Jetzt schauen auch die Kameras hin

SKI ALPIN ⋅ In dieser Woche fuhr Nachwuchsfahrerin Carole Bissig (21) beim fünften Weltcup-Einsatz zum zweiten Mal in die Punkteränge. Übermässiges Lob will die Nidwaldnerin trotzdem nicht hören.
13. Januar 2018, 10:35

Claudio Zanini

claudio.zanini@luzernerzeitung.ch

Dass es hierzulande Talente im alpinen Skisport gibt, ist allein schon wegen unserer Topografie nicht anders möglich. Bis aber tatsächlich eines im Weltcup aufploppt, steht eine Ochsentour bevor. Carole Bissig aus Grafenort ist drauf und dran, diesen beschwerlichen Weg zu meistern. Am Dienstagabend beim Slalom in Flachau holte sie zum zweiten Mal hintereinander Weltcup-Punkte mit Rang 18. Zwei Tage zuvor erreichte sie bereits einen 17. Platz in Kranjska Gora. Das Erstaunliche: Bissig steht erst bei fünf Weltcup-Einsätzen.

Die Platzierungen sehen auf den ersten Blick nicht besonders glorreich aus, sind aber sehr wertvoll, denn damit rückt Bissig letztlich in der Weltcup-Startliste vor. Und wer weiter vorne startet, trifft bessere Bedingungen auf der Piste an – und hat letztlich bessere Chancen auf eine Top-Klassierung. Bissig sagt: «Bis du in den ersten 30 starten kannst, musst du drei-, viermal vorne reinfahren.» Für eine Athletin wie Bissig, die im Weltcup Fuss fassen will, kann das Ziel vorläufig nur sein, von den hohen Startnummern wegzukommen, um sich eine bessere Ausgangslage zu verschaffen.

Zwischenzeitlich in der Leaderbox

Fahrerinnen, die weit hinten starten, existieren auch nicht im Fernsehen. Denn die TV-Anstalten schalten weg, wenn die Nummer 55 runterfährt. Carole Bissig geriet nun auch in den Fokus der Kameras. Bei den Rennen in Slowenien und Österreich sass sie zwischenzeitlich in der Leaderbox, da sie im zweiten Durchgang jeweils die Führung übernahm, und winkte ein wenig ungläubig in die Kameras. «Das war wahnsinnig cool. Vor allem in Kranjska war ich extrem überrascht, als ich ins Ziel kam und meine Zeit grün aufleuchtete. Das war der Hammer. Du sitzt dort, hast gute Sicht auf einen Bildschirm und überlegst dir bei jeder Fahrerin: Wie ist sie in Form? Kann sie meine Zeit unterbieten?» Alles ist noch ein wenig neu für Bissig, ins­besondere das Drumherum. «Flach­au war sehr beeindruckend. Als ich am Start stand, hörte ich den Jubel des Publikums im Zielraum.» Der Charakter des Rennens in Österreich ist speziell, vom Ziel sehen die Zuschauer fast bis zum Starthaus – das Flutlicht tut sein Übriges. Die Atmosphäre beflügelte Bissig offensichtlich: Sie sorgte für die fünftschnellste Zeit des zweiten Durchgangs.

Trotz den beiden guten Ergebnissen und dem Lob aus dem Trainerteam verliert Bissig nicht den Sinn für die Realität. «Es ist super, dass ich diese Platzierungen geschafft habe. Dennoch mag ich nicht Komplimente hören à la ‹Du bist der Wahnsinn›. Im Spitzensport gibt es nichts anderes, als immer weiterzuarbeiten.» Bissig ist zwar erst 21-jährig, erstaunt aber mit ihrer Sachlichkeit. «Wir haben vor der Saison den Europacup als Priorität festgelegt. Daran ändert sich auch jetzt nichts.» So wird auch im weiteren Saisonverlauf die zweithöchste Stufe ihr täglich Brot sein.

Olympia-Selektion nur noch theoretisch möglich

Vor Olympia steht noch ein einziger Spezialslalom (in Lenzerheide) Ende Januar an, ihre Hoffnungen auf einen Einsatz dort sind berechtigt. Die Selektion für die Winterspiele (ein Top-7-Platz oder zweimal Top 15) wären für Bissig nur noch in der Theorie machbar. Zwar wurden immer wieder Athleten von Swiss-Ski für Grossanlässe nominiert, die streng genommen die Limiten nicht erreicht hatten. Doch in Bissigs Disziplin konnten sich bereits vier Athletinnen für Pyeongchang qualifizieren: Wendy Holdener, Michelle Gisin, Mélanie Meillard und Denise Feierabend belegen die vier Quotenplätze im Slalom.

Hinter den nominell besten vier stehen Carole Bissig oder auch die Urnerin Aline Danioth (19) im zweiten Glied. Danioth war in Flachau mit Platz 20 und in Lienz mit dem 19. Rang ebenfalls zweimal in den Punkte­rängen in dieser Saison. Die Dynamik im Team ist gross, das Leistungsklima stimmt. Es sind günstige Bedingungen für Nachwuchsleute wie Bissig und Da­nioth, um die nächsten Schritte zu machen.


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