Der König und seine Untertanen

SKI ALPIN ⋅ Marcel Hirscher gewinnt den Weltcupriesenslalom von Adelboden trotz eines groben Fehlers im Zielhang. Die Schweizer verpassen am Chuenisbärgli zum sechsten Mal in Folge eine Klassierung unter den besten zehn.
07. Januar 2018, 08:16

Ives Bruggmann, Adelboden

Für ein paar wenige Sekunden war der Sieger des Riesenslaloms für sich alleine. Marcel Hirscher liess sich nach der Zieleinfahrt auf den Boden fallen und genoss die kurze Ruhe vor dem Sturm. Denn nach seinem sechsten Triumph am Chuenisbärgli, dem dritten im Riesenslalom, wartete auf den König von Adelboden der für ihn mittlerweile schon gewohnte Interview-Marathon.

Was er zuvor in den beiden Läufen gezeigt hatte, war zwar nicht das Beste, was man vom 28-jährigen Salzburger je gesehen hat. Dennoch unterstrichen die beiden Fahrten seine derzeitige Dominanz. Hirscher selbst sagte zu seinem zweiten Lauf: «Meine Zielhang-Fahrt war wohl die schlechteste in den vergangenen zehn Jahren.» Gleich bei der Einfahrt in den Schlussabschnitt verlor er kurzzeitig die Kontrolle. «Ich bin so ein ‹Wappler›, genau dort, wo ich keinen Fehler machen wollte, habe ich einen gemacht», sagte er. Und gerade deshalb, weil der Österreicher dennoch seinen 51. Weltcupsieg einfuhr, waren seine Kontrahenten ein wenig konsterniert. Der Norweger Henrik Kristoffersen, der sich in dieser Saison bereits zum sechsten Mal mit dem zweiten Platz abfinden musste, sagte: «Ich habe einen Fehler gemacht. Marcel hat einen noch grösseren Fehler gemacht und dennoch gewonnen.» Auch dem drittplatzierten Franzosen Alexis Pinturault gelang kein fehlerfreies Rennen. Der Vorjahressieger at­tackierte jedoch im zweiten Lauf mit vollem Risiko und nahm so den beiden vor sich rangierten Fahrern über eine halbe Sekunde ab.

Murisiers Ehrfurcht vor Hirscher

Am Dreikönigstag fuhren passenderweise die drei derzeit besten Techniker in einer anderen Liga, wobei Hirscher nochmals eine Stufe über Kristoffersen und Pinturault steht. In einem zweiten Lauf, der stark drehte, zeigte vor allem Hirscher, wer den schnellsten Schwung im ganzen Zirkus hat.

Wenn der Österreicher Hirscher der König von Adelboden ist, dann waren die Schweizer auch gestern wieder nur die Untertanen. Justin Murisier war mit Platz elf der beste Eidgenosse. Beinahe ehrfürchtig sprach er von Hirscher: «Er hat wieder einmal gezeigt, dass er eine Klasse besser ist als alle anderen. Er ist wohl der beste Skifahrer aller Zeiten.» Über seine eigene Leistung befand er selbstkritisch: «Nach so einem schlechten zweiten Lauf kann ich froh sein, dass ich überhaupt noch Elfter geworden bin.» Der Lauf habe stark gedreht, er habe deshalb nur schwer den Rhythmus gefunden, so Murisier. Nachdem der Walliser im ersten Durchgang noch auf Rang sechs gelegen hatte, verpasste er trotzdem noch das erste Schweizer Top-Ten-Ergebnis seit 2011, als Marc Berthod auf den siebten Platz fuhr.

Auch den weiteren Schweizern gelangen keine Exploits. Immerhin sicherte sich der Bündner Gino Caviezel mit Rang 13 und seinem zweiten Top-15-Platz im Riesenslalom das Olympia-­Ticket. «Ich habe zwei sehr gute Läufe gezeigt. Jedoch nur bis zum Zielhang», sagte Caviezel, der wie so viele im Schlussabschnitt die Idealspur nicht fand. Elia Zurbriggen wurde als 19. drittbester Schweizer und genoss die für ihn seltene mediale Aufmerksamkeit. Auch er vergab trotz ansprechender Leistung im Schlusshang eine noch bessere Klassierung. Loïc Meillard, die 21-jährige Schweizer Nachwuchshoffnung, zahlte im zweiten Durchgang Lehrgeld. Er nahm zu viel Risiko und verpasste deshalb bereits im Mittelabschnitt ein Tor. Im Vergleich zum vergangenen Jahr verbesserte sich die Mannschaftsleistung merklich, denn 2017 war Manuel Pleisch, der 23. wurde, der einzige Schweizer, der sich klassierte. Und dennoch bleibt der Riesenslalom weiterhin die Sorgendisziplin der Schweiz. Das hat Adelboden einmal mehr schonungslos aufgezeigt.

Aerni und Yule sind die Schweizer Trümpfe

Im Slalom von heute sind die Chancen auf ein Schweizer Top-Ergebnis deutlich besser. Vor allem Luca Aerni hat in dieser Saison nochmals einen Schritt nach vorne gemacht. Mit seinem zweiten Platz in Madonna di Campiglio fuhr er den ersten Schweizer Podestplatz in dieser Disziplin seit 2010 heraus. Zudem belegte der Kombinationsweltmeister noch die Ränge vier und fünf im laufenden Weltcup. Auch Daniel Yule ist im Slalom für eine Platzierung unter den besten zehn gut. Zweimal verpasste er in dieser Saison mit Platz vier das Podest jeweils nur denkbar knapp. Aerni und Yule starten mit den Nummern 10 und 12 ins heutige Rennen. Die Favoriten Hirscher und Kristoffersen als Fünfter und als Siebter. Der Vorjahressieger aus Norweger strebt dabei nach acht Podestplätzen seinen ersten Sieg an.

Hinweis

Das Skifest am Chuenisbärgli in Bildern auf Seite 36.


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