Die Stadt in der Stadt
Als in der Telli noch die Kühe grasten

An der allerletzten Aarauer Einwohner-Gmeind wurde 1969 der Weg für die «Staumauern» frei gemacht.

Hermann Rauber
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Das Gebiet Telli im August 1958: eine weite, grüne Fläche.

Das Gebiet Telli im August 1958: eine weite, grüne Fläche.

ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchi

Um 1965 grasten in der hinteren Telli in Aarau noch Kühe, im mittleren Teil dominierten die Gebäude der Schokoladenfabrik Frey und der Färberei Jenny, ein bescheidener Fahrweg führte gegen die Suhrenbrücke in Richtung Rohr, an dem auch das Restaurant Telli mit einer lauschigen Gartenwirtschaft und einer Voliere lag. Gewohnt wurde in der Aargauer Kantonshauptstadt noch vorwiegend im weitgehend geschützten historischen Kern und in der charakteristischen Gartenstadt. Dank dem damals noch florierenden Industriestandort und durch das stetige Bevölkerungswachstum wuchs der Druck auf den Wohnungsmarkt und damit auch auf die Baulandreserven auf Stadtgebiet.

Wegweisend für die weitere Entwicklung auf dem gesamten Stadtgebiet waren die neue Bauordnung und der erstmalige Zonenplan von 1959, der über eine Ausnützungsziffer ein verdichtetes Bauen erlaubte, unter anderem auch für Hochhäuser. Erste sichtbare Zeichen solcher «Block-Überbauungen» fanden sich im Tannengut, im Binzenhof- und Goldernquartier oder am Wöschnauring. Parallel dazu eröffnete der Stadtrat 1970 die politische Debatte über die «Gesamtentwicklungsplanung». Unter dem Titel «Aarau morgen?» standen drei Modelle zur Wahl, von der Kleinstadt über die Zentralstadt bis zur Regionalstadt, wobei letztere nach harten Diskussionen im Einwohnerrat letztlich obsiegte. Nun richtete sich der Blick auf die grasenden Kühe in der Telli und auf das Jenny-Areal, das zum Verkauf stand.

Historische Bilder von Aarau: Wie sich die Kantonshauptstadt in 150 Jahren verändert hat

Kettenbrücke ca. 1860 Blick vom Zollrain auf die Kettenbrücke und den dazugehörigen Gasthof.
33 Bilder
Die Maturandenklasse der Kantonsschule Aarau von 1896. Der Herr links in der vorderen Reihe ist übrigens Albert Einstein.
Bahnhofstrasse 1915 Das Postgebäude wurde in diesem Jahr eröffnet.
Postkarte 1916 Die Stadt Aarau vor rund 100 Jahren.
Im Torfeld, irgendwann zwischen 1918 und 1937. Mit den Werkhallen der Firma Oehler & Cie.
Bahnhofplatz 1918 Der Bahnhofplatz mit einem Zug der Wynentalbahn.
Postkarte 1918 Der Stempel datiert vom 12. Juni 1918.
Schachen 1919 Der Aarauer Schachen von der Luft aus 600 Metern.
Postkarte 1919 Aufgenommen an der Kreuzung Pestalozzi-/Schanzmättelistrasse. Das 1911 erbaute Schulhaus war noch fast neu.
Luftaufnahme 1919
Postkarte 1919 Der Rathausplatz mit Kindern und einem Fahrzeug.
Am Rain um 1919. Im Hintergrund der Turm des Obertors.
Aarau anno dazumals
Luftaufnahme 1919 Der Rain und Vorstadt aus der Vogelperspektive. Die Fussgänger sind noch klar in der Überzahl.
Luftaufnahme 1919 Das grosse Gebäude unten rechts ist das Zelglischulhaus.
Die Obere Vorstadt um 1921. So leer sieht man die Strasse heute selten.
Kettenbrücke 1921 Die Hängebrücke mit Stahlketten stand fast 100 Jahre lang. Ihr Nachfolger behielt im Volksmund den Namen «Kettenbrücke». In den kommenden Jahren wird auch dieser durch einen Neubau ersetzt.
Ein Blick in die Rathausgasse (1921) An den Gebäuden links erkennt man die bemalten Dachgiebel. Nicht umsonst gilt Aarau als «Stadt der schönen Giebel». Die Rathausuhr ist noch üppig dekoriert.
Steinbruch Zurlinden 1923 Der Grundstein für die späteren Jura-Cement-Fabriken.
Postkarte 1927 Blick vom Stadtturm Richtung Regierungsgebäude.
Postkarte1928 Die Stadt Aarau um 1928.
Kettenbrücke ca. 1930 Auffällig sind die markanten Torbögen der Brücke.
Die alte Badi (1932) Das Schwimmbad lag früher noch am linken Aareufer.
Alpenzeiger 1947 Ein Spaziergang zu diesem Aussichtspunkt lohnt sich auch heute noch.
Kettenbrücke 1948 Die Kettenbrücke wird abgerissen.
Katholische Kirche 1948
Aarebrücke 1948/49 Bald sieht es wohl wieder so ähnlich aus.
Luftaufnahme 1958 Der Kantonsspital Aarau sah früher noch ganz anders aus.
Maienzug 1964
Telli 1964 Die Kunath Futterfabrik in der Telli. Heute ist dieser Ort weit über die Region als Konzertlokal «Kiff» (Kultur in der Futterfabrik) bekannt.
Schachen 1964 Tausende pilgerten an das Schwing- und Älplerfest im Schachen.
Luftaufnahme 1966 Der Aarauer Bahnhof aus der Luft.
Luftaufnahme 1979 Die Stadt Aarau vor knapp 40 Jahren.

