Katarina Witt im grossen Interview

EISKUNSTLAUF ⋅ Sie lebt in Berlin, ist 51 Jahre alt und unermüdlich für Kinder und für den Sport tätig: Katarina Witt. Der sda gewährt die ehemalige Eiskunstlaufkönigin ein Interview.
22. November 2017, 05:30

Die ehemalige Olympiasiegerin und Weltmeisterin, die attraktive Eislaufkönigin der Achtziger- und Neunzigerjahre und sportliches Aushängeschild der DDR, ist eine schillernde Figur geblieben. Einst gab sie Donald Trump einen Korb, kürzlich gewährte sie an der Laureus-Spendengala in Zürich der Nachrichtenagentur sda ein Interview.

Sie haben in Ihrer Karriere zwei Mal olympisches Gold, vier WM-Titel, sechs EM-Titel und zahlreiche weitere Medaillen gewonnen. Welche bedeutet Ihnen am meisten?

Katarina Witt: "Das sind natürlich die beiden olympischen Goldmedaillen und die Weltmeistertitel. Ob es nun der erste Titel ist, der einen besonders stolz macht - eigentlich weiss jeder Sportler, dass die Titelverteidigung noch einmal schwerer ist als der erste Titel. Stolz bin ich einfach darauf, dass die Menschen sich freuen und sich 30 Jahre später erinnern, auf einen zukommen und sagen: Ich bin ein grosser Fan von Dir gewesen, bin nachts aufgestanden und hab Dir die Daumen gedrückt. Es waren viele Menschen, welche die sportlich wichtigsten Momente in meinem Leben mit mir teilen konnten."

Die ersten Medaillen an internationalen Titelkämpfen gewannen sie 1982 mit 16 Jahren. Wurden Sie damals schon von der berühmten Jutta Müller in Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz, trainiert?

"Als ich neun Jahre alt war hat sie mich entdeckt. Sie war dann 20 Jahre lang meine Trainerin."

Jutta Müller ist jetzt 89 Jahre alt, haben Sie noch Kontakt mit ihr?

"Ja, wir hören und sehen uns regelmässig. Sie will noch immer wissen, was ich mache. Es besteht ein enger und eigentlich familiärer Kontakt."

Die Schweizerin Denise Biellmann war 1980 Olympiavierte und ist 1981 nach ihrem WM-Titel zurückgetreten. Gab es vorher und nachher Begegnungen mit ihr?

"Als sie Weltmeisterin wurde, war ich Fünfte. Dann hat sie aufgehört, sonst wären wir wahrscheinlich richtige Konkurrentinnen geworden und hätten uns in den nächsten zwei, drei Jahren sicher interessante Duelle geliefert."

Sarah Meier, der Europameisterin von 2011, sind Sie auch schon begegnet?

"Das kam später. Sie war eine tolle Eiskunstläuferin und hat die Fahne für die Schweiz hochgehalten."

Und Oliver Höner, dem Initianten von Art on Ice?

"Ich finde toll, was er macht und was er für die Schweiz aufgebaut hat. Über alles, was das Eiskunstlaufen in den Mittelpunkt rückt, freue ich mich natürlich."

Welches waren Ihre liebsten Wettkampf-Figuren und Kür-Elemente auf dem Eis?

"Das waren schon der dreifache Toeloop und der Doppel-Axel. Aber mir hat natürlich auch die Kombination gefallen zwischen sportlicher Leistung und der Möglichkeit, auf dem Eis Geschichten zu erzählen und zu versuchen, schauspielerisch tätig zu sein. Das war für mich das Spannendste, und da war ich mit Leidenschaft dabei."

Wie hat sich das Eiskunstlaufen seit Ihrem Rücktritt entwickelt?

"Wie in allen Sportarten geht die Entwicklung natürlich weiter. Es ist unglaublich, was die Eiskunstläuferinnen und Eiskunstläufer heutzutage an Höchstschwierigkeiten, an Kombinationen leisten. Das war in der damaligen Zeit nicht vorstellbar. Allerdings hätten sich die Eiskunstläufer in den Sechzigerjahren auch nicht vorgestellt, was wir in den Achtzigern und den Neunzigern zeigten."

Nach Ihrem Rücktritt 1988 wurden Sie, damals noch als DDR-Sportlerin, Profi bei Holiday on Ice und anderen Eis-Shows in den USA. Wie haben Sie diese mehr als zehn Jahre in Erinnerung?

"Ich machte ja vor allem eigene Eisshows. In Amerika haben wir damals die moderne Eisshow ein bisschen miterfunden, Brian Boitano und ich. Wir waren seinerzeit in den USA wie Rockstars, so sind wir auch gereist, aber wir verhielten uns wie Leistungssportler. Wir hatten auch Privatjets, die uns nach der Vorstellung in die nächste Stadt flogen, und am nächsten Tag folgte die nächste Show. Es war irre, diese Neunzigerjahre. 60-Städte-Tourneen, die ausverkauft sind, und so gefeiert zu werden, das war schon einmalig."

Danach wirkten Sie als Schauspielerin in verschiedenen Filmen mit und erhielten für Carmen on Ice einen Emmy. Auch als Moderatorin waren Sie tätig. Womit beschäftigen Sie sich heute?

