Zentralschweizer Jungfirma Yamo wagt die Brei-Revolution

START-UP ⋅ Yamo will den Markt für Babybrei aufmischen. Die Zentralschweizer Jungfirma hat dafür einen neuartigen Ansatz entwickelt. Doch dieser hat seine Tücken.
15. Dezember 2016, 05:00

Alles begann mit einem veganen Monat. Tobias Gunzenhauser (29) und Luca Michas (30), beide beim Likörhersteller Campari in Baar beschäftigt, wollten im Herbst 2015 etwas Neues ausprobieren. Sie wollten am eigenen Leib erfahren, wie es ist, sich einen Monat lang ausschliesslich vegan zu ernähren.

«Wir mussten dabei genau auf die Inhaltsstoffe auf den Verpackungen achten, tierische Produkte sind ja nicht erlaubt», erzählt Gunzenhauser. So schärfte sich sein Blick. Eines Tages kam er an einem Regal mit Babynahrung vorbei. «Aus Neugier las ich die Etikette – und erschrak dabei, weil Zucker, Salz und diverse andere Inhaltsstoffe drin waren, die meiner Meinung nach nichts in einem Babybrei zu suchen haben.» Zu diesem Zeitpunkt konnte Gunzenhauser nicht ahnen, dass er kein Jahr später mit seiner Yamo AG den ersten Zentralschweizer Start-up-Preis gewinnen würde.

Verfahren aus den 30er-Jahren

Gunzenhauser hat Betriebswirtschaft an der Hochschule Luzern studiert; von Ernährung hatte er bis vor kurzem wenig Ahnung. Michas hat Publizistik studiert. Die beiden suchten nach dem Aha-Erlebnis vor dem Babybrei-Regal deshalb Rat bei José Amado-Blanco (28), der im Herbst 2015 in den letzten Zügen seines Studiums der Lebensmittelwissenschaften war. «Es ist halt so: Die grossen Nahrungsmittelhersteller wollen, dass ihr Babybrei monatelang ungekühlt haltbar ist. Deshalb wird er mit Hitze sterilisiert», belehrte er seine beiden Freunde.

Babybrei wird heute in der Regel so fabriziert: Der Inhalt wird auf 120 Grad erhitzt und sterilisiert. Weil dabei sämtliche Vitamine und Nährstoffe verloren gehen, werden diese danach künstlich wieder hinzugefügt. Ein Nebeneffekt der Erhitzung ist, dass die hohe Temperatur auch die natürliche Farbe zerstört. Die Folge: ein bräunlicher Brei. «Dieses Verfahren wird seit den 30er-Jahren für Babybrei angewendet, und daran hat sich bis heute nichts geändert», sagt Amado-Blanco, der diesen Sommer seinen Abschluss gemacht hat.

Die drei jungen Männer, alle kinderlos, sahen also eine Marktlücke. Es müsste doch möglich sein, einen natürlichen, biologischen Babybrei ohne Zusatzstoffe herzustellen. Gunzenhauser und Michas kündigten bei Campari, um zusammen mit Amado-Blanco ihre Geschäftsidee auf die Probe zu stellen. Das Ziel: bis zum Sommer 2016 die Markttauglichkeit testen. Und prompt schafften es die Drei am Start-up-Wettbewerb «Venture» der beiden ETH mit ihrer Geschäftsidee unter die ersten 25 von insgesamt 140 Teams. «Das hat uns bestärkt», erinnert sich Gunzenhauser. Das zweite Erfolgserlebnis war das positive Feedback von Eltern. «Praktisch alle Eltern, die wir befragten, bestärkten uns darin», sagt Michas. Mit Unterstützung der Hochschule Luzern gründeten die drei im Sommer 2016 die Yamo AG mit Sitz in Luzern. Der Name setzt sich aus dem kindlichen yam yam und Amor, also Liebe, zusammen. Wenige Wochen nach der Gründung gewann Yamo den Hauptpreis am ersten Zentralschweizer Start-up-Tag. Weil Amado-Blanco und Michas in Zürich wohnen, Gunzenhauser aber in Luzern, haben sie den Firmensitz vor wenigen Wochen nach Zug verlegt.

