50 Jahre Frauenstimmrecht
Saskia Misteli: «Muttersein ist eine ganz wichtige Arbeit für die Gesellschaft»

Vor 50 Jahren wurde das Frauenstimmrecht eingeführt, die Frauenzentrale Aargau feiert ihr 100-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass stellt die AZ unter dem Titel «Frauenstimmen» jeden Montag eine Frau aus dem Aargau vor. Heute Saskia Misteli.

Kristin T. Schnider
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Saskia Misteli ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der kantonalen Fachstelle Alter und Familie.

Saskia Misteli ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der kantonalen Fachstelle Alter und Familie.

Iris Krebs

Saskia Misteli, Jahrgang 1987, erwartet die Geburt ihres zweiten Kindes «jeden Moment», wie sie sagt. Ihr erstes Kind ist zwei Jahre alt. Misteli ist im Departement Gesundheit und Soziales des Kantons Aargau als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Fachstelle Alter und Familie tätig. Auf die Frage, wofür sie ihre Stimme erheben würde, antwortet sie spontan: «Für die Wertschätzung von Care-Arbeit», und zitiert die Wirtschaftswissenschafterin Adelheid Biesecker: «Keine menschliche Produktion ist möglich, ohne dass die Natur schon produziert hat, und keine Erwerbsarbeit ist möglich ohne vorher geleistete Sorgearbeit.»

Bei «Care-Arbeit» denkt die Allgemeinheit an Pflegepersonal, an Betreuung im Spital, in Alters- und Wohnheimen. Was nicht unrichtig ist. Saskia Misteli aber betont, dass sie selbst sich vor allem als Mutter in der Care-Arbeit sieht. «Es ist die Art von Arbeit, die gemacht werden muss. Wer Kinder betreut, kann nie einfach verschwinden, weggehen. Alles, was in diesem Bereich geleistet wird, ob von Müttern, Vätern oder weiteren Bezugspersonen, ist eine ganz wichtige Arbeit für die Gesellschaft.»

Pflegearbeit ist keine Privatsache sondern Aufgabe für die Allgemeinheit

Deshalb wünscht sich Saskia Misteli für die Zukunft, dass die Zeit für Erwerbsarbeit, Sorgearbeit, für die eigene Entwicklung und die Teilhabe an der Politik als gleichwertig betrachtet wird und gleichmässig eingeteilt werden kann. «Für alle Menschen soll das so sein», sagt sie, «das kann nicht einfach nur im Privaten ausgehandelt werden, zwischen Paaren oder mit der Delegation der Care-Arbeiten.»

Ein Anliegen, das genauso politisch ist, wie damals der Kampf um das Frauenstimmrecht. Sie, die damit aufgewachsen ist, sei sehr froh, dass es erkämpft wurde, sagt Saskia Misteli. Von einer älteren Generation Frauen, die lauter waren und «hässiger» als ihre eigene, die nicht als Opfer dastehen wolle und zurückschrecke vor der Ablehnung, die laute Frauen nach wie vor antreffen. Saskia Misteli sagt:

«Die Leute hören nicht zu, wenn eine polternd auftritt, so findet auch kein Umdenken statt. Aber wir dürfen uns jetzt nicht einfach auf dem Erreichten ausruhen.»

Es ist nicht zu befürchten, dass Saskia Misteli sich zurücklehnen wird. Sie wird dranbleiben und weiterhin für ihren Zukunftswunsch einstehen als care-arbeitende Mutter und bei der Erwerbsarbeit, die sie voller Begeisterung ausübt. Aber auch in den Stunden, in denen sie sich die Zeit für das Backen ihres, wie sie sagt, hervorragenden Dinkelbrotes, nimmt.