Cuche: «An der Weltmeisterschaft kann es bum, bum, bum machen»

SKI ALPIN ⋅ Der frühere Spitzenfahrer Didier Cuche ist noch immer eng mit dem Skisport verbunden. Er spricht über die Schweizer Entwicklung, die bevorstehende Heim-WM und ein mögliches Amt im Internationalen Olympischen Komitee.

27. November 2016, 05:00

Didier Cuche, auch drei Jahre nach dem Rücktritt sind Sie immer noch ausgelastet fast wie in der Aktivzeit.

Das ist relativ. Ich bin nach wie vor mit dem Skisport eng verbunden und habe verschiedene Aktivitäten im Sport generell, sei es als Botschafter oder für Sponsoren. Dazu stehe ich im Einsatz für das regionale Leistungszentrum im Jura, alpin und nordisch. Und ich bin einer von fünf Partnern der Samm Management Group, die Sportlern einen umfassenden Service anbietet ...

... deren Dienste einige prominente Athleten in Anspruch nehmen.

Wir sind eine kleine Firma, aber sie läuft gut. Wir betreuen Athleten wie Nicola Spirig, Kariem Hussein, teilweise auch Marc Gisin und andere mandatsmässig.

Doch haben sich die Prioritäten wohl etwas verschoben. Vor einem Jahr sind Sie Vater geworden.

Es ist bereichernd, so etwas erleben zu dürfen. Man geniesst wunderschöne Momente, die zwar Energie kosten, aber positive Energie, die doppelt zurückkommt. Und es ist angenehm, den Zeitplan so gestalten zu können, dass man oft zu Hause sein kann. Aber jetzt kommt der Winter, in dem ich wieder viel unterwegs bin. Ich hoffe, da und dort Frau und Kind mitnehmen zu können.

Auch sportpolitisch sind Sie aktiv.

Im Sommer bin ich als Experte in die Task-Force 2026 berufen worden, die sich mit der Evaluierung und der Nominierung der Schweizer Kandidaten für die Olympischen Spiele 2026 befasst.

Nun doch noch olympische Aufgaben, nachdem Sie 2014 in Sotschi als Athletenvertreter die Wahl ins IOC um wenige Stimmen verfehlt haben?

Ich befinde mich in Warteposition. Der gewählte Biathlet Ole Einar Björndalen ist ausgestiegen, weil er weiterhin als Athlet aktiv ist und eingesehen hat, dass er die nötige Zeit für das IOC-Engagement nicht aufbringen kann. Am nächsten IOC-Kongress dürfte entschieden werden, wie Björndalen ersetzt wird.

Sie erhielten hinter Björndalen und der ehemaligen kanadischen Eishockeyspielerin Hayley Wickenheiser unter neun Kandidaten am drittmeisten Stimmen.

Ich wäre der Nächste. Ich hatte kurz Kontakt mit dem IOC. Man muss ohnehin 2017 abwarten. Björndalen ist für acht Jahre gewählt, das Restmandat würde dann noch fünf Jahre dauern. Ich übernähme das Amt gerne, aber es liegt nicht in meiner Hand. Doch glaube ich, in den vergangenen 20 Jahren das nötige Know-how erworben zu haben.

Auch in gemeinnützigen Organisationen sind Sie tätig.

Ich bin Botschafter für die «Passion Schneesport». Das ist eine Stiftung, initiiert von Urs Wietlisbach, dem Mitbegründer der Vermögensverwaltungs­gesellschaft Partners Group, die schon im ersten Jahr über 1 Million für den Nachwuchs generierte. Sie ist enorm wichtig, weil sie Eltern entlastet, deren Kinder sich sonst den Rennsport nicht leisten könnten. Schon viele Talente gingen verloren, weil der Aufwand pro Jahr schnell 20 000 bis 30 000 Franken betragen kann. Aus dem Gewinn meines Charity-Golfturniers, das ich in Les Bois veranstalte, spende ich die eine Hälfte dem jurassischen Regionalverband, die andere dem Projekt Smiling Gecko, das Kinder und arme Familien in Kambodscha nachhaltig unterstützt.

Der Skisport bleibt also zentral in Ihrem Leben.

Der Sport grundsätzlich und der Skisport im Besonderen liegen mir am Herzen. In diversen Bereichen kann ich etwas zurückgeben. Das macht Spass und gibt mir Befriedigung. Es ist vielseitig und spannend, aber manchmal schwierig, alles zu koordinieren.

Am ersten Saisonsieg durften Sie sich bereits mitfreuen. Ein paar Prozent zum Triumph von Lara Gut in Sölden trugen auch Sie bei.

Das ist nicht der Rede wert und lässt sich nicht in Prozenten ausdrücken. In diesem Jahr bin ich gar nicht zum Einsatz gekommen. Vor der letzten Saison nach Laras Wechsel von Rossignol zu Head konnte ich ihr sicher etwas helfen, damit sie mit den verschiedenen Materialeinstellungen ihren Weg gefunden hat.

Wie schätzen Sie die Perspektiven der Schweizer Nationalmannschaft generell ein?

