre erst 16-jährigen Kontrahentin. «Danach wusste ich, dass es reichen könnte», sagte Steingruber. Auch mit der Goldmedaille vor den Augen liess sie sich nicht aus dem Konzept bringen und beendete den Wettkampf an ihrem nominell schwächsten Gerät, dem Stufenbarren, mit einer weiteren fehlerfreien Übung.

Am Wochenende bieten sich Steingruber in drei Gerätefinals noch zwei weitere Gelegenheiten, ihr Medaillen-Palmares zu erweitern. Heute Samstag tritt sie am Sprung, wo sie 2013 und 2014 den Titel gewonnen hat, als haushohe Favoritin an, zudem steht sie überraschend auch am Stufenbarren im Final. Morgen Sonntag bietet sich ihr zum Abschluss der Titelkämpfe auch am Boden als Qualifikationsbeste eine ausgezeichnete Chance auf eine Medaille. «Alles, was jetzt noch kommt, sind die Kirschen auf der Torte. Das grosse Ziel war der Mehrkampf», sagte Trainer Jordanov. Im Optimalfall bietet sich seiner Turnerin die Möglichkeit, als erste Athletin seit 2000 und der Russin Swetlana Chorkina an Europameisterschaften drei Einzel-Goldmedaillen zu gewinnen.

Einzel-Europameisterschaften. Mehrkampf. Frauen: 1. Giulia Steingruber (Sz) 57,873 Punkte (15,266, 13,666, 14,375, 14,566). 2. Maria Charenkowa (Russ) 57,132 (13,933, 14,066, 15,000, 14,133). 3. Elissa Downie (Gb) 56,623 (14,833, 14,233, 13,891, 13,666). 4. Erika Fasana (It) 56,474 (14,533, 13,500, 13,741, 14,500). 5. Marta Pihan-Kulesza (Pol) 55,198 (13,733, 13,966, 13,333, 14,166). 6. Claudia Fragapane (Gb) 54,899 (14,533, 13,400, 12,433, 13,741). 7. Laura Jurca (Rum) 54,865 (14,766, 12,866 13,500, 13,733). 8. Ana Filipa Martins (Por) 54,699 (13,833, 13,733, 13,300, 13,833). Ferner: 21. Jessica Diacci (Sz) 50,899 (12,600, 12,066, 13,300, 12,933).

(Si)


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