Er will Klitschko an den Kragen

BOXEN ⋅ 18 Kämpfe – 18 Knock-outs: Anthony Joshua (27) ist der kommende Mann im Schwergewichtsboxen. Im Frühjahr soll das auch Wladimir Klitschko zu spüren bekommen.

15. Dezember 2016, 05:00

Schnelle Hände, gute Beinarbeit, ein grosses Kämpferherz: Anthony Joshua gilt im Schwergewichtsboxen als der kommende Mann. Der Olympiasieger von 2012 hat mit seinen 27 Jahren schon für Furore gesorgt und alle seine 18 Profikämpfe vorzeitig gewonnen. Am 29. April will der Brite Wladimir Klitschko im Londoner Wembley-Stadion vor 90 000 Menschen vom Sockel stossen.

«Wenn ich Wladimir schlagen will, muss ich ein höheres Level erreichen», sagte Joshua am Wochenende, nachdem er den US-Amerikaner Eric Molina in der dritten Runde durch technischen K. o. «entsorgt» hatte. Die gesunde Selbsteinschätzung und eine gewisse Unerschrockenheit gehören zu den Stärken von Anthony Jo­shua, der als Sohn nigerianischer Einwanderer derzeit in England Boxgeschichte schreibt. Joshua kennt Klitschko aus dem Effeff. 2014 waren sich die beiden Modellathleten (je 1,98 m gross) schon ganz nahe. Klitschko hatte Joshua vor seinem Kampf gegen Kubrat Pulew zum Sparring eingeladen. Der aufstrebende Engländer nahm dankend an, schaute sich die Tricks von «Dr. Steelhammer» aus der Nähe an und kann nun im April davon profitieren.

Halbnackte Models sind nicht sein Ding

Beide respektieren sich. Klitschko wünschte sich Joshua sogar als Nachfolger, wohl in dem Glauben, dass er gegen den 13 Jahre jüngeren Normalausleger nicht mehr antreten müsse. Doch seine Niederlage im November 2015 gegen Tyson Fury und dessen anschliessender Rückzug brachten alles durcheinander. Jetzt heisst das Megaduell 2017: Klitschko gegen Joshua.

Ähnlich wie Klitschko gilt Jo­shua als Vertreter einer neuen Boxergeneration, die nicht so gerne mit halb nackten Models oder Dollarscheinen posieren, sich aber stattdessen auch über andere Dinge des Lebens Gedanken machen und komplexe Sachverhalte erklären können. Als Joshua in der Nacht auf Sonntag nach dem Sieg gegen Molina gefragt wurde, wie er denn diese Fokussierung aufs Boxen und diese Disziplin hinkriegen würde, ob er dazu Kokain und Heroin benötige, lächelte er nur und gab Einblicke in sein Leben: «Wir wurden von klein auf geschleift, gehetzt, es ging immer um Erfolg. Ich war lange Amateur, da waren alle Löwen, alle waren hungrig.» Er habe jedoch früh erkannt, dass Geld oder teure Uhren nicht wichtig seien. «Es geht darum, fokussiert zu bleiben, seine Herkunft, seine Moral zu kennen, wofür du stehst, das ist mehr als nur Boxen. Das ist auch, warum ich mich schinden kann. Boxen ist ein Teil deiner Reise. Alles andere ist Bonus, glaube mir!», sagte Joshua.

Anders als sein Landsmann Tyson Fury, der den Sport mit seinen peinlichen Auftritten wieder in Verruf brachte, sieht sich Jo­shua – ähnlich wie Klitschko – als Botschafter seiner Sportart. «Wir sind alle Löwen, aber wir kommen als Boxer zusammen, um unseren Sport zu repräsentieren», sagte der Shootingstar. Und selbst eine Niederlage würde ihn nicht aus der Bahn werfen. «Am Ende», sagt Joshua, «ist das ein Kampf wie jeder andere.»

Nikolaj Stobbe, SID/Londonsport@luzernerzeitung.ch


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