Die Suche nach den Rosinen

KUNSTTURNEN ⋅ Neben Giulia Steingruber holte in den vergangenen Jahren keine andere Schweizerin an Grossanlässen Medaillen. Doch was kommt nach ihr? Und warum ist der Weg an die Spitze so schwierig?
16. April 2017, 10:21

Raya Badraun

Die Sport-Arena in Wil ist ein graues Industriegebäude. Es ist ein unscheinbarer Ort, an dem jedoch hin und wieder Grosses beginnt. Hier trainieren die talentiertesten Kunstturnerinnen und -turner der Ostschweiz. An diesem Freitagmorgen nehmen jedoch andere ihren Platz ein. Die Halle ist voller Kleinkinder. Sie sitzen im Gang, kämpfen sich unbeholfen durch die Schnitzelgrube oder springen auf dem Trampolin herum. Auch in Oberbüren werden die Jüngsten an den Turnsport herangeführt. Für die 20 Plätze im Kids-Gym, das vom Trainingszentrum Fürstenland organisiert wird, gibt es jeweils eine Warteliste. Und da sind auch noch die Anrufe. Nach den Olympischen Spielen im vergangenen Jahr klingelte das Telefon fast täglich bei den Trainerinnen. Es waren Mütter, die am Fernseher Giulia Steingruber gesehen hatten. Wie sie am Sprung die Bronze holte, wie sie danach in die Kameras lächelte. Ihr Mädchen wolle nun den gleichen Weg gehen, sagten die Mütter.

Es scheint fast so, als hätte der Schweizerische Turnverband keine Mühe, Nachwuchs zu finden. Doch so einfach ist es nicht – vor allem bei den Turnerinnen. Seit Jahren schaffte es niemand mehr aus der Ostschweiz oder der Zentralschweiz ins Nationale Leistungszentrum nach Magglingen. Dabei hätten beide Regionen mit Steingruber und ihrer Vorgängerin Ariella Kaeslin ein Vorbild mit internationaler Ausstrahlung.

«Zwischen 7 und 15 Jahren passiert extrem viel»

«Man kann niemandem die Schuld daran geben», sagt Marianne Steinemann. Sie sitzt in ihrer Wohnung in Wil, vor sich einen Espresso. Auf dem Sideboard im Wohnzimmer steht ein Bild von Giulia Steingruber im Wettkampfdress. Stei­nemann war ihre Trainerin, als die Goss­auerin noch ein Kind war und im Trainingszentrum Fürstenland trainierte. Als sie das Mädchen zum ersten Mal sah, fielen ihr sofort die starken Beine auf. Steingruber war bereits damals schnellkräftig, beweglich und im Training «ein Traum». Sie verfolgte ehrgeizig ihre Ziele. Wenn sie etwas nicht auf Anhieb schaffte, liess sie den Kopf nicht hängen. Sie probierte es wieder und wieder. «Topvoraussetzungen», sagt Steinemann. Auch wenn die Geschichten von Steingruber und der Luzernerin Kaeslin einmalig sind, Mädchen mit guten Voraussetzungen begegnet Steinemann heute immer wieder. Sie sind talentiert, ehrgeizig und könnten einen ähnlichen Weg gehen. «Doch zwischen 7 und 15 Jahren passiert sehr viel», sagt die Trainerin.

Der Weg an die Spitze ist lang. Doch das ist nicht der einzige Grund, warum so viele Mädchen und Buben scheitern. Die Kinder bewegen sich im Kunstturnen von klein auf am Limit. Nicht jeder Körper kann das intensive Training mitmachen, nicht jeder hält der Belastung und dem Druck stand. Bei manchen beendet eine Verletzung früh die Karriere. Manchmal hört der Weg schon vorher auf. Nicht alle Eltern sind bereit, das Kind in jungen Jahren drei-, viermal pro Woche in die Halle zu fahren. «Der Rückhalt der Eltern ist jedoch entscheidend», sagt Steinemann. Stehen die Eltern nicht hinter dem Sport, wird es für das Kind schwierig durchzuhalten.

Ein heikler Punkt ist zudem der Wechsel nach Magglingen ins Nationale Leistungszentrum. Die Mädchen treten mit 16 Jahren bereits bei den Seniorinnen an. Während die Buben noch länger in ihrer vertrauten Umgebung bleiben können, packen die Turnerinnen mit 14 oder 15 Jahren ihre Koffer und ziehen zu einer Gastfamilie nach Biel. Das wollen jedoch längst nicht alle. «Könnten die Mädchen länger in ihrem Regionalen Zentrum bleiben, würden vielleicht mehr von ihnen weitermachen», sagt Steinemann. Der Wechsel findet in einem kritischen Alter statt. Ende Oberstufe müssen sich die jungen Frauen auch entscheiden, wie es beruflich weitergeht. Die Möglichkeiten sind allerdings beschränkt. Als Kunstturner ist neben dem intensiven Training nur eine kaufmännische Lehre möglich oder eine weiterführende Schule.

Schaffen die Turnerinnen den Sprung dann doch nach Magglingen, haben sie damit noch nichts erreicht. Bis Steingruber im vergangenen August die Medaille an den Sommerspielen holte, musste sie mehr als sieben weitere Jahre in der Halle oberhalb von Biel trainieren, kämpfen, verzichten. «Ich wünsche jeder Turnerin, dass sie so lange durchhält», sagt Steinemann. «Doch ich mache keiner einen Vorwurf, wenn sie es am Ende nicht schafft.»

