«Bernhard Russi ist eine Ikone»

SKI ALPIN ⋅ Marc Girardelli (54) begleitet als Experte neu die Männerskirennen auf SRF. Der gebürtige Österreicher, fünffacher Sieger des Gesamtweltcups, hofft auf starke Schweizer Leistungen – und verspricht, am TV auch mal zu schweigen.
11. November 2017, 04:40

Interview: Cyril Aregger

cyril.aregger@luzernerzeitung.ch

Marc Girardelli, morgen sind Sie erstmals als Co-Kommentator am Schweizer Fernsehen zu hören. Sie treten – zusammen mit Marc Ber­thod – die Nachfolge von Bernhard Russi an. Wie gross sind die Fussstapfen, die er hinterliess?

Gross. Bernhard Russi ist eine Ikone. Er hat sich einen hohen Status erarbeitet. Nicht nur durch seine sportlichen Leistungen, sondern auch durch seine Karriere danach. Trotzdem ist er immer bodenständig und natürlich geblieben.

Von Bernhard Russi haben Sie schon Vorschusslorbeeren erhalten. Er meinte «Girardelli braucht keine Eingewöhnungszeit. Er ist eine Saftwurzel.» Was meinte er damit?

Ich weiss es nicht. (lacht) Aber ich bin über all die Jahre immer eng mit dem Weltcup-Zirkus verbunden geblieben. Ich besuchte viele Events und schreibe Zeitungskolumnen über den Weltcup.

In Ihrer aktiven Karriere waren Sie einer der grössten Gegner der Schweizer Stars wie Pirmin Zurbriggen oder Peter Müller. Nun fiebern Sie am TV mit den Schweizern mit. Ein schwieriger Rollenwechsel?

Ich lebe seit 30 Jahren in der Schweiz – mehr als mein halbes Leben. Mein ­Lustenauer Dialekt ist auch nicht weit entfernt vom Schweizerdeutsch. Und ­zudem habe ich eine Schweizer Grossmutter. Ich bringe also gute Voraussetzungen mit ...

Wie werden Sie Ihre neue Arbeit angehen?

Mich interessiert das Sportliche. Wenn ein Schweizer gut fährt, dann sage ich das. Wenn er schlecht fährt, natürlich auch. Das gilt für alle anderen Rennfahrer ebenfalls. Die Zuschauer sollen meine objektive Meinung erhalten. Vielleicht werde ich da etwas direkter sein als Bernhard. Wichtig ist mir aber auch, dass ich mich kurz fasse. Der Zuschauer soll auch mal einige Sekunden einfach dem Skifahrer zuschauen können. Es heisst ja schliesslich auch Fernsehen – und nicht Fernhören.

Stichwort Arbeit: Neben Ihrem neuen TV-Job organisieren Sie Ski-Events, halten Vorträge, haben eine Ski-Bekleidungslinie, beraten bulgarische Skigebiete und den Skiverband, sind Markenbotschafter für eine Firma, die Geräte für die physikalische Gefässtherapie herstellt, Buchautor und Familienvater mit zwei Kindern. Wie bringen Sie das alles unter einen Hut?

Neben dem Schlaf habe ich pro Tag 18 Stunden zum Leben. Die nutze ich auch effizient. Musse ist für mich fast schon ein Fremdwort.

Ihr erstes Buch «Tödliche Abfahrt», das Sie zusammen mit Michaela Grünig verfasst haben, verkaufte sich gut. Bleibt Ihnen noch Zeit für ein weiteres Buch?

Es ist sogar schon geschrieben. «Mordsschnee» kommt Ende Monat in die Buchhandlungen. Mir macht diese Arbeit sehr viel Spass. Es ist eine intellektuelle Sache. Ich versuche, den Text so zu formulieren, dass die Leser auch zwischen den Zeilen etwas zu lesen haben. Ich will nicht alles auf dem Silbertablett servieren.

Co-Autorin Michaela Grünig schaltet sich mit einer Anekdote ins Gespräch ein: Im neuen Buch werde eine SRF-Moderatorin ermordet. «Die Szene haben wir geschrieben, bevor Marc die Co-Moderatorenstelle erhielt. Sicherheitshalber fragten wir bei SRF nach, ob man gegen die Szene Einwände habe», erzählt die deutsche Romanautorin, die in der Schweiz lebt. «Marcs Vorgesetzter meinte aber ganz trocken: ‹Ihr dürft umbringen, wen ihr wollt.›»

Mit Michaela Grünig besuchen Sie für die Buchrecherche auch Weltcup-Rennen. Nehmen Sie durch ihren Blick von aussen den Skizirkus anders wahr?

Es wird einem bewusst, wie stark man sich als Rennfahrer in einem Tunnel befindet. Man ist voll auf das Rennen fokussiert. Da kann es schon mal sein, dass man manchmal arrogant rüberkommt.

Wagen Sie einen Ausblick. Was ist von den Schweizern in der Olympia-Saison zu erwarten?

Der Start mit Carlo Jankas Kreuzbandriss war unglücklich. Aber vielleicht ist es nicht so schlimm. Kann er im Dezember wieder richtig trainieren, könnte er für Olympia in Topform sein. Und die Olympia-Abfahrt gewinnt Feuz vor Küng – es ist höchste Zeit, dass die Schweizer wieder aufstehen und die Österreicher ins Nirvana schicken ... Im Ernst: Wir brauchen diese Rivalität – das macht den Sport doch erst so richtig attraktiv.

Was braucht es, damit die Schweiz wieder auf Augenhöhe mit Österreich kämpfen kann?

Den Willen zum Risiko. Den Mut, auch einmal einen Ausfall hinzunehmen. Nur so sind Hirscher und Co. zu schlagen. Die Schweizer sind gar nicht so schlecht aufgestellt. Bei Österreichs Männern verdeckt Marcel Hirscher viel. Ohne ihn wäre Österreich schon jetzt ganz klein.

Die neue Saison bringt im Männer-Riesenslalom technische Veränderungen. So wird der Radius der Ski von 35 auf 30 Meter reduziert. Verändert das die Kräfteverhältnisse?

Es werden nicht plötzlich unbekannte Athleten auf dem Podium stehen. Aber die Umstellung wird dennoch hart.

Weshalb?

2012 hatte man den Radius von 27 auf 35 erweitert, weil viele Fahrer über Knieprobleme klagten. Mit dem 35er kamen dann aber die Rückenprobleme – zum Beispiel bei Carlo Janka. Ich fürchte, mit dem 30er werden wir nun beides haben ... Diese Probleme mit der Belastung kriegt man nicht mehr weg, die sind mit den taillierten Ski verbunden. Um so wichtiger ist die Vorbereitung: Je besser man trainiert ist, desto weniger Probleme wird man bekommen.

Hinweis

Marc Girardelli und Michaela Grünig ­waren am Donnerstag für eine Lesung im Rahmen der «Mordsabende» im Luzerner Restaurant 1871 zu Gast. Die kulinarischen Krimiabende, mitorganisiert von der Stadtbibliothek Luzern und der Hirschmatt-Buchhandlung, enden heute mit der Lesung des Luzerners Bruno Heini («Teufelssaat»). Weitere Infos: www.1871.


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