Kettenbrücke ca. 1860 Blick vom Zollrain auf die Kettenbrücke und den dazugehörigen Gasthof.

ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Friedrich Gysi

1400 Aarauer segneten es ab

Vorerst allerdings musste der Souverän über eine entsprechende Abänderung des Zonenplans «für das Gebiet der unteren Telli» befinden. Er tat dies am 9. Dezember 1969, an der allerletzten Einwohner-Gemeindeversammlung. Damit konnte das Areal optimal in einen arrondierten Wohnbereich und in eine Industriezone aufgeteilt werden. Die rund 1400 Stimmberechtigten segneten im Saalbau den stadträtlichen Vorschlag «mit sehr grosser Mehrheit» ab und machten damit den Weg frei für eine städtebauliche Entwicklung, von der wohl zu diesem Zeitpunkt die wenigstens zu träumen wagten, die aber sehr bald einsetzen sollte.

Die Stadt in der Stadt

Die Versicherung AXA Winterthur will zwei der vier Telli-Hochhäuser (Delfterstrasse), bekannt als «Staumauern», im grossen Stil sanieren. Betroffen sind insgesamt 581 Mietwohnungen, in denen weit über 1000 Menschen leben. Die AXA wird einen tiefen dreistelligen Millionenbetrag investieren. Das Baugesuch wird in den nächsten Wochen im Stadtbüro aufliegen. Ob und wie sich diese Investitionen auf die Mietzinsen auswirken, sei noch nicht eruierbar, so die AXA. Diese Woche findet eine Infoveranstaltung für die Mieter statt. Die az nimmt die Sanierung zum Anlass, in einer mehrteiligen Serie einen Blick auf die Geschichte der wohl berühmtesten Hochhäuser der
Region zu werfen.

Bereits in der ersten Hälfte des Jahres 1970 fiel in der Telli der Startschuss für die Projektierung einer Grossüberbauung mit den Grundeigentümern, zur Hauptsache die Generalunternehmung Horta Holding AG von Josef Wernle und die Färberei Jenny, die ihr Areal wenig später der Horta verkaufte. Den restlichen Viertel des betroffenen Landes teilten sich die Einwohner- und Ortsbürgergemeinde Aarau und der Kanton Aargau. Aus einem Wettbewerb, an dem sechs eingeladene Architekturbüros teilnahmen, ging der Vorschlag von Hans Marti und dessen Kompagnon Hans Kast als Sieger hervor. Der Zürcher Marti war in Aarau kein Unbekannter, hatte er doch bereits bei der neuen Bauordnung von 1959 mitgewirkt und sich als Ortsplaner im Aargau einen Namen gemacht. Die konkrete Gestaltung des Projektes in der Telli überliess er aber Hans Kast, dem stillen Schaffer im Hintergrund.

Und plötzlich ging es rasend schnell

Nun ging es rasend schnell vorwärts. Das Baugesuch für die erste Wohnzeile wurde nach einer äusserst kurzen Vorbereitungszeit bereits im Juli 1971 eingereicht. Noch im gleichen Jahr erteilte der Stadtrat die Bewilligung samt einem Teilzonenplan für die Realisierung dieses für Aarau gewaltigen Vorhabens. Denn in vier Etappen sollten südlich des Auenwaldes der Aare insgesamt 1258 Wohnungen entstehen, wobei man damals optimistisch von einem Wachstum der Einwohnerzahl von rund 4500 Personen ausging. Zur Infrastruktur der Aarauer «Satellitenstadt» zählte auch ein Einkaufszentrum (bezogen 1973) und ein Bürohochhaus, das nach dem Konkurs der Firma Horta vom Kanton Aargau 1976 als Verwaltungsgebäude käuflich erworben wurde.

Die Überbauung Telli sei, so der ehemalige Aarauer Stadtbaumeister Felix Fuchs in einem Beitrag in den Neujahrsblättern 1998, «ein gewichtiger Beitrag im schweizerischen Wohnungsbau der Nachkriegszeit», der auf «Trennung der Funktionen, Durchgrünung der Siedlung sowie Industrialisierung des Wohnungsbaus» basiere.