"Zu erzählen, was ich alles mache, würde den Rahmen sprengen. Ich freue mich jetzt schon auf die Olympischen Winterspiele im Februar, wo ich wieder für die ARD als Eiskunstlaufexpertin tätig sein werde. Ich bin Botschafterin zum Beispiel für Disney on Ice. Wir kommen übrigens im nächsten Herbst nach Zürich. Ich engagiere mich in Deutschland für notleidende Kinder. Genau so gern bin ich für den Laureus unterwegs. Ich bin auf verschiedenen Gebieten tätig. Mein Job ist eigentlich, Katarina Witt zu sein, und dieser Job füllt mich aus."

Sie sind offensichtlich immer noch topfit. Wie halten Sie sich in Form?

"Ich versuche, mich aktiv zu bewegen und zu joggen."

2005 haben Sie eine eigene Stiftung gegründet, die bedürftige Kinder unterstützt. Wie läufts mit dieser Stiftung?

"Wir kümmern uns um Kinder und Jugendliche mit körperlicher Behinderung. Es läuft gut. Wir haben sehr gute Arbeit leisten können. Ich bin stolz, dass wir dank unseren Spendern 250 Projekte weltweit finanzieren konnten. Die Idee steht auf drei Säulen: Katastrophenhilfe, medizinische Hilfe und vor allen Dingen Sportförderung. Wir spüren, wie es den Kindern gut tut, wenn man mit Sport ihr Leben erleichtern kann, auch mit Mannschaftsspielen. Die Kinder bekommen dadurch Selbstbewusstsein und ein besseres Körpergefühl."

Sie sind auch internationale Botschafterin bei der Laureus-Stiftung, weshalb?

"Nein, ich bin Akademie-Mitglied seit der Gründung im Jahr 2000; wir sind 60 Mitglieder. Die Botschafter sind national ausgerichtet wie zum Beispiel Denise Biellmann in der Schweiz. Aber natürlich fühle ich mich auch als Botschafterin für Laureus, um sozial benachteiligten Kindern zu helfen."

Vor sechs Jahren erlitten Sie als Präsidentin des Kuratoriums, das die Olympischen Winterspiele 2018 nach München holen sollte, eine bittere Niederlage. München unterlag auf der IOC-Session in Durban der südkoreanischen Kandidatur von Pyeongchang, wo die Spiele nun in drei Monaten stattfinden werden. Sie vergossen bittere Tränen. In der Schweiz ist derzeit eine Olympiakandidatur mit Sion/Wallis im Aufbau. Was können Sie den Schweizern raten, um zum Erfolg zu kommen?

"Die Schweiz hat ja auch schon ein paar Mal Interesse gezeigt und dann selber entschieden, nicht zu kandidieren. Ich glaube, dass sich die olympische Bewegung der Tatsache nicht entziehen kann, dass sich die Leute in demokratischen Ländern diesen tollen Events verweigern. Auf der Vergabe von Grossevents, siehe Fussball, liegt einfach zu grosser Schatten. Das IOC sucht nach Wegen, mit der Agenda 2020, der Ethik-Kommission und dem Kampf gegen Doping. Es ist traurig, dass für einen Grossteil der Athleten der Schatten grösser geworden ist, der von einer ganz kleinen Gruppe ausgegangen ist. Die Herausforderung an die sportlichen Organisationen besteht darin, den Weg zurückzufinden zu den Werten, die sie ja auch predigen, mit Ehrlichkeit, mit Kampfgeist, mit Fairness. Bei einigen ist man schon auf besserem Wege, bei anderen weniger - wie bei der Vergabe der Fussball-WM an Katar. Auch wie sich grosse Wirtschaftsunternehmen verhalten, siehe Paradise Papers, ist den Menschen, denen die Steuern direkt abgezogen werden, nicht zu erklären."

Stichwort Doping: In Erinnerung geblieben ist mir Ihre Aussage an der grossen Medienkonferenz 1988 bei Olympia in Calgary. Im Sinne von: Schauen Sie meinen Busen an, er ist der beste Beweis, dass ich nicht gedopt habe.

"Habe ich das so gesagt? Ah ja (lacht). Natürlich habe ich nicht gedopt. Ich bin damit aufgewachsen, dass der Sport ehrlich ist, aber wir haben im Nachhinein auch die andere Seite kennen gelernt."

Sie gelten als selbstbewusste, starke Frau. Das haben Sie offenbar auch dem jetzigen US-Präsidenten Donald Trump gezeigt und ihm einen Korb gegeben.

"Als ich in den Neunzigerjahren in den USA mit meiner Show unterwegs war, suchte mein Agent einen Sponsor und trat auch an Trump heran. Ich erhielt die Telefon-Nummer von Trump. Während einer After-Show-Party ein paar Wochen später kam er zu mir und sagte sinngemäss, dass ich die einzige Frau sei, die seine Privatnummer habe und ihn nicht anruft. Darauf sagte ich: Eine muss die Erste sein. Später nannte er mich in seiner Biografie einen Kühlschrank, im Sinne eines Quarterbacks im American Football, also eines breiten Kastens." (sda)


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