Ein Giswil-Ghanaer will nach Südkorea

SKI ALPIN ⋅ Carlos Mäder (38) will für Ghana bei den Winterspielen in Pyeongchang starten. Dafür benötigt er FIS-Punkte, Ausdauer im Umgang mit Ämtern – und 65 000 Franken.
06. Dezember 2017, 05:00

Claudio Zanini

claudio.zanini@luzernerzeitung.ch

Es ist Sommer 2017 als Carlos Mäder zum Telefon greift und die Nummer der ghanaischen Botschaft in Bern wählt. Am anderen Ende ertönt die Stimme einer älteren Dame, sie verbindet Mäder mit einem Assistenten des Konsuls. Ihm erzählt der Obwaldner, der Wurzeln im westafrikanischen Land hat, von seinem Vorhaben, an den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang für Ghana als Skifahrer an den Start zu gehen. Der Beamte scheint perplex und nicht so recht zu wissen, was er antworten soll. Also sagt er: «Aber es gibt gar keine Berge in Ghana.»

Einige Monate später: Wir sitzen in einem Restaurant in Luzern, Mäders Veston sitzt perfekt, er stochert mit dem Strohhalm in einem Eistee, redet ohne Punkt und Komma. Den ghanaischen Pass hat er mittlerweile. «Ich musste mir einen Rennanzug anfertigen lassen, heute kann ich ihn bei einer Firma in St. Gallen abholen.» Doch steigen wir am Anfang ein. Mäder holt aus: «Mit acht Monaten wurde ich adoptiert von einem Ehepaar aus Giswil. Den Kontakt zu meiner leiblichen Mutter in Ghana habe ich immer aufrechterhalten. Ich habe zwei Adoptiv-Geschwister in der Schweiz und eine grosse Familie in Ghana. Als ich 3 Jahre alt war, habe ich auf der Mörlialp Skifahren gelernt. Dann schloss ich mich dem Skiklub an, gehörte später auch zum Kader.» Mäder ist ein lebhafter Typ, «voll im Saft», wie er selbst sagt, aber trotzdem schon 38-jährig. Nebst dem Skifahren spielte er Fussball. Und das ziemlich erfolgreich. Bis in die U18-Auswahl des FC Luzern und die Innerschweizer Regionalauswahl schaffte er es, aus seinem Team gelang etwa Gerardo Seoane eine Karriere. Mäder sprang ab, machte die Berufsmatura, studierte Betriebsökonomie und «Marketing & Communications», arbeitete bei einer Softwarefirma, bei einem grösseren Telekom-Unternehmen und momentan als Freelancer im Multimedia-Bereich.

Eine Vergangenheit hat Mäder übrigens auch im Luzerner Nachtleben, er organisierte Partys und war DJ. Kurzum: Carlos Mäder ist einer dieser Menschen, die einem glaubhaft vermitteln können, dass es im Leben genau genommen keine Grenzen gibt.

Zwei Phantom- Funktionäre

Olympische Winterspiele sind nicht ganz gefeit von Jekami, denkt man sich, während Mäder von seinem Vorhaben erzählt. Tatsächlich sind die Hürden für Exoten aber relativ hoch (siehe Kasten). Es reicht längst nicht mehr, einfach im Stemmbogen den Hang hinunterzukurven. Ein wesentlicher Vorteil ist aber, dass sich die Athleten keinem verbandsinternen Ausscheidungsverfahren stellen müssen, denn Konkurrenz ist schlicht nicht vorhanden.

Doch wer in Carlos Mäder nur einen Spassvogel sieht, wird diesem Projekt nicht gerecht. Der Obwaldner wirkt seriöser als der bisher letzte ghanaische Skifahrer, Kwame Nkrumah-Acheampong, der sein Land bei Olympia in Vancouver 2010 vertrat und in Interviews mit seinem Übernamen «Schneeleopard» angesprochen werden wollte. Mäder sagt: «Ich will den Ghanaern zeigen, dass man alles erreichen kann. Ganz egal was es ist. Man muss es nur versuchen.» Würde er wider Erwarten die Qualifikation nicht schaffen, käme die Hälfte der übrig gebliebenen Sponsorengelder dem Hilfsprojekt «Hope for Ghana» zugute. Die andere Hälfte würde er in künftige Projekte investieren. Denn Mäder will nicht nur nach Südkorea, er will auch an die Ski-WM 2019 in Åre und die Winterspiele 2022 in Peking.

Doch vorerst benötigt er rund 65 000 Franken, auf finanzielle Unterstützung des eigenen Landes kann er nicht zählen. So manche Sponsoren holte er bereits ins Boot: Die Ausrüster Nordica, Uvex und Leki ziehen ebenso mit, wie die Jungfraubahnen oder ein Donatoren-Klub. Ebenfalls sammelt Mäder auf der Crowd-Funding-Plattform www.ibelieveinyou.ch. Von den dortigen Einnahmen gehen so oder so 10 Prozent an «Hope for Ghana».

Die weitaus mühsamere Aufgabe stellte der Papierkrieg dar, mit Personen, die nur auf dem Papier existieren. «Speziell war etwa, dass auf der Webseite der FIS zwei Funktionäre angegeben waren, die in Ghana für den Wintersport zuständig sein sollten. Doch diese beiden Personen waren nicht auffindbar.» Und bei Ghana Olympics, dem Nationalen Olympischen Komitee, hatte auch niemand eine Vorstellung, wer die beiden Wintersport-Fachmänner sein könnten. «Da darfst du gar nichts mehr überlegen, sondern einfach weitermachen, sonst verlierst du die Motivation.» Mäder meldete sich bei der FIS-Zentrale in Oberhofen am Thunersee. Dort konnte sein Problem zwar nicht gelöst werden, aber die FIS stellte den Kontakt zu Nkrumah-Acheampong, dem Schneeleoparden, her.

Autogramme auf dem Kaunertaler Gletscher

Irgendwann im Herbst war er im Besitz des ghanaischen Passes. Eine Punktlandung: Der Pass wurde am 8. Oktober ausgestellt, bis am 9. Oktober musste er auf der provisorischen Athletenliste für Pyeongchang gemeldet sein. Und vor zwei Wochen erfolgte die FIS-Registration – die entscheidenden Schritte hatte der «Schneeleopard» in die Wege geleitet.

Den letzten Schliff für Olympia holt sich Mäder mit dem Obwaldner Skiverband (OSV). Mit den 11- bis 14-jährigen Nachwuchsfahrern absolvierte er ein Trainingslager auf dem Kaunertaler Gletscher in Österreich. Die Teenager verlangten Autogramme von Mäder und machten Selfies. Er ist dort so was wie ein Star. «Ich bin echt froh, um diese Unterstützung des OSV», sagt er. Seine Disziplinen sind der Riesenslalom und der Slalom. Zirka zwölf FIS-Rennen wird er noch bestreiten vor den Wettkämpfen auf der olympischen Bühne. Die Platzierung wird dann sekundär sein, die Leute werden ohnehin von ihm reden – wohl auch auf der ghanaischen Botschaft in Bern.

Video: Carlos Mäder will an die Olympischen Spiele

Der Giswiler Carlos Mäder hat ein grosses Ziel: 2018 will er an den Olympischen Spielen für Ghana im Riesenslalom an der Start gehen. (Youtube, )




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