«Wir sind sehr isoliert in diesem Zirkus»

AUSBLICK ⋅ Michelle Gisin (23) wird 2017 zum dritten Mal die Ski-WM bestreiten. Im Interview spricht die Engelbergerin über ihre Ziele in St. Moritz, den Austausch mit Schwester Dominique und die langen Stunden in Hotelzimmern.
31. Dezember 2016, 05:00

Interview: Claudio Zanini

claudio.zanini@luzernerzeitung.ch

Michelle Gisin, Ihre Weihnachts­pause war kurz, in dieser Woche standen Sie schon wieder im Riesenslalom und Slalom im Einsatz. Kamen Sie überhaupt zum Feiern?

Wir haben im familiären Kreis zu Hause in Engelberg gefeiert. Für mich fallen die Weihnachtstage meist etwas verkürzt aus, da ich oftmals am 25. Dezember wieder abreisen muss.

Beschenkt haben Sie sich gleich selbst vor Weihnachten, mit dem 2. Platz in der Kombination von Val d’Isère – Ihrem ersten Weltcup-Podestplatz überhaupt. Warum hat es plötzlich geklappt?

Es steckt viel Arbeit meinerseits und meines gesamten Umfelds in diesem ersten Podestplatz. Noch in Killington geriet ich in ein Tief. Der Speed fehlte mir. Technisch passte es zwar, aber das letzte gewisse Etwas kriegte ich nicht hin. Danach folgten Trainings in Zinal, in denen ich meine Freude wiederfinden konnte. Anders als im Slalom oder Riesenslalom ist es im Speedbereich wichtiger, loslassen zu können und nicht alles kontrollieren zu wollen. In Val d’Isère merkte ich bereits in den Trainings, dass ich mich stabil und sicher fühle. Entscheidend war, dass ich nach der Abfahrt im Slalom die Nerven behielt.

Haben Sie konkrete Wünsche fürs neue Jahr?

Persönlich fehlt mir momentan nichts. Die Hüftproblematik habe ich nun in den Griff bekommen. Ich wünsche mir für meinen Freund (Luca De Aliprandini, italienischer Skirennfahrer, Anm. d. Red.), dass er nach den Verletzungen in den letzten zwei Jahren gesund bleibt und dass mein Bruder Marc sich so gut wie möglich erholt und bald wieder dabei ist.

Und eine WM-Medaille? Haben Sie sich noch nie vorgestellt, wie es wäre, eine um den Hals hängen zu haben?

Solche Gedanken kommen immer wieder auf. Aber die müssen auch wieder losgelassen werden, denn ohne die nötige Lockerheit kann man nicht erfolgreich sein. Mit der Qualifikation für die WM-Kombination habe ich natürlich mehr Möglichkeiten. Das kann mir die nötige Gelassenheit geben.

Die Ski-Weltmeisterschaften in St. Moritz sind der Höhepunkt des kommenden Jahres. Was machen Sie, um nicht nervös zu werden?

Ich versuche, möglichst normal damit umzugehen. Die WM einfach totzuschweigen, wäre sicher nicht clever. Aber ich sag mir auch nicht andauernd: «Achtung, im Februar ist WM, im Februar ist WM, im Februar ist WM.» Zwischen Weihnachten und Mitte Januar ist ohnehin eine strenge Phase, da fehlt die Zeit, um vorauszuschauen. Man muss sich auf jedes Rennen konzentrieren und die Energie möglichst gut einteilen. Erst danach beginnt die Vorbereitung auf St. Moritz. Natürlich ist eine Heim-WM ein grosser Traum, der wahr wird, und ich möchte die Zeit auch geniessen.

Wenn Sie der Slalom-Konkurrenz zuschauen, etwa Mikaela Shiffrin, zweifeln Sie dann manchmal an sich selbst, je so gut fahren zu können?

Nein, ehrlich gesagt nicht. Shiffrin ist nicht allmächtig oder uneinholbar. Das hat auch Wendy (Holdener, Anm. d. Red.) schon gezeigt. Natürlich ist es sehr schwer, sie zu schlagen, aber es ist machbar. Und im Moment haben wir ein starkes Team. Die Überzeugung, dass wir Shiffrin irgendwann nahekommen können, ist ein grosser Antrieb.

Sie sind eine Athletin, die in die Top 10 fahren kann. Blenden wir den Podestplatz von Val d’ Isère aus, scheinen die Top 3 noch zu weit weg. Was fehlt genau?

Das ist nicht einfach zu erklären, hat aber vor allem mit Überzeugung und diesem letzten Quäntchen Glück zu tun. Slalom ist unberechenbar, du kannst schnell einfädeln. Zwischen den Top 10 und Top 3 gibt es einen kleinen, aber feinen Unterschied. Oft entscheidet ein winziger Fehler, ob man nun ganz vorne ist oder nicht.

