Auch Olympiasieger haben es schwer

WINTERSPORT ⋅ Das Wochenende verläuft nicht im Sinne der Schweizer Stars. Vor allem Dario Cologna wird vor den nächsten Rennen eine Enttäuschung verkraften müssen.
12. Februar 2018, 04:39

Claudio Zanini, Pyeongchang

claudio.zanini@luzernerzeitung.ch

Die Zeichen standen gut für ein schwungvolles Schweizer Startwochenende in diese Winterspiele. Grosse Namen standen auf dem Wettkampf-­Programm. Etwa Simon Ammann, der Olympia-Fachmann, der am Samstag zum ersten Einsatz kam. Entsprechend seinem Achtjahreszyklus wäre nach 2002 und 2010 wieder die Zeit reif gewesen für einen Olympiasieg – rein theoretisch. Denn es war bereits vor dem Springen über die Normalschanze klar: Dem 36-Jährigen müsste ein verrückter Exploit gelingen für Edelmetall. Aber die Hoffnungen, natürlich, die waren da. Der durchgefrorene Toggenburger, der im Finaldurchgang sechsmal auf den Bakken zitiert und wieder zurückgerufen wurde, landete schliesslich auf dem 11. Platz.

«Eines ihrer schlechtesten Rennen» zeigte kurz zuvor Selina Gasparin (33), die Vorreiterin des Schweizer Biathlons. Die Silbermedaillengewinnerin von Sotschi belegte im Sprint den 41. Rang. Auch bei ihr hätte vieles stimmen müssen für einen Platz unter den ersten drei. In diesem Winter hatte sie das im Weltcup jedenfalls noch nie geschafft.

Zu müde für die Norweger

Aber das Schweizer Delegationsziel von «11 Medaillen plus» steht und fällt nicht mit Ammann oder Gasparin. Es gibt andere, deren Leistungen in der laufenden Saison vielmehr auf einen Spitzenplatz hindeuten. Beispielsweise Beat Feuz, für den ein wahrlich spezieller Sonntag angedacht war. Der Emmen­taler feierte seinen 31. Geburtstag, erhielt jedoch schon beim Frühstück ein SMS, dass die Abfahrt in Jeongseon nicht stattfinden würde. Der Wind blies mit bis zu 100 Stundenkilometern, eine Durchführung war nicht möglich. Das Rennen wurde auf Donnerstag verschoben, der dort geplante Super-G auf Freitag. Feuz erhielt also erst gar keine Gelegenheit, um am Fundament für das Mindestziel von 11 Medaillen zu bauen. Blieb also noch der Auftritt von Dario Cologna im Skiathlon am Sonntag. In dieser Disziplin kürte sich der Bündner vor vier Jahren zum Olympiasieger.

Lange Zeit sah es für den 31-Jährigen gut aus auf der Loipe von Pyeongchang. Während des Klassisch-Abschnitts lief er durchgehend vorne mit und schien das Geschehen unter Kontrolle zu haben. Nach den ersten 15 Kilometern und dem Skiwechsel lag er immer noch auf Medaillenkurs, bis vier Kilometer vor dem Ziel der Norweger Simen Hegstad Krüger sich absetzte und Cologna seine Podestchancen schwinden sah. «Am Schluss war ich ein bisschen müde. Als Krüger davonging, konnte ich nichts mehr machen», sagte der Schweizer.

Die Norweger holten sogleich den gesamten Medaillensatz. Hinter Krüger klassierten sich Martin Johnsrud Sundby und Hans Christer Holund auf Position 2 und 3. Dario Cologna hatte sich leer gefühlt, hatte nicht die Beine, um am Ende das Tempo der Skandinavier mitzugehen. Es sollte nicht nach einer Ausrede tönen, aber die Bedingungen waren extrem schwer: «Vielleicht war es der Wind, vielleicht die Kälte, das ist schwierig einzuschätzen. Es fehlte mir jedenfalls die Kraft.»

Kurz nach dem Rennen Ursachenforschung zu betreiben mit einem immer noch erhöhten Adrenalinspiegel, ist kompliziert. Offensichtliche Erklärungen für den enttäuschenden sechsten Rang von Cologna boten sich nicht an. Er hatte gute Trainingstage in Südkorea verbracht und befand sich in beeindruckender Form. Spurlos ging die Niederlage nicht an ihm vorbei. Denn es klang nicht wirklich überzeugend, als er sagte: «Ich denke schon, dass ich weiterhin gute Chancen habe.» Fünf Tage hat er Zeit, um sich zu regenerieren, am Freitag stehen 15 km Freistil auf dem Programm. Abschliessend machte er deutlich: «Nur weil man schon drei Olympiamedaillen gewonnen hat, gibt es nicht eine nächste umsonst.»

Das dürften mehrere Schweizer Athleten an diesem Wochenende festgestellt haben. Geschenkt wird einem nichts, auch nicht als Olympiasieger.


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