Der nächste Flug ins Ungewisse

SKISPRINGEN ⋅ Simon Ammann startet heute in seine 21. Weltcupsaison. Nach zwei schwachen Wintern will der 36-Jährige im Olympiajahr den Anschluss an die Spitze wieder finden.
18. November 2017, 10:36

Ralf Streule

Wie fit ist Simon Ammann? Der Toggenburger ist nicht dafür bekannt, auf einfache Fragen die nächstbeste Antwort aufzutischen. Er, der in Kloten kurz vor seinem Flug nach Polen zum Weltcupstart in Wisla zum Gespräch lud, stellte selbst eine Frage: «Auf welcher Skala?» Vom Journalisten wird der nächstbeste Vorschlag genannt: «Von eins bis zehn.» Ammann: «Da gebe ich mir eine Vier.» Auf die erstaunten Blicke der Medienleute lacht er: «Ich wollte nur eure Reaktion sehen. Nein. Sagen wir, mein Gefühl gibt mir eine Acht. Realistisch zum Saisonstart ist vielleicht eine Sechs.»

Das Spielerische, das Ammann seit Beginn seiner Karriere umgibt, ist ihm auch in seiner 21. Saison nicht abhandengekommen. Etwas anderes aber spiegelt sich ebenso in Ammanns Reaktion: Die Ungewissheit nämlich, die bei Skispringern zum Saisonbeginn stets mitschwingt, bei Ammann nach zwei verpatzten Wintern aber besonders gross ist. «Die Basis ist besser als vor einem Jahr», sagt er.

Das gute Gefühl kam im Spätwinter zurück

Ammann ist keiner, der zu grosse Hoffnungen wecken will. Und keiner, der tiefstapelt. Einer aber, der für Überraschungen gut ist. Überraschend für viele ist, dass er als 36-Jähriger überhaupt noch mittut im Spitzensport. Bereits vor dreieinhalb Jahren, nach den Olympischen Spielen in Sotschi, rechneten einige mit dem Rücktritt – was er damals schnell ausräumte. Und in den vergangenen beiden Saisons, als so vieles schieflief, als er an seiner umgestellten Telemarklandung kränkelte, schien das Ende ebenso absehbar. Ein Wendepunkt war seine Leistung in der vergangenen Saison beim Skifliegen in Vikersund, als er im März fast eine Weltrekordweite flog und dabei auf den letzten 70 Metern «mit Bremsklappen» unterwegs war, wie er sagt. «Ich merkte: Der Flug hat sich wieder stabilisiert. So kannst du vor einer Olympia­saison doch nicht aufhören.»

Ammann fügt zudem an, dass er körperlich den ganzen Sommer über in guter Verfassung war. «Ich habe nie abreissen lassen. Das war in den vergangenen ­Jahren anders.» Seine Hart­näckigkeit scheint sich auszuzahlen. Denn die Resultate in den Sommerspringen lassen einen stärkeren Auftritt in diesem Winter erwarten. Besonders die guten Haltungsnoten, die ihm zuletzt in Klingenthal den sechsten Platz einbrachten, lassen hoffen.

Eine Annäherung an die Spitze sei zunächst das Ziel in dieser Saison, mittelfristig sollen es Top-Ten-Plätze sein. Wobei er dem Auftakt in Polen nicht zu viel Gewicht beimessen will – die Schanze in Wisla liege ihm nicht besonders. Die Landung, so ist aus dem Trainerteam um Ronny Hornschuh zu hören, habe sich stabilisiert – der Ausfallschritt soll etwas grösser geworden sein, was ihm mehr Stabilität verleiht. «Ein normaler Sprung lässt sich mittlerweile normal landen», sagt Ammann. Was bereits ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung sei. Was nun im Training noch gefehlt habe, sei eine genügende Anzahl ausgereifter Sprünge mit grosser Weite. Ammann vergleicht seinen Zustand mit einem Dampfer, der Fahrt aufgenommen hat und den er nun langsam beschleunigen will. «Vor einem Jahr war ich ein klappriger Bus. Wenn ich Gas gab, wurde er lauter, aber nicht schneller.»

Küttel als Kritiker und fundierter Ratgeber

Wohin die Fahrt führt, ist für Ammann selber noch offen. Olympia ist natürlich ein grosses Ziel – es wären seine sechsten olympischen Wettkämpfe. Im Sommer konnte er in Pyeongchang, wo er mit Hornschuh eine Woche lang weilte, auf der Normalschanze 30 Sprünge absolvieren. Auf einer Schanze, die ihn an Vancouver erinnere, wo er vor acht Jahren zum zweiten Mal Doppelolympiasieger geworden war, auch dank einer Innovation: dem gekrümmten Bindungsstab. Ob er für die Spiele 2018 wieder einen Trumpf in der Hand hat, die Rede war zuletzt von einem Spezialschuh, verrät er nicht. Weil er nichts verraten will? Oder weil es nichts zu verraten gibt? Simon Ammann lässt sich nichts ent­locken.

Eine Änderung auf die Olympiasaison hin ergab sich im Schweizer Team mit dem Zuzug von Andreas Küttel, dem Weltmeister von 2009 auf der Grossschanze. Der 38-jährige Schwyzer ist ein Freund Ammanns, bringt viel Erfahrung mit und dank seiner sportwissenschaftlichen Ausbildung das nötige Know-how. Ammann sieht Küttel nicht in erster Linie als seinen Mentor. Vielmehr sei er wichtig für die Dynamik im ganzen Team. Die Inputs Küttels auch an die Jungen seien sehr fundiert. Und dies entlaste auch ihn, der als Teamleder zuletzt zu stark mit eigenen Umstellungen beschäftigt war. Küttel war es auch, der vergangene Saison sagte, Ammann verzettle sich. Ein Input, den er ernst nehme, sagt Ammann. Was das Priorisieren angehe, müsse er aber seinen Weg gehen. Ammann ist zweifacher Familienvater, Besitzer eines Dachdeckergeschäfts im Toggenburg, Teilhaber einer Sportmarketingfirma, er macht die Ausbildung zum Linienpiloten und ist Verwaltungsrat der Toggenburger Bergbahnen.

Viel, das wisse er. Gerne würde er überall mehr anpacken. Die Aufgaben bereicherten sich aber auch gegenseitig. Dass er als Vater im Winter wenig zu Hause sei, beschäftige ihn schon. «Ende Saison zieht es sich sehr lange hin.» Und: «Natürlich wäre es schade, wenn mein dreijähriger Sohn in diesem Winter ohne mich die ersten Schwünge im Schnee machen würde.»

Ob Ammann trotz der Belastung auch nach der Olympiasaison weitermacht, will er von seinen Leistungen abhängig machen. Und vom Fluggefühl. Auch wenn es in Onlineforen vielleicht Leute gebe, die ihm den Rücktritt empfehlen: «Ich weiss, dass es auch jene gibt, die sich freuen, wenn ich weitermache.»


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