Die Dramen in «Val Misère»

SKI ALPIN ⋅ Die Rückkehr auf die O.K.-Abfahrtspiste in Val d’Isère nach neunjähriger Pause weckt Erinnerungen an tragische Ereignisse und sportliche Debakel.

30. November 2016, 06:56

Richard Hegglin

sport@luzernerzeitung.ch

Die monotone Musik des Lautsprechers wummert einem heute noch in den Ohren, wenn man sich an die beinahe endlose Zeit erinnert, während der man hilflos im Abfahrtsziel stand und auf Nachrichten wartete. Man wusste nur: Silvano Beltrametti war schwer gestürzt. Sehr schwer. Dann begann sein Manager Giusep Fry zu weinen, nachdem er als Erster eine Information erhalten hatte. Niemand sprach. Die nonverbale Kommunikation war emotional genug.

Alles war so unwirklich, auch als nach über einer Stunde der Helikopter mit dem heute querschnittgelähmten Rennfahrer zwischenlandete und die Rotorenblätter die psychedelische Musik übertönten. Aber es ist irgendwie typisch Val d’Isère. Oder typisch «Piste O.K.» Die Strecke vom Bellevarde-Gipfel zum Val-d’Isère-Vorort La Daille, die nach den berühmtesten Söhnen des Ortes, dem zweifachen Olympiasieger Henri Oreiller und dem dreifachen Olympiasieger Jean-Claude Killy, benannt ist, gilt als eher leicht. Trotzdem sind schon fast alle Grossen des Skisports dort einmal gestürzt.

Collombin zweimal im Paraplegiker-Zentrum

Das berühmteste Sturzopfer ist Roland Collombin, der als erster Schweizer im selben Jahr Wengen und Kitzbühel gewann. In der Abfahrt 1974 verliert er bei einer Bodenwelle im Startabschnitt das Gleichgewicht und hebt ab. Nach einem 30-m-Flug landet «La Colombe» (die Taube) auf dem Rücken – und ein paar Stunden später im Paraplegiker-Zentrum, das damals noch nicht in Nottwil, sondern in Basel beheimatet war.

Collombin hat Glück und kann nach mehrmonatigem Aufenthalt das Training wieder aufnehmen. Im Dezember 1975 gibt er sein Comeback. Und stürzt wieder. An der genau gleichen Stelle wie vor einem Jahr, wo sonst kein anderer zu Boden ging. Wieder muss er ins Paraplegiker-Zentrum, wieder hat er Glück, aber die Karriere des Haudegens aus dem Val de Bagnes (8 Weltcup-Siege) ist vorbei. Die nach ihm benannte «Bosse à Collombin» wird nivelliert.

Die Flaggen stehen auf halbmast

Die Flaggen standen aber bereits auf halbmast. Zwei Tage vorher war der 19-jährige Michel Dujon, Frankreichs grösstes Talent, in einen Skiliftmasten geprallt und hatte sich tödliche Kopfverletzungen zugezogen. Im jugendlichen Leichtsinn machte er Gleittests auf dem Trassee eines Skilifts und verkantete.

Ein schwerer Fluch liegt über die Piste O.K., deren Namensgeber Gino Oreiller ebenfalls ein tragisches Schicksal erlitt: Er verunglückte, 37-jährig, bei einem Autorennen in Montlhéry tödlich. Als ob dem nicht schon genug wäre: Ein Jahr nach den Unfällen von Collombin und Dujon brennt im Pressesaal auf dem Pult eines italienischen Journalisten eine Kerze. Er hatte erstmals seinen zehnjährigen Sohn an ein Rennen mitgenommen und war über Mittag mit ihm Skifahren gegangen. Er kehrte nicht mehr zurück. Eine Lawine hatte die beiden erfasst. So wurde aus Val d’Isère das Val Misère.

Da wurden auch die Resultate der Rennen sekundär, zumal sie, aus Optik der Schweizer Abfahrer, oft wenig berauschend waren. Mit Ausnahme der goldenen Zeiten zwischen 1983 und 1988, als Pirmin Zurbriggen (2x), Franz Heinzer, Daniel Mahrer und Conradin Cathomen fünf von sechs Abfahrten gewannen, stand nie mehr einer zuoberst auf dem Podest. Und seit 1991 in einem Dutzend Rennen gar keiner mehr.

Deshalb war niemand unglücklich, als 2007 die Abfahrt von Val d’Isère aus dem Kalender gestrichen wurde, weil es den Athleten nicht mehr zumutbar war, 24 Stunden nach der Rückkehr aus den USA im Jetlag bereits wieder mit über 100 km/h über die Piste zu brettern. Olympia- und WM-Abfahrten fanden auf der andern, steileren Seite des Berges statt.

Als Ersatz für die ausgefallenen Rennen in Lake Louise (Ka) kehrt der Weltcup-Tross erstmals seit 2007 auf die O.K.-Piste zurück, wo Pierre-Emmanuel Dalcin der letzte Sieger war. Und Bruno Kernen war als Neunter Bester des Schweizer Teams, von denen heute keiner mehr als alpiner Rennfahrer dabei ist.

Es gibt auch positive Schweizer Schlagzeilen

Aber um nicht nur schwarz zu malen: Val d’Isère hat auch ein anderes Gesicht und lieferte, aus Schweizer Sicht, auch positive Schlagzeilen. Im ersten Super-G der Geschichte feierten Peter Müller, Peter Lüscher, Pirmin Zurbriggen, Franz Heinzer und Thomas Bürgler 1982 einen fünffachen Triumph – Rekord bis heute. Und 1990 schaffte Steve Locher eine Sensation, als er mit der Nummer 46 den Super-G gewann. Wie überhaupt die Piste O.K. es mit Fahrern aus hinteren Regionen gut meint. Nirgends gab es so viele Abfahrtssiege mit hohen Nummern, wie Pepi Strobl 1994 (Nr. 61), Reinhard Tritscher 1992 (Nr. 45) oder Fritz Strobl 1996 (Nr. 43).

Wenn das für die jungen Schweizer kein Ansporn ist ...

Freitag, 2. Dezember, 11.00:Super-G Männer in Val d’Isère. – Samstag, 3. Dezember, 11.00: Abfahrt Männer in Val d’Isère. – Sonntag, 4. Dezember, 10.00: Riesenslalom Männer, 1. Lauf. – 13.00: 2. Lauf.


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