Für Fabienne Suter zählt nur die Gegenwart

SKI ALPIN ⋅ Vor einem Jahr hat Fabienne Suter (31) mit dem 2. Platz in der Abfahrt in Lake Louise eine ihrer bisher erfolgreichsten Saisons eingeläutet. Heute ist die Ausgangslage in Kanada nicht optimal. Dennoch bleibt die Schwyzer Speedspezialistin optimistisch.

02. Dezember 2016, 05:00

Fabienne Suter fühlt sich wohl in Nordamerika. «Ja, es gefällt mir hier», sagt sie am Telefon. Seit zwei Wochen weilt sie mit den Schweizer Speed-Frauen in Übersee. Zuerst trainierte das Team in Copper Mountain in Colorado, bevor sie weiterzogen nach Calgary und ins kanadische Lake Louise, wo heute die erste Abfahrt des Winters ausgetragen wird. Hier hat Suter vor einem Jahr den Grundstein für ihre «beste Saison seit langem» gelegt, mit Rang 2 in der Abfahrt. Vier weitere 2. Plätze folgten im Verlaufe des Winters. Ende Saison klassierte sich Suter direkt hinter Lindsey Vonn an zweiter Stelle im Abfahrtsweltcup. Suter sagt: «Das sind schöne Erinnerungen. Aber es zählt nur die Gegenwart. Speziell, wenn man nicht genau weiss, wo man steht.»

Tatsächlich sind die Vorzeichen anders als noch im Vorjahr. Vor einem Monat hat sich die 31-jährige Schwyzerin bei einem Trainingssturz in Saas-Fee das Innenband im rechten Knie gezerrt. Mittlerweile ist die Entzündung abgeklungen, Suter kann wieder schmerzfrei trainieren. Die Schwyzerin betont aber, dass sie noch nicht bei 100 Prozent angelangt sei. «Jetzt geht es darum, das Vertrauen ins Knie wieder aufzubauen. Die Stabilität muss noch besser werden.» Hans Flatscher, Cheftrainer der Schweizer Frauen, ist derweil überzeugt: «Fabienne wird bald zu alter Stärke zurückfinden.»

Die letzte Saison hat gezeigt, wie wichtig ein erfolgreicher Start ist. «Wenn man gleich zu Beginn auf das Podest fährt, macht das mental vieles einfacher», erklärt Suter. Neben der geistigen und körperlichen Fitness war auch die Materialumstellung ausschlaggebend für ihren Erfolg. Nach einer ersten Saison der Angewöhnungszeit hat sich der Wechsel zu Dynastar ausbezahlt. Die neuen Ski passen. Positiv wertet die vierfache Weltcupsiegerin (einmal Abfahrt, dreimal Super-G) auch, dass sie keinen Riesenslalom mehr fährt. «Damit fällt eine Zusatzbelastung weg.»

Fabienne Suter will nun an die Erfolge des letzten Winters anknüpfen. Trotz des kleinen Verletzungsrückschlags ist sie zuversichtlich. Auf Prognosen will sie sich allerdings nicht einlassen. «Alles fängt bei null an. Ich muss Rennen für Rennen nehmen, mein Bestes geben und schauen, was dabei rauskommt.»

Teamleaderin dosiert ihre Ratschläge

Schritt für Schritt lautet also die Devise. An die Heim-Weltmeisterschaft im Februar in St. Moritz mag Suter noch gar nicht denken. «Natürlich finde ich es schön, dass ich das erleben darf.» Doch grundsätzlich sind ihr Saisons ohne Grossanlässe lieber, weil es im Team ruhiger zu- und hergehe. «Vor einer WM oder Olympischen Spielen sind die Anspannung und der Konkurrenzgedanke jeweils spürbar, da jeweils nur vier Athletinnen die Qualifikation schaffen. Es wird nur noch darüber gesprochen. Aber ich finde, jeder Erfolg an einem Weltcup-Rennen ist für sich sehr wertvoll.»

