Nathalie von Siebenthal: Alles riskiert, viel gewonnen

LANGLAUF ⋅ Nathalie von Siebenthal zeigt eine starke Olympia-Premiere. Die Berner Oberländerin beendet den von Charlotte Kalla gewonnenen Skiathlon als Sechste. Besser war erst einmal eine Schweizer Langläuferin.
11. Februar 2018, 10:33

Marcel Hauck (SDA), Pyeongchang

Schlotternd vor Kälte stand Nathalie von Siebenthal nach dem Rennen da, tief eingemummt in die rote Jacke, passend dazu zwei Schweizerkreuze auf den Wangen. «Das ist cool», lautete ihr erster Kommentar. «Es ist super, wenn es gleich am ersten Tag aufgeht. Damit ist der Druck, den ich mir selber auferlege, weg.» Sie könne in den weiteren Rennen nun alles riskieren. «Ich habe nichts mehr zu verlieren.»

Nach knapp 10 der 15 km schienen für einen Moment sogar noch grössere Träume möglich. Von Siebenthal lag an der Spitze einer sechsköpfigen Spitzengruppe. Es war aber auch der Anfang vom Ende der Medaillenhoffnungen für die 24-jährige Bernerin. Wenig später versuchte sie nämlich, einen Angriff der späteren Siegerin Kalla zu kontern – und büsste dafür auf dem Rest der Schlussrunde. «Da fehlte mir dann die Kraft», stellte sie fest.

Ärgern tat sich von Siebenthal darüber nicht im Geringsten. «Da hätte ich nicht mitgehen dürfen.» Doch sie schob sogleich nach: «Diese Erfahrung musste ich jetzt eben machen.» Auch so ­erreichte sie auf den 2×7,5 km das zweitbeste Olympia-Resultat einer Schweizer Langläuferin nach dem 4. Rang von Christine Gilli-Brügger vor 30 Jahren in Calgary über 20 km. Es sei schwer zu sagen, ob sogar eine Medaille dringelegen wäre. Letztlich verpasste von Siebenthal den Bronzeplatz der Finnin Krista Pärmäkoski um 7,5 Sekunden.

Den eigenen Rhythmus gelaufen

Die zierliche Berner Oberländerin zeigte sich überrascht, dass sie das Rennen an der Spitze derart mitprägen konnte. Nach der im von ihr nicht bevorzugten klassischen Stil gelaufenen ersten Hälfte lag sie als Teil der Spitzengruppe auf dem 8. Rang. «Das Tempo war tief, die Strecke nicht so selektiv. Mit einem guten Ski war es nicht so schwierig, dranzubleiben.» Und von Siebenthal sprach sogar davon, über einen «Traumski» verfügt zu haben.

Dass sie danach im Skating-Stil die Führung übernahm, sei nicht geplant gewesen. «Es war auch nicht so, dass mir das Tempo zu langsam war, aber so konnte ich meinen Rhythmus laufen», erklärte Von Siebenthal.

Dass die Schweizerin im Skiathlon zu beachten ist, hatte sie bereits mit dem 4. WM-Rang vor einem Jahr in Lahti gezeigt. Mit dem 6. Platz fühlte sie sich diesmal aber näher an einer Medaille, denn damals waren die ersten drei früh vorne weggezogen.

Nadine Fähndrich, die zweite Schweizer Starterin, klassierte sich im 27. Rang. Sie büsste über drei Minuten auf die Siegerin ein. «Es war sicher kein perfektes Rennen. Ich versuchte am Anfang mitzugehen, aber dann stellte es mich auf. Und wenn man mal weg ist, hat man bei diesem Wind keine Chance mehr», sagte die 22-jährige Luzernerin.

Kalla klar die Stärkste

Im Alpensia-Langlaufzentrum in Pyeongchang fiel die Entscheidung nicht wie allgemein erwartet im Schlussanstieg. Die schwedische Favoritin Charlotte Kalla griff bereits drei Kilometer vor dem Ziel an und sicherte sich souverän die erste Goldmedaille der Winterspiele in Südkorea. Die Norwegerin Marit Björgen büsste 7,8 Sekunden ein. Den Sprint um Bronze gewann Pärmäkoski knapp gegen die erst 21-jährige Schwedin Ebba Andersson, die erst sechs Weltcup-Rennen bestritten hat.

Wegen des ziemlich starken Windes wollte sich keine Läuferin zu früh exponieren. Die 30-jährige Kalla erklärte aber, sie habe sich bereits auf der ersten Skating-Runde gut gefühlt. «Deshalb wollte ich in der 2. Runde früh attackieren.» Der Lohn war die dritte Olympia-Goldmedaille nach jener über 10 km 2010 in Vancouver und jener mit der Staffel vor vier Jahren.

Björgen zollte ihrer guten Freundin Kalla Respekt. «Ich wusste, dass sie früh angreifen würde, weil mir der Schlussanstieg liegt. Ich erwischte aber ihren Rücken nicht.» Marit Björgen vermutete, dass es von Siebenthal war, die ihr im Weg stand. Sie freue sich aber auch über Silber sehr. Die restlichen Norwegerinnen um Weltcup-Leaderin Heidi Weng (9.) enttäuschten schwer. Auffallend ist, dass sowohl Kalla als auch Björgen die Tour de Ski ausliessen und auf ein Höhentrainingslager verzichteten.


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