So sieht die medizinische Betreuung der Schweizer Athleten aus

OLYMPIA ⋅ Die Schweiz gehört bezüglich der medizinischen Betreuung zu den Topnationen. Noch akribischer gehen die Norweger vor: Gegen Keime setzen sie gar Nanotechnologie ein.
08. Februar 2018, 05:00

Andreas Eisenring, Pyeongchang

sport@luzernerzeitung.ch

Patrik Noack sitzt in der Hotellobby und trinkt Grüntee. Es ist eine kleine, wärmende Auszeit für den Leiter des Olympic Medical Teams an einem Tag, an dem noch viel zu tun ist. Denn bevor der grosse Ansturm der Schweizer Athleten einsetzt, muss das medizinische Equipment bereit sein.

In Pyeongchang ist das eine Herausforderung. Einerseits bedingt die Rekorddelegation einen enormen Materialaufwand. Anderseits gilt es fünf medizinische Basisstationen einzurichten: je eine in den zwei Olympic Villages in Pyeongchang und Gangneung sowie drei in den Aussenunterkünften. «Das heisst für uns, je fünfmal Ultraschall, Stosswellengeräte, Blutentnahmeapparaturen und vieles mehr ein­zurichten», erzählt Patrik Noack.

Medizinische Abteilung mit 34 Personen

Normalerweise praktiziert der 43-Jährige im Zentrum für Medizin und Sport in Abtwil. Momentan steht er an den Olympischen Spielen einem achtköpfigen Ärzteteam vor, das von 24 Physiotherapeuten, einem Osteopathen und einem Sportpsychologen unterstützt wird. Auch der liechtensteinische Verband mit seinen drei Athleten ist in diese Betreuung eingebunden. Die Tage sind lang: Um 7 Uhr findet die erste Führungssitzung des Stabs von Swiss Olympic statt, wo Noack die medizinischen Belange vertritt. Um 7.30 Uhr trifft sich dann das medizinische Team, um den Tagesablauf zu besprechen.

Die Themen sind das Essen, die Hygiene, die Sauberkeit der Unterkünfte oder die Lüftung in den Esssälen. Ist diese zu stark, drohen Erkältungen. Und das allein kann Medaillenträume zunichte machen. Noacks erster Eindruck vom Olympic Village ist positiv: «In Rio war das Essen bezüglich Qualität und Hygiene eine Katastrophe. Hier ist aber alles ausgezeichnet, mit einer grossen Auswahl für jeden Geschmack.»

Die Schweiz ist punkto medizinischer Betreuung à jour im Vergleich zu den anderen Topnationen. So weit wie die Norweger gehen die Schweizer aber nicht. Die Skandinavier besprühen die Oberflächen ihrer Athletenzimmer mit Nanopartikeln, welche mit Atemschutzmasken aufgetragen werden müssen. Nach dem Austrocknen enthalten die behandelten Flächen weniger Keime.

Schweizer setzten auf Lichtteraphie von Spezialbrillen

Das Schweizer Team setzt eine Lichttherapie ein: Spezialbrillen, die mit oder ohne Blaulichtfilter verwendet werden können. Diese Sonnenbrillen mit eingebauten LED-Dioden tragen die Athleten am Morgen nach dem Aufstehen. Der Effekt: der Organismus wird angeregt, weshalb beispielsweise die Langläufer dies zur besseren Zeitanpassung prak­tizieren. Am Abend hingegen setzt man auf den umgekehrten Effekt: das Blaulicht wird herausgefiltert, was schlaffördernd wirken soll.

Die Kälte ist momentan ein grosses Thema: In den alpinen Wettkampfstätten wurden in der Nacht schon bis minus 20 Grad gemessen, wobei ein bissiger Wind nochmals einige Grad minus ausmacht. Auch dagegen ist man gerüstet, zum Beispiel mit Kältemasken und Filtern, welche die Einatmungsluft vorwärmen und befeuchten. Diesbezüglich haben die Norweger ebenfalls keine Mühen gescheut: Sie haben gleich zwei der grossen Rollskibänder, die je zwei Tonnen wiegen, herbeigeschafft, damit die Langläufer das Warmfahren wirklich auch an der Wärme absolvieren können und nicht schon früher auf die Loipe müssen. Zumindest für das Training diese Woche ist die Kälte ein bestimmender Faktor, auf die erste Wettkampfwoche hin soll es aber etwas wärmer werden.

Netzwerk aus Spezialisten machte Colognas Gold möglich

Noack, der zweifache Familienvater, ist ein erfahrener Olympia-Teilnehmer. Südkorea sind seine sechsten Spiele, wobei ihm aus ärztlicher Sicht etwas vor allem haften geblieben ist: Der Wettlauf gegen die Zeit, als sich Dario Cologna nicht einmal 100 Tage vor den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi beim Joggen einen dreifachen Bänderriss zuzog. Die Verletzung des Hoffnungsträgers hatte einen medizinischen und materialtechnischen Wettlauf gegen die Zeit zur Folge. Der Wettkampf hätte für Cologna wohl keinen Tag früher stattfinden dürfen, aber so war er auf den Punkt bereit. Der Münstertaler holte Gold im Skiathlon und über 15 km. «Dieses Spannungs­feld von zumutbarer Belastung versus Schwellung war eine Gratwanderung», so Noack, «aber wie damals ein Netzwerk aus Spezialisten im Teamwork doch noch in letzter Sekunde zum Erfolg beigetragen hat, ist wohl meine bisher stärkste Erinnerung als Olympiaarzt.»

Video: Pyeongchang: Wie sich Selina Gasparin vor der Kälte schützt

Für Biathleten sind die kalten Temperaturen bis zu -15 Grad bei den Trainings vor den olympischen Winterspielen in Pyeongchang besonders schwierig. Mit dicken Handschuhen können sie nicht gut schiessen. Selina Gasparin erzählt, wie sie mit der Kälte umgeht. Sie steht vor ihrer dritten Olympiateilnahme. Ihren ersten Ernstkampf bestreitet sie am Samstag im Sprint über 7,5 Kilometer. (Sarah Ennemoser/SDA, 08.02.2018)




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