Momentan, betont die Skirennfahrerin aus Sattel, sei die Atmosphäre im Team sehr gut. Mit ihren 31 Jahren – ihren ersten Weltcup-Einsatz hatte sie im Dezember 2002 – ist sie die erfahrenste Athletin im Kader der Nationalmannschaft. Wenn jüngere Fahrerinnen sie mit Anliegen oder Fragen kontaktieren, hilft sie gerne. Aber es ist nicht so, dass Suter mit Ratschlägen um sich wirft. «Jede Fahrerin soll selber ihren Weg finden und es so machen, wie es für sie stimmt.» Zudem befänden sich mit Lara Gut und der Liechtensteinerin Tina Weirather, die mit den Schweizerinnen trainiert, noch weitere routinierte Weltcup-Athletinnen im Team.

Mit der Erfahrung hat Suter eine gewisse Gelassenheit erlangt, eine Art innere Ruhe. «Vor allem wenn es gut läuft, kann ich besser damit umgehen als früher. Ich lasse mich von Erfolgen und Misserfolgen nicht mehr verrückt machen.» Tatsache ist auch, dass mit jeder Saison das Karriereende näher rückt. Wie schon 2015 hat Suter im Sommer als Guide im Seilpark Rigi in Küssnacht gearbeitet. Die Abwechslung tut ihr gut, sie kann sich vorstellen, auch nach ihrer Ski-Laufbahn dort tätig zu sein. Doch einen Rücktrittstermin gibt es vorderhand nicht, Suter lässt sich alle Optionen offen. «Ich muss auf meinen Körper achten und sehen, wie es läuft.» Noch ist Fabienne Suter hungrig auf Erfolge auf der Rennpiste. Sie sagt: «Mein Ehrgeiz ist nach wie vor vorhanden.»

Sven Aregger

Flatscher: «Fahrerinnen sind bereit»

Schweizer Team Die Rennen der Männer in Lake Louise waren mangels Schnee abgesagt worden. Doch der Speed-Auftakt der Frauen mit zwei Abfahrten und einem Super-G kann dank tieferen Temperaturen in den kanadischen Rocky Mountains stattfinden. Hans Flatscher, der Cheftrainer des Schweizer Frauen-Teams, ist optimistisch:  «Wir haben qualitativ gut trainiert. Die Speed-Fahrerinnen sind bereit.» 

Kein Wahrsager muss sein, wer aus Schweizer Sicht neben Fabienne Suter der Tessinerin Lara Gut in den kommenden Tagen am meisten zutraut. Die 25-Jährige hat in Lake Louise schon zweimal den Super-G gewonnen. Letzte Saison resultierten in den drei Rennen in Kanada je ein 6., 7. und 8. Rang. Ihr schnelles Ausscheiden zuletzt im Riesenslalom in Killington gilt es für Flatscher «abzuhaken». 

Dünne Personaldecke

Neben den Teamleaderinnen Gut und Suter sind nur vier weitere Schweizer Fahrerinnen nach Lake Louise angereist: die Schwyzerin Corinne Suter, Joana Hählen, Priska Nufer und die Engelbergerin Denise Feierabend. «Beatrice Scalvedi und Jasmine Flury fehlen verletzungsbedingt. «Weitere Speed-Fahrerinnen, die in dieser Saison in den Weltcup aufrücken könnten, sehe ich derzeit nicht», so Flatscher. Er sagt weiter, dass die letztjährige Swiss-Ski-Aufsteigerin Corinne Suter «im technischen Bereich einen weiteren Schritt vorwärts gemacht hat. Sie wird das in diesem Winter auch sicher zeigen, doch vielleicht noch nicht in Lake Louise.» Für die anderen drei Fahrerinnen gelte es, möglichst regelmässig die Top 20 anzustreben.

Die Ausgangslage im Kampf um den Sieg präsentiert sich für die Rennen in Lake Louise viel offener als in früheren Jahren. Mit Lindsey Vonn fehlt die grosse Dominatorin, die auf dieser Strecke 14 Abfahrten und vier Super-G für sich entscheiden konnte. Die 32-jährige Amerikanerin hat sich vor drei Wochen einen Oberarm gebrochen. Ihr Comeback wird für Januar erwartet.

(sda)


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