«Sieben Jahre Glück für Frankreich» nach formellem Entscheid

OLYMPISCHE SPIELE ⋅ Mit Paris 2024 und Los Angeles 2028 werden erstmals zwei Olympiaorte zugleich gekürt. Frankreich freut sich nach mehreren gescheiterten Anläufen – zumal gar kein IOC-Stimmenkauf nötig war.
13. September 2017, 22:56

Stefan Brändle, Paris

sport@luzernerzeitung.ch

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) segnete in der peruanischen Hauptstadt Lima nur noch ab, worauf sich die Beteiligten schon vor Wochen geeinigt hatten: Nach den längst feststehenden Sommerspielen in drei Jahren in Tokio werden Paris im Jahr 2024 und Los Angeles 2028 folgen. «Sieben Jahre Glück» stünden Frankreich nun bevor, frohlockte Kanu-Olympiasieger Tony Estanguet, Co-Präsident der «Paris 2014»-Kandidatur, bei der IOC-Sitzung in Lima. In der Sportgeschichte hatte es allerdings schon spontanere Bekundungen des Jubels gegeben. In Paris funkelt der Eiffelturm diesmal wie von selbst.

Eingefädelt hatte den Deal IOC-Präsident Thomas Bach. Der Deutsche hatte die Idee einer Doppelkandidatur aus einer Notlage ins Spiel gebracht: Mit Boston, Rom, Budapest und Hamburg hatten sich die Standortkandidaten seit drei Jahren gleich in Serie zurückgezogen. Mit Paris und Los Angeles sicherte sich Bach über sein Mandat hinaus zwei hochkarätige und finanzkräftige Kandidaten – zwei der letztverbliebenen. Und ganz nebenbei ersparte er der Welt den künstlichen Suspens einer IOC-Abstimmung, die nicht erst seit den jüngsten Ermittlungen gegen «Rio 2016» im Ruch des Stimmenkaufs steht.

Zwanzig Delegationen auf den Eiffelturm geschafft

Staatspräsident Emmanuel Macron und der eben erst von Paris Saint-Germain gekaufte Fussballstar Neymar schalteten sich am Mittwoch via Video nach Lima zu, um Stimmung für die Pariser Kandidatur zu machen. Zur Sicherheit hatten die Franzosen zuvor die Dienste des Bewerbungsagenten Mike Lee bemüht, der die Spiele schon nach London und Rio sowie die Fussball-WM nach Katar gebracht hatte. Der Brite sorgte unter anderem dafür, dass insgesamt zwanzig Besuchsdelegationen nach Paris und auf den Eiffelturm geschafft wurden, um die grandiosen Perspektiven der Olympia-Kandidatur zu bewundern.

Das wäre nach dem vereinten Rückzug der Konkurrenz gar nicht mehr nötig gewesen. Los Angeles liess Paris zudem recht bereitwillig den Vortritt. Die Amerikaner erhalten dafür vom IOC 100 Millionen Dollar mehr als die Franzosen, nämlich runde 1,8 Milliarden (siehe auch Los-Angeles-Kasten unten rechts). Sie waren allerdings auch später gestartet als Paris, das seit 2005 kandidiert und gegen London sehr schmerzvoll den Kürzeren gezogen hatte.

Jetzt kann Paris an die glorreichen Anfangszeiten der vom Franzosen Pierre de Coubertin lancierten Olympia-Idee anknüpfen. Die Seine-Metropole hatte nach Athen 1896 schon die zweiten Sommerspiele der Neuzeit im Jahr 1900 ausgetragen, dann nochmals 1924. Hundert Jahre später erhält sie nun erneut den ­Zuschlag.

Als Lehre aus all den Misserfolgen, die auch einer gewissen Überheblichkeit zuzuschreiben waren, hatte «Paris 2024» das Pflichtenheft des IOC peinlich genau eingehalten. Ausser den – ohnehin gebauten – olympischen Dörfern für Sportler und Medienleute muss in Paris nur noch ein Wassersportzentrum völlig neu errichtet werden. Mit dem Stade de France und dem Parc des Princes bestehen bereits zwei Grossstadien; das Sportzentrum Roland Garros wird bereits ausgebaut. Und mit den Champs-Elysées, Versailles oder der Seine – sie soll bis 2024 zum Schwimmen frei gegeben werden – bestehen diverse «natür­liche» Stätten. Überdies profitiert «Paris 2024» von einem längst beschlossenen, milliardenschweren Ausbau des öffentlichen Verkehrs, Grand Paris genannt.

Die Pariser Olympiade ist auf 6,6 Milliarden Euro geplant, bedeutend weniger als 2012 in London (11 Milliarden). Bürgermeisterin Anne Hidalgo schwört, sie werde das Budget einhalten. Skeptiker der Rechtsopposition erinnern hingegen an den Bürgermeister von Montreal, der vor den Spielen 1976 erklärt hatte, er werde die finanziellen Vorgaben so sicher einhalten, wie ein Mann keine Kinder gebären könne. Die Schlussrechnung fiel dann siebenmal höher aus. Seither wurden die Budgets Olympischer Spiele im Schnitt um 176 Prozent überschritten.

63 Prozent der Pariser sind für die Olympischen Spiele

«Durch welches Wunder soll es das französische Genie besser machen?», fragte ironisch ein Nein-Komitee. Gehör verschaffte es sich nie. Die Medien waren eingespannt für die Staatsräson, zu der die Olympia-Kandidatur nach den schmachvollen Misserfolgen mehr denn je gehörte. Selbst Hidalgo hatte sich aus Finanzgründen noch 2014 gegen die Pariser Olympiakandidatur ausgesprochen.

Heute sind 63 Prozent der Pariser Einwohner wie auch aller Franzosen für die Abhaltung der Spiele in sieben Jahren. Petitionen dagegen (wie in Budapest) wurden allerdings unterbunden; Volksbefragungen (wie in Hamburg) kamen gar nicht erst in Frage. Diese Art von direkter Demokratie ist nicht sehr französisch. Doch wäre sonst der Eiffelturm jemals gebaut worden?

  • Olympische Spiele vor dem Eiffelturm: So stellen sich die Verantwortlichen die Spiele 2024 vor. (© PD)
  • Neben dem Parc des Princes (rechts) soll ein neues Stadion gebaut werden. (© PD)
  • Bogenschiessen mitten in Paris. (© PD)

Es wird ein historischer Entscheid: Zum zweiten Mal kommt es zu einer Doppelvergabe von Olympischen Spielen. In Lima werden Paris für 2024 und Los Angeles für 2028 als Ausrichter gekürt.


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