Swiss-Olympic-Chef will Behindertensport stärker fördern

NOTTWIL ⋅ Präsident Jürg Stahl erklärt im Interview, wie er den Behindertensport in der Schweiz fördern will. Und was ihm in diesem Zusammenhang am meisten am Herzen liegt.
02. November 2017, 05:00

Interview: Cyril Aregger

cyril.aregger@luzernerzeitung.ch

Jürg Stahl, Sie haben das Schweizerische Paraplegiker Zentrum (SPZ) in Nottwil besucht. In welcher Funktion? Als Nationalratspräsident oder als Präsident von Swiss Olympic?

Eigentlich als Präsident des Nationalrates. Aber natürlich gibt es bei meinen Besuchen häufig Überschneidungen. So auch hier, wo ich mir natürlich auch das neue Leistungszentrum und das Swiss Olympic Medical Center angeschaut habe.

Nottwil ist ein Zentrum des Rollstuhl- und Behindertensports. Welche Bedeutung hat dieser für Swiss Olympic?

Die Stiftung Special Olympics für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung steht kurz davor, eine unserer Partnerorganisationen zu werden. Da sind wir auf sehr gutem Weg. Wir arbeiten auch mit den anderen Behindertensport-Organisationen Swiss Paralympics und Plusport eng zusammen.

Welche Bedeutung hat der Behindertensport für Sie?

Spitzensportler mit einer Beeinträchtigung sind für andere Menschen, gerade auch für solche in ähnlichen Situationen, eine grosse Motivations- und Inspirationsquelle. Auch deshalb ist es toll, dass die Sportler hier in Nottwil trainieren können.

Laut Swiss Olympic brauche der Spitzensport jährlich 50 bis 75 Millionen Franken mehr, um die Rahmenbedingungen insbesondere für den Nachwuchssport zu verbessern. Wie realistisch ist dies?

Bund und Kantone haben bereits je 15 Millionen mehr zugesagt. Das ist sehr erfreulich. Ich habe dabei aber festgestellt, dass es genauso schwierig ist, zusätzliches Geld zu verteilen wie einzusparen ...

Kommt ein Teil dieses Geldes auch Sportlern mit Beeinträchtigungen zu Gute?

Mit Thomas Troger, dem Vizepräsidenten im Stiftungsrat von Swiss Paralympic, bin ich daran, einen guten Verteilschlüssel zu finden. Unser Ziel ist klar: Es darf keine Verlierer geben. Auch von einer verbesserten Trainerausbildung können die paralympischen Sportler profitieren. Aber es geht bei der Athletenförderung nicht immer nur ums Geld.

Sondern?

Vorsorge als Beispiel: Ein Spitzensportler kann nur während einer relativ kurzer Zeitspanne Topleistungen erbringen. In dieser Zeit muss er aber auf vieles verzichten. Zum Beispiel im Beruf oder in der Ausbildung. Der Wiedereinstieg nach der Sportkarriere ist für viele Sportler schwierig. Hier sollte Swiss Olympic noch vermehrt beratend und begleitend zur Seite stehen. Mit unserem grossen Netzwerk und mit vielen ehemaligen Sportlern, die diese Erfahrungen bereits gemacht haben, sollte dies möglich sein. Schon heute läuft hier viel, aber vor allem in Eigeninitiative.

Zum Beispiel?

Es gibt zahlreiche sportbegeisterte Arbeitgeber. Für viele KMUs ist es ganz normal, Sportler mit oder ohne Beeinträchtigung einzustellen und ihnen die notwendige Zeit für ihren Sport einzuräumen, sie auch nach der Karriere weiter zu unterstützen. Einfach aus Überzeugung. Über solch tolle Beispiele müssen wir noch viel mehr reden.

Swiss Olympic erarbeitet bis Ende 2018 ein Konzept für günstige Rahmenbedingungen zur Integration und Inklusion des Behindertensports bei seinen Mitgliedsverbänden. Was hat man sich darunter vorzustellen?

Das Ziel ist, Menschen mit Beeinträchtigung im sportlichen «Normalbetrieb» einzugliedern, insbesondere im Nachwuchsbereich. Ähnlich wie das an den Schulen mit der Einführung des Behindertengleichstellungsgesetzes bereits heute praktiziert wird. Einige Verbände, zum Beispiel Unihockey, machen das bereits vor.

Was versprechen Sie sich davon?

Ich bin überzeugt, dass es für alle Beteiligten eine Bereicherung sein kann. Hier geht es nicht um Medaillen, sondern um gesellschaftliche Werte. Auch das ist Sport. Es ist mir aber auch Bewusst, dass es eine Challenge ist, die von allen Beteiligten viel Offenheit und Arbeit erfordert.

Der Behindertensport wird – ausser an den Paralympics – von der breiten Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Kann Swiss Olympic das ändern?

Ich habe hier einen etwas anderen Blickwinkel: Fussball, Eishockey und Tennis sind die grossen Sportarten, die fast alle Aufmerksamkeit auf sich lenken. Alle übrigen – auch der Behindertensport – laufen daneben im «Normalbetrieb», was die Wahrnehmung anbelangt. Es gibt hier zwar bereits Fortschritte. Aber dazu braucht es grossen Effort. Und gerade im Behindertensport braucht es davon wohl noch etwas mehr.

Weshalb?

Die Zahl der Athleten ist beschränkt. Glücklicherweise, muss man sagen. Unser Land führt keine Kriege, es gibt auf den Strassen und am Arbeitsplatz weniger Unfälle, hinzu kommt der medizinische Fortschritt. Es gibt nicht viele Nachwuchsathleten.

Dennoch sind Sportler wie die Rollstuhlfahrer Marcel Hug, Heinz Frei oder Manuela Schär Weltklasse.

Die wenigen tollen Athleten die wir haben, sollten wir noch besser begleiten, fördern und ihre Leistungen auch hervorheben. Auch mit scheinbar kleinen Dingen. In Winterthur wurde die unterschenkelamputierte Sprinterin Abassia Rahmani zur Sportlerin des Jahres gewählt. Bei der Winterthurer Auszeichnung gibt es keine Unterscheidung zwischen «normalen» und anderen Sportlern. So eine Kategorisierung ist nicht immer notwendig.

Was wäre Ihr grösster Wunsch im Zusammenhang mit dem Behindertensport?

Der hat nichts mit Medaillen oder Titeln zu tun. Und auch nur wenig mit Sport. Ich wünschte mir, dass jeder und jede einen selbstverständlichen, «unspektakulären» Umgang mit beeinträchtigten Menschen pflegt. Das ist noch längst nicht überall der Fall.

Hinweis

Jürg Stahl (49) kommt aus Winterthur, sitzt seit 1999 für die SVP im Nationalrat und amtet derzeit als Nationalratspräsident. Der gelernte Drogist war seit 2008 Mitglied des Exekutivrats von Swiss Olympic und wurde im November 2016 zum Präsidenten gewählt. Der ehemalige Leichtathlet und Kunstturner ist verheiratet und Vater einer Tochter. Seit 2004 ist Stahl Direktionsmitglied beim Krankenversicherer Groupe Mutuel.


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