Luzernerinnen wechseln zum Geräteturnen

In der Zentralschweiz haben es die Mädchen noch schwerer als im Rest des Landes. Es gibt zwar ein Regionales Leistungszentrum in Malters, die neugegründete Turnwerkstatt. Dort sind jedoch nur die Buben eingebunden. Die Mädchen trainieren zwar hin und wieder in der neuen Halle, sind jedoch im Verein BTV Luzern organisiert. Das wird sich nicht so bald ändern. «Der Aufwand wäre zu gross, um ein Regionales Leistungszentrum für Mädchen zu realisieren», sagt Bettina Schurtenberger, technische Leiterin und Trainerin beim BTV Luzern. Dies liegt vor allem auch daran, dass es in den Kantonen Luzern, Nidwalden und Obwalden nur eine Kunstturnerinnen-Riege gibt. Die Verhältnisse sind deshalb bescheiden. Der Verein kann zwar eine Halle der Stadt Luzern nutzen, jedoch erst ab 17 Uhr. Jeden Tag müssen die Turnerinnen die Geräte von neuem aufstellen. «Wir verfügen über keinen Luxus», sagt Schurtenberger. «Doch für uns stimmt das so als Verein.»

Wie in der Ostschweiz gibt es auch in Luzern genügend Nachwuchs und Anfragen. Mit den 40 Turnerinnen kommt der Verein gar an seine Kapazitätsgrenze. Will er mehr Mädchen aufnehmen, müssten weitere Trainer eingestellt werden. Turnerinnen in höheren Kategorien, die nach Magglingen wechseln könnten, fehlen jedoch auch hier. «Der Aufwand ist für Vereine sehr gross, ein Mädchen ins Kader zu bringen», sagt Schurtenberger. «Zum Teil fehlt es auch an den schulischen Möglichkeiten, um den Trainingsaufwand zu bewältigen.» Viele wechseln deshalb früher oder später zum Geräteturnen. Dort können die Mädchen in Gruppen trainieren und haben erfolgreiche Vorbilder. An Schweizer Meisterschaften gewinnen die Luzerner Geräteturner regelmässig Medaillen. Dennoch gibt Schurtenberger die Hoffnung nicht auf, dereinst wieder eine erfolgreiche Kunstturnerin hervorzubringen. Lange würde diese aber nicht in der Zentralschweiz bleiben. Streben die Mädchen nach mehr, müssen sie früher oder später nach Rüti, Niederlenz oder Basel wechseln. Auch in Wil gibt es seit 2009 ein Regionales Leistungszentrum für Buben und Mädchen. Im ersten Stock befindet sich das Büro von Arielle Salomon, der Geschäftsführerin. «Ich bin zuversichtlich, dass wir bald wieder ein Mädchen nach Magglingen schicken können», sagt sie. Vor ein paar Jahren wäre das noch undenkbar gewesen.

Als Salomon 2014 in Wil übernahm, trainierten elf Mädchen hier. Die Hälfte war verletzt oder stiess an die Leistungsgrenze. Es war klar, dass sie es nicht nach Magglingen schaffen würden. Also blieben noch fünf Turnerinnen übrig. «Im Vergleich zu anderen Leistungszentren lagen wir deutlich zurück», sagt Salomon. Heute ist das anders. Rund 20 Mädchen trainieren aktuell in Wil, bei den Buben sind es 9. Grund dafür ist das neue Nachwuchskonzept. Der Fokus liegt heute nicht mehr auf einzelnen Talenten, sondern auf Leistungsgruppen. «Wir haben gemerkt, dass es für Buben und Mädchen wichtig ist, dass sie in einer Gruppe wachsen können», sagt Salomon. So können sie sich aneinander orientieren und motivieren. Um die Zahl der Turner zu erhöhen, hat das Team des Leistungszentrums aktiv Nachwuchs gesucht. Dabei beschränkte es sich nicht auf die Vereine. Die Flyer wurden auch an Geburtstagsfesten und im Kindergarten verteilt. «Mehr Kinder bedeuten auch mehr Chancen», sagt Salomon.

Nachwuchs übernimmt in Magglingen

Von diesem Ansatz sind nicht alle überzeugt. «Im Regionalen Leistungszen­trum sollte man nur mit den Perlen arbeiten», sagt Steinemann. Schliesslich sei es auch nicht der Anspruch, jedes Jahr mehrere Turner nach Magglingen zu schicken. «Das wäre eine Utopie.» Auch andere Zentren schaffen das nicht. Es gibt jedoch Ausnahmen. Hin und wieder gibt es starke Jahrgänge, in denen gleich mehrere Mädchen Spitzenleistungen vollbringen. So wechselten im vergangenen Jahr gleich mehrere Juniorinnen ins Nationale Leistungszentrum. Zwei von ihnen treten bereits nächste Woche an der EM im rumänischen Cluj an. Und zwei weitere Turnerinnen werden wohl im kommenden Sommer zum Nationalkader stossen. «Vom turnerischen Potenzial waren wir bei den Frauen noch nie so gut aufgestellt wie jetzt», sagt Felix Stingelin, Chef Spitzensport des Schweizerischen Turnverbandes. Die Ziele steckt er für den kommenden Zyklus deshalb höher als früher. 2020 will die Schweiz an den Olympischen Spielen in Tokio wieder mit einem Frauenteam dabei sein. «Dafür braucht es auch Giulia Steingruber», sagt Stingelin. «Sie gibt dem Team Stabilität. Sie motiviert, zeigt den Weg auf.» In ihrem Schatten haben die zukünftigen Leistungsträgerinnen genug Zeit, um heranzureifen.


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