Doping: Kratzen, beissen, salzen

DOPING ⋅ Am Dienstagabend will das Internationale Olympische Komitee (IOC) verkünden, ob Russland von den Winterspielen ausgeschlossen wird. Die Russen weigern sich, systematisches Doping einzugestehen. Staatspräsident Wladimir Putin nimmt die USA ins Visier.
05. Dezember 2017, 09:38

Stefan Scholl, Moskau

sport@luzernerzeitung.ch

Wladimir Putin geht auch das Thema Doping offensiv an: Die Welt-Antidoping-Agentur (Wada) hätte die Dopingproben der russischen Olympia-Athleten von Sotschi ohne Beanstandungen in Empfang genommen, zwei Jahre seien diese im Lausanner Wada-Labor gewesen. «Erst danach kamen Fragen auf, ob sie jemand geöffnet hätte», erklärte Russlands Staatschef kürzlich vor andächtig lauschenden Fabrikarbeitern in Tscheljabinsk. «Was man dort mit ihnen gemacht hat, wissen wir nicht. Ob sie jemand angekratzt oder reingebissen hat.»

Nicht nur der Judoka und Eishockeyspieler Putin, ganz Sportrussland spottet grimmig über die Kratz- und Beissspuren auf olympischen Reagenzgläsern. Denn heute will das IOC-Exe­kutivkomitee in Lausanne verkünden, ob Russland von den bevorstehenden Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang ausgesperrt wird.

«Sinnloseste Kämpfe in der Geschichte des Sports»

Seit Wochen hagelt es Kata­strophenmeldungen. Anfang ­November wurden neue Enthüllungen über massenhaftes Doping-Vertuschen im Moskauer Antidoping-Labor bekannt, vor einigen Tagen verlängerte der Internationale Leichtathletikverband die Wettkampfsperre der russischen Leichtathleten. Aber noch grausamer eskalierte der Staatsdopingskandal von Sotschi: Auf der Grundlage eines vergangenes Jahr veröffentlichten Berichts des unabhängigen Ermittlers Richard McLarens sperrte das Internationale Olympische Komitee 22 russische Athleten ­lebenslang für Olympia und erkannte Russland elf Medaillen ab, darunter drei goldene.

Im Ergebnis rutschte das Gastgeberland in der inoffiziellen Gesamtwertung der Winterspiele 2014 vom 1. auf den 5. Platz ab, ein nationaler Schock: «Sotschi, das waren die sinnlosesten Kämpfe in der Geschichte des Sportes», klagt das Fachportal «Sports.ru.» Russlands olympischer GAU, auch weil die Spiele als Chefsache galten, weil Putin immer wieder persönlich den «Sieg» im Medaillenspiegel bejubelte. Jetzt weigern sich die russischen Athleten reihenweise, ihre Medaillen zurückzugeben. Duma-Abgeordnete, Sportjournalisten und Fans leugnen vehement das Verdikt McLarens, Russlands Sportministerium, die staatliche Antidopingagentur und der Geheimdienst hätten die Dopingproben russischer Medaillenfavoriten systematisch ausgetauscht.

Der Oligarch Michail Prochorow droht eine Klage vor einem US-Gericht gegen Grigori Rodtschenkow an, den Ex-Chef des russischen Antidopinglabors, der nach Amerika floh und dort auspackte. Für fast ganz Russland ist er ein Verräter. «Das staatliche Dopingsystem ist eine Erfindung Rodtschenkows, die Westjournalisten und einige Wada-Beamte übernommen haben», fasst der kremlnahe Politologe Alexei ­Muchin die nationale Stimmung zusammen. «Sie wollen unsere Sportler demotivieren und den Ruf der Führung Russlands nach Kräften schädigen. Aber sie haben keine Beweise.»

Tatsächlich gibt es keine einzige positive Dopingprobe der entthronten russischen Sotschi-Helden. Und Rodtschenkows Geschichte qualmt wie eine Räuberpistole: Von den Cocktails aus teurem Whiskey und Steroiden, die er in Sotschi mixte, bis zum Mauseloch in der Wand des Abstellraums, durch die er positive Proben fingerfertigen Geheimdienstlern im Nebenraum reichte, die die versiegelten Reagenzgläser «knackten», leerten und sauberen Urin hineinschütteten.

Aber ausgerechnet die Kratzspuren, über die ganz Russland lästert, untermauern die Story des Kronzeugen klarer als alle ­E-Mails, anonymen Zeugen und Tagebucheinträge. Es gibt inzwischen zwei forensische Unter­suchungen der betroffenen Reagenzgläser. Sie beweisen, dass diese wirklich geöffnet wurden, unter Hinterlassung winziger Kratzspuren. Hineingebissen hatte niemand. Aber in acht Gläsern fand sich Urin mit übermenschlich hohem Salzgehalt, Rodtschenkow hatte ausgesagt, er habe mit Salz Gewichtsunterschiede der manipulierten Proben zu den offiziellen Testprotokollen ausgeglichen. Auch Indizien sind bisweilen erdrückend. Bei aller Wut stecken die russischen Verantwortlichen in Erklärungsnot: Warum liessen sie in Sotschi die Dopingproben ihrer Olympia-Sieger heimlich öffnen und zum Teil gründlich versalzen?

Starterlaubnis ohne russische Fahne?

Putin aber wäre nicht Putin, wenn er jetzt nicht ganz andere Verdächte hegte. Den Tscheljabinsker Fabrikarbeitern klagte er, ihn beunruhige sehr, dass die Spiele in Südkorea im Februar begännen. «Und wann finden bei uns Wahlen statt? Richtig. Im März.» Er habe den Verdacht, man wolle Russland von den Winterspielen ausschliessen, um Unruhe unter russischen Fans zu stiften. Die USA, die das Kontrollpaket im IOC besässen, wollten so die russischen Präsidentschaftswahlen beeinflussen.

Gleichzeitig äussern einige Moskauer Experten die Hoffnung, dass das IOC, dessen Präsident Thomas Bach als Putin-Spezi gilt, nicht nur nach amerikanischer Pfeife tanzt. «Die, die nach russischem Blut gierten, ­haben ihr Opfer bekommen», ­erklärt der Duma-Abgeordnete Marat Barijew. Jetzt heisst es in Moskau, ohne Russland seien die Winterspiele wertlos, würden Einschaltquoten und Ticketverkäufe abstürzen. Die Zeitung «Sowetski Sport» aber berichtet unter Berufung auf Quellen im IOC, Russland werde eine Starterlaubnis erhalten, müsse allerdings ohne russische Fahne und Hymne antreten. Eine Schmach. Alexander Schukow, Vorsitzender des Nationalen Olympischen Komitees, drohte schon mit Boykott: «Unter neutraler Flagge werden keine Russen antreten.» Die Debatte um Olympia ist in Russland noch lange nicht vorbei.


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