Der Schatten des Stars

BASKETBALL ⋅ Das Meisterrennen in der NBA wirkt zum heutigen Playoff-Start so offen wie lange nicht. Doch über allem schwirrt die Frage, wie Clevelands Star LeBron James im Sommer seine Zukunft gestaltet.
14. April 2018, 08:09

Nicola Berger

sport@luzernerzeitung.ch

Eigentlich gedeiht die NBA prächtig. Die Liga vermarktet sich glänzend, die Milliarden sprudeln. Es entwickeln sich dort kleine und grosse Stars, hier faszinierende Trends, da ein aufblühender Markt. Doch sportlich verkam die Meisterschaft zuletzt zur Ödnis, die Golden State Warriors und Cleveland Cavaliers hatten sich trotz Gehaltsobergrenze so viele Stars ins Team ­geholt, dass sie der Konkurrenz uneinholbar enteilten.

Drei Mal hintereinander standen sich die Rivalen zuletzt im ­Final gegenüber, die Dominanz war erdrückend. Doch nun befindet sich die Liga im Wandel. Der Titelhalter Golden State um die Führungsspieler Kevin Durant und Stephen Curry wirkt verwundbar, die Qualifikation war für den Standard der Warriors eine Enttäuschung, die Bilanz von 58 Siegen und 24 Nieder­lagen war schwächer als jene von Toronto und Houston.

Houston mit Capela in der Favoritenrolle

Curry kämpfte mit mehreren Verletzungen, und ohne ihn scheint dem Team die Selbstsicherheit zu fehlen. Möglich, dass Golden State sein Mojo im Playoff wiederfindet, den «Swag», wie die Amerikaner sagen würden, aber die Buchmacher glauben nicht mehr wirklich daran; als Favorit Nummer 1 gelten inzwischen die Houston Rockets mit dem Schweizer Clint Capela, die sich jederzeit mit Elan und Tempo in einen Offensivrausch spielen können, den scheinbar niemand aufzuhalten vermag – auch wenn es Fragezeichen gibt: Führungsspieler James Harden hat in den Playoffs bisher nie überzeugt.

Houston und Golden State dürften in der zweitletzten Runde, dem Final der Western Conference, aufeinandertreffen. Und eigentlich herrscht Konsens darüber, dass der Sieger dieser dann den Titel holt. Denn es ist schwierig, in einem der acht Playoff-Teilnehmer aus dem Osten einen ernsthaften Meisterkandidaten zu erkennen. Torontos exzellente Bilanz rührt aus beeindruckender Heimstärke. Dem erstarkten Philadelphia fehlt die Routine. Und dann ist da, klar, Cleveland mit dem besten Spieler auf dem Planeten: LeBron James.

James prägt die Liga seit 15 Jahren, er hat unzählige Rekorde gebrochen. Er wuchs in der Nähe von Cleveland in ärmlichen Verhältnissen auf, die Cavaliers wählten ihn 2003 als Nummer 1 des NBA-Drafts aus. Er sollte die chronisch erfolglose Organisation zum ersten Titel der Klubgeschichte führen. Als das sieben Spielzeiten lang misslang, verlor James 2010 die Nerven. Es war das Jahr, in dem sein Vertrag endete.

In dem bizarren TV-Special «The Decision», die Entscheidung, auf dem Sportsender ESPN verkündete James in ­jenem Sommer, er wechsle zu den ­Miami Heat, er wurde in Florida zum damals am besten bezahlten Spieler im US-Teamsport. Der Wechsel zahlte sich auch sportlich aus, er zinste in zwei Meisterschaften. Aber in Cleveland empfand man den Weggang als Hochverrat. Menschen zogen durch die Strassen und verbrannten seine Trikots.

Die Mission von LeBron James

James hinterliess verbrannte Erde, doch vier Jahre nach dem Weggang kehrte der verlorene Sohn zurück. Er wurde mit offenen Armen empfangen, Sportfans vergessen schnell, und er hatte dieses Versprechen im ­Gepäck: den Cavaliers endlich zum ersehnten Titel zu verhelfen. Er hielt sein Wort: 2016 triumphierte Cleveland in einer der emotionalsten Playoff-Serien der Geschichte über Golden State. Eigentlich, so sieht es aus, hat James seine Mission mit diesem Triumph erfüllt. Nun kann er per Option aus seinem Vertrag aussteigen. Und eigentlich kann sich niemand vorstellen, dass James in Cleveland bleibt, bei einem Team mit sehr vielen Sorgen und wenig Hoffnung auf Besserung.

Der Balztanz ist in vollem Gange

Im Sommer verloren die Cavaliers mit Kyrie Irving ihren wichtigsten Individualisten neben James an die Boston Celtics. Seither gab es interne Machtkämpfe, Verzweiflungstransfers und mittelmässige Resultate. Doch von diesem Playoff könnte abhängen, wie James seine Zukunft gestaltet. Es heisst, er wolle für ein Team spielen, mit dem er ernsthafte Chancen auf den Titel habe.

Der Balztanz um seine Dienste ist in vollem Gange. Es gibt private Firmen, die das Transfer-Tauziehen zu PR-Zwecken nutzen und in Cleveland ein paar dieser riesigen Werbetafeln auf dem Highway gemietet haben, um James in ihre Stadt zu lotsen, nach Los Angeles zu den Lakers, nach Philadelphia; auch Houston soll sich um ihn bemühen. James kann frühestens am 1. Juli bei einem ­anderen Team unterschreiben. Bis dahin wird viel Basketball ­gespielt. Aber über allem, was in diesem Playoff geschieht, wird der Schatten des Stars hängen.

 

Die Playoff-Serien, Achtelfinals (Best of 7). Eastern Conference: Toronto Raptors (1. der Qualifikation/mit Capela) – Washington ­Wizards (8), Boston Celtics (2) – Milwaukee Bucks, Philadelphia 76ers (3) – Miami Heat (6), Cleveland Cavaliers (4) – Indiana Pacers (5). – Western Conference: Houston ­Rockets (1) – Minnesota Timberwolves (8), Golden State Warriors (2) – San Antonio Spurs (7), Portland Trail Blazers (3) – New Orleans Pelicans (6), Oklahoma City Thunder (4) – Utah Jazz (5).


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