Crowdfunding ist geplant

Wie aber unterscheidet sich der Yamo-Brei von den anderen? Zunächst einmal produziert die Firma aus regionalen Früchten und Gemüse normalen Biobrei ohne Zusatzstoffe. Um Bakterien und Keime zu entfernen, wird der Babybrei aber nicht wie üblich erhitzt, sondern mittels Hochdruckpasteurisierung bearbeitet. Dieses High Pressure Processing (HPP) genannte Verfahren wird in der Lebensmittelindustrie seit einigen Jahren zum Beispiel für die Entkeimung von Fruchtsäften angewendet. Und so geht es: Das fertige Produkt kommt in die Endverpackung und wird danach in eine Art übergrosse Badewanne getaucht. Jetzt wird hoher Druck aufgebaut – sechsmal so viel, wie am Grund des Marianengrabens herrscht. Nach drei Minuten ist der Spass vorbei. «Der grosse Unterschied zum Erhitzen ist, dass Vitamine, Geschmack und Farbe bestehen bleiben», sagt Amado-Blanco. Das Verfahren hat in Kontinentaleuropa noch niemand für Brei verwendet, sagen die Jungunternehmer. Schweizweit gibt es nur eine einzige HPP-Anlage, welche die Yamo AG derzeit nutzen darf.

Allerdings steht das Start-up vor nicht unerheblichen logistischen Herausforderungen. Der Brei ist nur einen Monat lang haltbar und muss gekühlt aufbewahrt werden. Das sind zwei Gründe, weshalb Nahrungsmittelmultis bislang die Finger von diesem Verfahren liessen. Die Konzerne setzen lieber auf lange Haltbarkeit. «Die grossen Hersteller haben ihre Logistik der traditionellen Produktion entlang aufgebaut, wir hingegen können auf der grünen Wiese starten», dreht Michas diesen vermeintlichen Nachteil in einen Vorteil. Doch das ist einfacher gesagt, als getan. «Die Logistik ist sicher eine Knacknuss», sagt Gunzenhauser.

Ausserdem fehlt Yamo noch eine endgültige Verpackung. Diese benötigt für das HPP-Verfahren spezielle Eigenschaften. «Um das Geld für die Produktion zu sammeln, starten wir im März eine Crowdfunding-Kampagne», sagt Mitgründer Michas. Ziel ist es, mindestens 50 000 Franken einzusammeln. Geplant ist, dass Yamo die Verpackung von einer Luzerner Firma herstellen lässt.

Die Jungunternehmer geben sich zuversichtlich, die Hürden meistern zu können. Schliesslich denken sie langfristig. Danach gefragt, wo Yamo in fünf Jahren stehen wird, sagt Gunzenhauser: «Dann sind wir hoffentlich europaweit tätig.» Ein erster Schritt ist schon in Planung: Nächstes Jahr will Yamo nach Deutschland expandieren.
 

Mundpropaganda und ein Webshop

Yamo kann als kleines Start-up nicht von den bewährten Vertriebskanälen in der Lebensmittelbranche profitieren. Die Jungfirma will ihren Babybrei deshalb direkt vertreiben. «Im April geht unser Webshop online», sagt Mitgründer Tobias Gunzenhauser. Entwickelt wird der Onlineshop von der Luzerner Firma Pixels Kingdom. Weil der Brei gekühlt aufbewahrt werden muss, wird er in rezyklierter Schafswolle und in Kühlelementen verpackt und so verschickt.

Derzeit bietet Yamo sieben Sorten an: Birne pur; Rüebli pur; Apfel, Dinkel; Rüebli, Zucchetti, Haferflocken; Mango, Banane, Apfel; Banane, Broccoli, Kale; Randen, Birne, Linsen. 120 Gramm kosten 3 bis 3.90 Franken.

Ziel sei es, mit Mundpropaganda und über Social Media Kundschaft zu gewinnen. Ausserdem gehen die Jungunternehmer auch Kindertagesstätten und Elternzentren an. «Hier ist das Bedürfnis nach gesundem Babybrei besonders gross», sagt Mitgründer Tobias Gunzenhauser.

Maurizio Minetti
maurizio.minetti@luzernerzeitung.ch


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