Dunkle Wolken vor dem Football-Start

US SPORTS ⋅ Heute beginnt die Saison der American-Football-Liga NFL. Eigentlich wird ein Herausforderer der New England Patriots gesucht. Aber wieder einmal drehen sich die Schlagzeilen um Skandale, Rassismus und Gesundheitsprobleme.
07. September 2017, 08:32

Nicola Berger

sport@luzernerzeitung.ch

In der vergangenen Woche gelangen der National Football League (NFL) positive Schlagzeilen. Spieler, Klubbesitzer und die Liga selbst spendeten etliche Millionen an die Flutopfer von Houston. Das kam gut an, es gab Menschen, die fanden, es sei bemerkenswert, dass eine Sport-Profiliga mehr tut als beispielsweise der US-Präsident Donald Trump.

Doch es kommt selten genug vor, dass sich die NFL in der Öffentlichkeit in einem guten Licht präsentiert. Vor dem Start der Saison 2017/18 mit einem Heimspiel des Super-Bowl-Champions New England Patriots gegen die Kansas City Chiefs in der Nacht auf Freitag hängen dunkle Wolken über der Liga. Hier die wichtigsten Themenfelder.

– Gesundheitliche Probleme. Das grösste Problem der NFL heisst CTE (chronisch-traumatische Enzephalopathie). Es ist eine Gehirnverletzung, die bei Football-Profis überdurchschnittlich häufig auftritt, weil die Zusammenpralle in diesem Sport kumuliert eine so heftige Wirkung entfalten können wie Autounfälle. CTE hat tragische Einzelschicksale zu Tage gefördert. Jenes von Mike Webster, einem ehemaligen Profi der Pittsburgh Steelers, der irgendwann den Verstand verlor und versuchte, seine ausfallenden Zähne mit Sekundenkleber zu befestigen. Er verstarb an einem Herzinfarkt, als er sich mit einem Taser das Bewusstsein nehmen wollte – er fand anders keinen Schlaf mehr. Es gab die Geschichte von Terry Long, der sich das Leben nahm, indem er Frostschutzmittel trank. Oder jene von Dave Duerson, der sich beim Suizid ins Herz schoss, damit man sein Gehirn würde sezieren können.

Es gibt diese tragischen Geschichten, vor allem aber gibt es ein flächendeckendes Problem. Eine im Juli veröffentlichte Studie der Universität Boston wies bei 110 von 111 untersuchten, inzwischen verstorbenen Ex-Profis CTE nach, es war ein niederschmetternder Befund. Der Hollywood-Film «Concussion» mit dem Schauspieler Will Smith hat das 2016 einem breiteren Publikum aufgezeigt. Die NFL hat sich lange aus der Verantwortung gestohlen, inzwischen aber immerhin die Regeln etwas angepasst – was die Zahl der Hirnerschütterungen reduzieren soll und den alten Sportkenner Donald Trump im Wahlkampf 2016 zum Kommentar verleiten liess, die NFL «verweichliche gerade». Sie tut das natürlich nicht, und sie scheffelt weiter Geld. Zwar wird ein Vergleich mit Ex-Spielern, die von CTE, Alzheimer, Demenz oder ALS betroffen sind, mehr als eine Milliarde Dollar kosten. Aber allein in dieser Saison setzt die Liga 14 Milliarden um.

– Skandale. Die von Journalisten geführte Datenbank, die Verhaftungen von NFL-Profis dokumentiert, zählt seit 2002 inzwischen 869 Einträge. Auch diesen Sommer kamen neue Vergehen dazu. Michael Bowle, ein Offensive Tackle der New York Giants, wurde in Tulsa inhaftiert, weil ihm vorgeworfen wird, seine Freundin verprügelt zu haben. Häusliche Gewalt scheint für manche in der Machowelt NFL so etwas wie ein Hobby zu sein, die Skandale reissen nicht ab. Ezekiel Elliott, das 22 Jahre alte Aushängeschild der Dallas Cowboys, wurde gerade für sechs Spiele gesperrt, weil er seine Freundin innerhalb von einer Woche drei Mal tätlich angegriffen haben soll. Sein Fall zieht weite Kreise, er könnte vor Gericht enden. Wobei es inzwischen seltsamerweise weniger darum geht, ob und was Elliott getan hat. Sondern darum, ob die NFL dazu berechtigt ist, ihn aus dem Verkehr zu ziehen. Die Spielergewerkschaft NFLPA, die gegen Elliotts Sperre rechtlich vorgeht, sorgte mit bizarren Statements für Irritationen, weil sie suggerierte, die Frau habe die Übergriffe selber zu verantworten, sie habe schliesslich provoziert. Ruhe dürfte in dieser Causa vorerst nicht einkehren.

 

– Rassismus. Auch dieses Thema wird die NFL nicht los. Der kontroverse Quarterback Colin Kaepernick ist noch immer ohne Job, er, der sich 2016 weigerte, für die Nationalhymne aufzustehen, und damit erst Entrüstung und dann so etwas wie eine Protestbewegung auslöste. Die Anhänger Kaepernicks werfen den Klubs sehr unverhohlen Rassismus vor, es sei der einzige Grund, dass der Spielmacher nirgendwo unter Vertrag stehe, doch in der Diskussion um Kaepernick geht manchmal vergessen, dass die Leistungen des früheren Profis der San Francisco 49ers in den letzten Jahren ziemlich dürftig waren.

Kaepernick ist nicht mehr in der Liga, momentan zumindest, aber sein Erbe lebt weiter. In der Pre-Season gab es diverse Spieler, die bei der Hymne ihre Faust emporreckten oder demonstrativ niederknieten. Immer wieder gab es Schlagzeilen, zum Beispiel, als mit dem Cleveland-Profi Seth DeValve im August erstmals ein Spieler mit weisser Hautfarbe mitprotestierte.

– Der Sport. Die New England Patriots um den inzwischen 40 Jahre alten Quarterback und Musterschwiegersohn Tom Brady sind nach dem denk­würdigen Super-Bowl-Triumph über ­Atlanta (34:28 nach Verlängerung) nicht nur Titelverteidiger, sie steigen auch als grosser Favorit in die Saison. Chancen werden daneben vorab den Green Bay Packers, den Oakland Raiders und den Atlanta Falcons eingeräumt. Doch in den meisten der acht Vierergruppen (Divisionen) ist das Rennen ­offen. In der NFC East etwa bläst ­Philadelphia zum Angriff, in der AFC South ist es Texas.


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