Schwyzer Know-how für Kiwis

SEGELN ⋅ Seit dem Rückzug von Alinghi sind nur noch wenige Schweizer beim America’s Cup involviert. Einer davon ist Jean-Claude Monnin (39) aus Immensee. Im Team New Zealand kümmert er sich um die Rennsoftware.
08. Juni 2017, 07:59

Walter Rudin

Der Umgang mit Computern und das Programmieren haben den aus einer Seglerfamilie stammenden Jean-Claude Monnin seit seiner frühen Jugend fasziniert. Schon in den 1990er-Jahren hatte er einen Segelsimulator kreiert, der ihm damals zum Einstieg in den America’s Cup beim Schweizer Team Alinghi verhalf. Während der Immenseer bei der ersten Kampagne 2003 auch im Segelteam mit auf dem Boot war, konzentrierte er sich später ganz auf die Entwicklung einer Rennsoftware, die der Besatzung den optimalen Kurs berechnete.

Das ist alles Geschichte. Trotzdem: Monnins Arbeit muss so wertvoll gewesen sein, dass er 2012 mitten in der Kampagne von Team New Zealand angeheuert wurde. «Gegenüber dem letzten Cup hat sich die Arbeit aber stark verändert, und die Kompetenzen der Teams haben sich verschoben», erklärt er. «Die Bootsarchitektur ist jetzt gegeben, nur bei den Flügeln, den sogenannten ­Foils, waren noch Modifizierungen möglich. Grosse Herausforderung war jetzt die Entwicklung von hydraulischen Antriebssystemen für die Steuerung der Segel und der Flügel.»

Auf dem Rennkatamaran gibt es drei getrennte Computersysteme: Eines kontrolliert die Segelstellung, das zweite stellt die optimale Einstellung der Flügel sicher, das dritte steuert die normale Bordelektronik. Also jede Menge Arbeit für Ingenieure. Monnins Kernkompetenz, die Entwicklung der Rennsoftware-Werkzeuge zur Geschwindigkeitsvorhersage, blieb aber weiterhin gefragt.

Mit 90 km/h übers Wasser

Es sind Hightech-Rennmaschinen geworden, die AC-50, auf denen der America’s Cup dieses Jahr ausgesegelt wird. Mit 15 Metern Länge sind die Katamarane einiges kürzer als bei der letzten Austragung, werden nur von ei­ner sechsköpfigen Crew gesegelt, sind aber trotzdem schneller. Sie können mit gegen 90 km/h über das Wasser fliegen. Dabei berühren nur noch die beiden kleinen Ruderblätter und eines der Schwerter das Wasser. Die Rennen mit den ultraleichten Katamaranen sind für die Segler nicht nur extrem fordernd, sie sind auch gefährlich. Bei den Testrennen auf Bermuda kenterte Oracle zweimal, die Briten fuhren in das Boot der Neuseeländer, und bei fast jedem Team ging mindestens ein Segler über Bord.

Die Boote der sechs Teams sind praktisch identisch, unterscheiden sich nur durch Kleinigkeiten. New Zealand sorgte mit seinen Fahrradpedalen für Staunen. Statt mit den Händen Kurbeln zu drehen, wird mit den Füssen wie bei einem Velo getreten. Je mehr Energie durch das Treten erzeugt wird, desto häufiger können die Flügel bewegt werden. Da überrascht auch nicht, dass Neuseeland mit Simon van Velthooven (28) einen Radrennfahrer-Olympiamedaillengewinner (Bronze im Keirin, London 2012) in seine Crew integriert hat.

Team Emirates New Zealand hat zwar einen etwas schwie­rigen Start zur neuen Kampagne hingelegt und war später als andere Teams auf dem Wasser, hat laut Monnin aber eine sehrproduktive Zeit mit den Testbooten hinter sich. Nach Abschluss der America’s Cup World Series, wo zwischen Juli 2015 und November 2016 an acht Destinationen auf fast allen Kontinenten gesegelt worden war, landete man auf dem 3. Rang. «Einige Teammitglieder waren schon etwas enttäuscht», meinte Monnin, der sich persönlich aber zuversichtlich zeigte: «Wir haben ein sehr junges Team, die Jungs haben gezeigt, dass sie viel drauf haben. Und bei einigen Regatten hat es auch schon ganz toll geklappt.»

Dies hat sich zum Auftakt des America’s Cup bestätigt. Ende Mai begann auf den Bermudas der Louis Vuitton Cup. Hier trafen sich der Titelverteidiger Team Oracle aus den USA und seine fünf Herausforderer zur Qualifikationsregatta. In der sogenannten Round Robin, bei der jeder gegen jeden antreten muss, konnte Team New Zealand alle anderen Herausforderer gleich zweimal besiegen, wurde aber vom Team Oracle geschlagen.

Vier Teams kämpfen jetzt im Challenger Cup noch darum, als Herausforderer gegen Oracle antreten zu dürfen. Im Halbfinal treffen Japan auf Schweden und Grossbritannien auf Neuseeland. Die Kiwis haben am Dienstag einen herben Rückschlag erlitten. In der vierten Halbfinalbegegnung geriet der neuseeländische Katamaran in einem Manöver in der Vorstartphase ausser Kontrolle. Die Bugspitzen bohrten sich in das Wasser, das Boot überschlug sich (siehe Box).

Wer es letztlich auch schafft, Monnin prophezeit: «Oracle bleibt der Massstab für alle Teams. Und wer den Titelver­teidiger im grossen Final ab dem 17. Juni bezwingen will, muss sich noch kräftig steigern können.»


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