Es hat schon mal gut angefangen. Die Jungen besitzen viel Potenzial – bei den Burschen und den Mädchen. Bei einem wie Marco Odermatt wusste ich, dass er einiges draufhat. Er ist technisch gut und frech – und macht auch bei Interviews einen gesunden Eindruck. Dass er so gut fährt, hat mich gleichwohl überrascht. Ich war schon drei-, viermal mit ihm Ski fahren, weil die Sieger des Beltrametti-Cups, den Odermatt wiederholt gewann, immer einen Skitag zugut haben. An diesem bin ich aufgrund meiner Partnerschaft mit Head jeweils dabei.

Es scheint im Team eine gesunde Dynamik entstanden zu sein.

Mit Justin Murisier, Carlo Janka, auch Gino Caviezel und Loïc Meillard wächst im Riesenslalom ein starkes Team heran. Und wenn im Speed-Bereich all diejenigen, die verletzt waren, wieder in Form kommen, sieht es auch dort gut aus. Bei den Frauen war ja schon im letzten Jahr der Trend sichtbar: mit Lara, Wendy Holdener und Fabienne Suter vorne, dann die Jungen – das war sensationell. Ich bin sehr zuversichtlich, aber ...

Aber?

Das gehört zum Thema «Passion Schneesport», das wir vorher gestreift haben. Wir haben Potenzial, aber die Basis ist noch fragil. Wenn einer oder zwei Topathleten verletzt sind, gibt es wenige, von denen man erwarten kann, dass sie fast in jedem Rennen aufs Podest fahren. Deshalb sind wir in diesem Entwicklungsprozess auch vom Glück abhängig. Ziel der «Passion Schneesport» ist, die Basis zu verbreitern.

Der Riesenslalom gilt gleichwohl als Sorgendisziplin. Der vorletzte Schweizer Sieger hiess Didier Cuche. Und von den letzten zwölf Podestplätzen gingen gehen sechs auf Ihr Konto. Warum tun sich Ihre Nachfolger so schwer?

Der Sprung in die Top 30 der Startliste ist das, was massgebend ist – und was sehr schwierig ist. Wenn einer wie Loïc Meillard mal in den ersten 30 startet, kann er in Kürze einen Satz machen in die Top Ten oder noch besser. Die Jungen carven ausgezeichnet und gehen ans Limit. Sie überschreiten es noch manchmal, aber das gehört zum Prozess.

Die WM 2017 findet im eigenen Land statt – ein Vor- oder ein Nachteil?

Es ist primär mal ein schönes Erlebnis für die Athleten. Aber es kann auch viel Druck auslösen. Man darf sich von den hohen Erwartungen nicht verrückt machen lassen. Ich bin überzeugt, jede und jeder freut sich auf die Heim-WM.

Die letzte WM lief nicht ganz nach Wunsch. Das Glück stand nicht auf Schweizer Seite. Und dieses spielt immer eine Rolle – in St. Moritz wegen des speziellen Schnees vielleicht noch ausgeprägter als anderswo.

Man muss alles für den Sieg tun, der Rest steht in den Sternen. Entweder ist man so souverän, dass man eine Marge besitzt wie Lara Gut in Sölden, wo sie in einer eigenen Liga fuhr. Sonst, wenn alles knapp ausgeht, wie es in letzter Zeit fast immer der Fall war, ist man abhängig von der «réussite» oder eben vom Glück.

Die unbeeinflussbaren Hinter­gründe sind der Öffentlichkeit oft nicht bewusst. Werden vorschnell unbarmherzige Urteile gefällt?

Ich glaube, dem Publikum werden solche Faktoren immer mehr bewusst. Ich habe für mich mal eine Kalkulation gemacht und den Trainingsaufwand berechnet. Pro Tag auf Schnee oder Gletscher trainiert man vielleicht eine knappe Viertelstunde in den Stangen. Aber für diese 12 bis 15 Minuten investiert man vier bis fünf Stunden.

Eine gewaltige Diskrepanz?

Was ich damit sagen will: Es ist ein enormer Aufwand für eine Saison mit insgesamt etwa 45 Minuten Rennzeit. Alles, was man sich im Sommer und im Herbst erarbeitet hat, muss man im Winter in zwei Minuten abrufen können – und dann entscheiden letztlich Zehntel und Hundertstel. Das vergessen die Leute manchmal. Aber das ist Spitzensport, nur das Resultat zählt.

Wie viele Medaillen erwarten Sie in St. Moritz?

Es kann passieren, dass die Schweizer Fahrer ihr Optimum abrufen und trotzdem leer ausgehen, weil an diesem einen Tag ein paar andere besser sind. Wenn man den Weltcup-Final als Vergleich heranzieht, darf man zuversichtlich sein. Beat Feuz gewann zweimal souverän und hat zwei reelle Medaillenchancen. Lara Gut bieten sich wahrscheinlich mehrere Möglichkeiten. Ich will jetzt nicht alle aufzählen, damit ich niemand vergesse. Aber die Schweizerinnen und Schweizer, auch die Jungen, sind heiss. Es braucht, wenn das Vertrauen da ist, manchmal wenig, und es kann bum, bum, bum machen.

Interview: Richard Hegglin


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