Ihre Schwester Dominique dürfte sicher nützliche Tipps für einen Grossanlass haben. Welche Rolle spielt sie in der Vorbereitung?

Wir tauschen uns immer aus. Ganz egal, ob Grossanlass oder nicht. Das mache ich auch mit meinem Bruder Marc oder meinem Freund Luca. Sie kann ich immer anrufen, sei es, wenn ich ein Tief habe oder wenn ich erfolgreich bin. Der Austausch hilft mir enorm. Auf die WM bezogen werde ich mir bei Dominique bestimmt Rat holen bezüglich Planung und Vorbereitung.

Haben Sie gute Erinnerungen an St. Moritz?

Ich kenne die Piste ziemlich gut. Schon meinen ersten Migros-Grand-Prix-Final als junges Mädchen habe ich dort bestritten. Und natürlich viele Europacup-Rennen und Schweizer Meisterschaften. An meiner ersten Elite-Schweizer-Meisterschafts-Abfahrt stand Dominique im Zielraum, und ich kam mit so hohem, für mich damals noch sehr ungewohntem Tempo runter, dass ich gar nicht mehr wusste, wie ich bremsen sollte. Schliesslich landete ich fast auf dem Hintern. Dominique schüttelte nur den Kopf und musste schmunzeln. Sie hat mir geholfen, mit dem Tempo umzugehen. Es sind viele Emotionen, die ich mit St. Moritz verbinde. Diese Energie versuche ich während der WM zu bündeln.

Wie beschäftigen Sie sich eigentlich in diesen zig Stunden, die Sie in Hotelzimmern, Flugzeugen oder Flughäfen verbringen?

Momentan mache ich eine wahnsinnige Lesephase durch. Gebt mir ein gutes Fantasy-Buch, und ich bin nicht mehr ansprechbar. Zudem habe ich die Sprachen-App Babbel für mich entdeckt. Ich fing von null an, Italienisch zu lernen, das klappt jetzt schon ganz gut. Nun habe ich noch mit Spanisch angefangen. Da stockt es aber noch eher. (schmunzelt)

Das klingt kopflastig. Fordert der Skisport Sie intellektuell zu wenig?

Das Problem ist eher, dass ich nicht abschalten kann, ohne den Kopf zu benutzen. Es ist doch nicht möglich, einfach nichts zu denken, wie soll das funktionieren? Eine Sprache zu erlernen, bietet mir Ablenkung und einen Ausgleich zum Spitzensport. Im Allgemeinen tut es gut, zu lesen und zu merken, dass Skifahren nicht alles auf der Welt ist. Denn wir sind ja doch sehr isoliert in diesem Zirkus. Es ist wichtig für mich, den Bezug zur Normalität nicht zu verlieren und die Bodenhaftigkeit zu bewahren.

WM-Debüt mit 19 Jahren

Karriere Michelle Gisin (23) gehört zur Nationalmannschaft von Swiss-Ski und wird in St. Moritz zum dritten Mal an Ski-Weltmeisterschaften teilnehmen (6. bis 19. Februar 2017). Mit 19 Jahren stand die Technikerin erstmals an einer WM am Start – in Schladming 2013. Damals belegte sie den 26. Platz im Slalom. Zwei Jahre später bestritt Gisin an den Titelkämpfen in Vail/Beaver Creek (USA) sowohl Riesenslalom als auch Slalom. Im «Riesen» erreichte sie einen 32. Rang, im Slalom schied sie im zweiten Lauf aus. Ihr grösster Erfolg im Weltcup feierte Gisin in der Kombination von Val d’Isère vor zwei Wochen mit dem 2. Rang. Hinzu kommen zehn Top-10-Plätze im Slalom und einer in der Abfahrt.

Gisin ist mit dem italienischen Riesenslalom-Spezialisten Luca De Aliprandini (26) liiert und stammt aus einer waschechten Skifamilie: Schwester Dominique (31) gelang in Sotschi 2014 der grosse Coup mit dem Abfahrtsolympiasieg. 2015 trat sie schliesslich zurück und begann ein Physikstudium an der ETH Zürich. Bruder Marc gehört zum Schweizer A-Kader. Der 28-jährige Speed-Spezialist leidet an den Spätfolgen eines schweren Sturzes im Super-G von Kitzbühel 2015. Die jetzige Saison brach er nach nur zwei Rennen (Super-G und Abfahrt in Val d’Isère) ab. Vater Beat und Mutter Bea Gisin betreiben im Dorfzentrum von Engelberg ein Sportgeschäft. (cza)


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